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Reise ins Körpergewebe

Der Blick in den Körper mittels Ultraschall

Seit es Ärzte gibt, ist es ihr Bestreben, nach Schmerz und Krankheit zu suchen. Diese liegen meist im Körper­inneren, lassen sich also nicht ohne Weiteres erkennen. Jahrtausendelang blieb den Heilenden nichts übrig, als durch äußeres Betasten und begrenzte Einblicke in natürliche Körperöffnungen ihre Untersuchungen vorzunehmen. Die Diagnose war damit nicht nur sehr eingeschränkt, sondern häufig auch spekulativ. Ein guter Schritt nach vorne wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts getan: Das Röntgen war für die Medizin zugänglich geworden. Damit konnten zumindest röntgendichte Strukturen wie Knochen dargestellt werden. Weichteile wie Mus­keln, Sehnen, Niere und Leber allerdings waren hierdurch kaum zu erkennen.

Mit zunehmender Entwicklung der Elektronik bestand schließlich die Möglichkeit, Schallwellen in den Körper zu senden, die von verschiedenen Geweben unterschiedlich reflektiert werden. Mit entsprechenden Verstärkern werden die zurückgeworfenen Wellen dann bildlich dargestellt. Auf diesen Bildern kann ein Laie so gut wie nichts erkennen. Das Bild muss erst gelesen werden, wozu natürlich entsprechende Ausbildung und Erfahrung nötig sind. 

Die Geburtshilfe ist heute nicht zufällig das bekannteste bzw. geläufigste medizinische Anwendungsgebiet für den Ultraschall, sie ist auch eines der ersten gewesen. Jedermann leuchtet wohl ein, dass eine Frau während der Schwangerschaft regelmäßig zur Ultraschalluntersuchung geht, um die Entwicklung des Kindes beobachten zu lassen. Auch die Ultraschalluntersuchung durch den Internisten hat sich inzwischen einigermaßen im Bewusstsein der Patienten eingebürgert. 

Beim Orthopäden hingegen würde man eine Ultraschalluntersuchung nicht so ohne Weiteres erwarten. Dabei hat sich auch dort die Sonographie seit etwa 25 Jahren etabliert. Und zwar auch hier insbesondere im Hinblick auf die gesundheitliche Betreuung der „neuen Erdenbürger“. Die Sonographie nämlich erlaubt es, die Hüftgelenke beim Neugeborenen zu untersuchen. Dies war vor einiger Zeit noch alles andere als eine Standarduntersuchung. Denn während dem Ungeborenen schon seit vielen Jahren – sonographisch gesehen – viel Aufmerksamkeit gewidmet wird, sind Vorsorgeuntersuchungen bald nach der Geburt in diesem Rahmen keineswegs selbstverständlich – dabei umso unerlässlicher. 

So weiß etwa der Münchner Orthopäde Dr. Hans Sperber, der bereits seit 1984 Säug­lingshüften mit Ultraschall untersucht: „Die Untersuchung ist wichtig, um eventuelle Fehlanlagen so früh wie möglich aufdecken und behandeln zu können, da eine evtl. nötige Behandlung umso länger dauert, je später sie beginnt.“ Dies haben inzwischen auch die gesetzlichen Krankenkassen eingesehen; die Untersuchung zwischen der 4. und 6. Lebenswoche gehört seit ein paar Jahren zum Vorsorgeprogramm. Dazu Dr. Sperber: „Besser wäre eine Untersuchung gleich in der 1. Woche nach der Geburt, vor allem wenn Anlagestörungen in der Familie bekannt sind, und dann erneut nach etwa 3 Monaten. Aus Kostengründen hat man sich aber für eine einmalige Untersuchung in der Mitte entschieden.“

Aber auch im weiteren Lebensverlauf ist die Sonographie sehr nützlich, z.B. bei Kindern und Jugendlichen zur Untersuchung bei Hüftschmerzen, bei Knieschmerzen und Überlastungssyndromen von Bändern. Insbesondere wird sie zur Abklärung der verschiedenen Arten von Sportverletzungen eingesetzt. Eltern schätzen daran, dass sich dadurch oft Röntgenaufnahmen bei ihren Sprösslingen erübrigen.

Im Erwachsenenalter ist der häufigste Grund für die Durchführung der Sonographie die schmerzende Schulter. Nachdem die Schulter ein hauptsächlich muskulär geführtes Gelenk ist, „schreit“ sie sozusagen nach der Ultraschalluntersuchung. „Besser als bei jeder anderen Methode können mit ihr Muskeln, Sehnen, Schleimbeutel und Kapselanteile auch in Bewegung dargestellt werden, was für die richtige Diagnose ein unschätzbarer Vorteil ist“, meint Dr. Sperber. 

Aber auch für viele andere Problembereiche ist die Sonographie hilfreich, z.B. beim Tennisellbogen, beim Karpaltunnelsyndrom, bei Meniskusschäden, bei Achillessehnenbeschwerden oder bei diversen Fußschmerzen. Die betroffenen bzw. Symptome auslösenden Weichteile können derart auf einfache und schmerzlose Weise beurteilt werden. Nicht zuletzt lassen sich z.B. auch Flüssigkeiten aus Kniegelenkszysten und Ganglien mit Hilfe der Sonographie gezielt absaugen. 

Der Ultraschall dient seit seiner Entdeckung für die Medizin also nicht mehr allein den Fledermäusen zur Orientierung bei ihren Nachtflügen. Er „navigiert“ den Arzt gewissermaßen bei seiner Suche nach den unter der Körperoberfläche liegenden Strukturen und Prozessen und hat dabei insgesamt viel Klarheit ins Dunkel der „inneren Anatomie“ gebracht. Und darüber hinaus haftet dem Gedanken an eine (virtuelle) Reise in den menschlichen Körper immer noch etwas Faszinierendes an.

 

Ein Archivbeitrag* aus ORTHOpress 4 | 2000
*Archivbeiträge spiegeln den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wieder. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen.