Heterotope Ossifikation nach Hüftgelenks-OP

VonStefanie Zerres

Der Körper hat einige besondere Regenerationsfähigkeiten. Dazu gehört unter anderem die Neubildung von Knochen im Rahmen der Bruchheilung. Nach einer Fraktur besteht dadurch die Möglichkeit – gegebenenfalls mit entsprechender Stützung der Bruchenden – den betroffenen Körperteil nach einer Heilungsphase meist wieder ganz normal nutzen zu können. Weniger nützlich ist es jedoch, wenn sich Knochen an Stellen bildet, wo er normalerweise nicht auftritt, wie in Weichteilgeweben. Zu so einem Vorgang, medizinisch heterotope Ossifikation genannt, kann es aufgrund von neurologischen, genetischen oder traumatischen Ursachen kommen. Dabei handelt es sich um eine Umwandlung von Weichteilgewebe zunächst in Knorpel und dann in Knochen. Nach Abschluss der Entwicklung unterscheidet sich das Gewebe nicht von anderen Knochen des Skeletts. Die Tatsache, dass die heterotope Ossifikation neben anderen Verletzungen nach dem Einsatz eines künstlichen Hüftgelenkes eine Rolle spielt, führt man auf die Gewebeverletzung zurück, die ein solcher Eingriff mit sich bringt.

Studien zufolge entwickelt sich eine heterotope Ossifikation nach einer endoprothetischen Versorgung des Hüftgelenks unter bestimmten Voraussetzungen häufiger. So sind beispielsweise Männer häufiger betroffen als Frauen. Außerdem beeinflussen Zugangswege und die Art des Kunstgelenkes die Entwicklung der unerwünschten Verknöcherungen. Wundinfektionen, Fieber nach der Operation sowie postoperative Blutergüsse scheinen ebenso beeinflussend zu wirken. Manche Quellen geben an, dass Patienten, die vor der Operation aktiver waren, häufiger eine heterotope Ossifikation entwickeln, als weniger aktive Personen. Da der Bedarf einer endoprothetischen Versorgung mit höherem Alter steigt, sind mehr Erkrankungsfälle bei älteren Menschen bekannt.

Die genauen Mechanismen und Ursachen der fehlgeleiteten Stoffwechselvorgänge sind noch nicht vollständig bekannt. So vermutet man unter anderem, dass Stammzellen, die sich in Hämatomen nach der OP befinden, „falsch verhalten“ oder dass durch die Eingriffe am Knochen Wachstumsfaktoren austreten, im Gewebe verbleiben und dort die knochenbildenden Zellen (Osteoblasten) aktivieren. Speziell im Bezug auf die Hüftendoprothetik vermutet man, dass das Operationstrauma eine überschüssige Aktivität der knochenbildenden Zellen auslösen kann.

Eingeschränkte Beweglichkeit beheben

Kennzeichnend für eine heterotope Ossifikation sind zunehmende Bewegungseinschränkungen und Schmerzen des operierten Gelenkes. Häufiger jedoch verläuft sie ohne Symptome und wird nur durch Routineuntersuchungen festgestellt. Die Veränderungen beginnen direkt nach dem Eingriff. Nach vier bis acht Wochen nach der Operation können die Verknöcherungen, die oft an der für das Heranziehen des Beines verantwortlichen Muskulatur entstehen, auf Röntgenbildern erkennbar sein. Neben der Bildgebung des Röntgens spielt auch die sogenannte Skelettszintigrafie diagnostisch eine Rolle. Damit kann die Aktivität der heterotopen Ossifikation beurteilt werden. Diese ist meist mit Verknöcherungen nach einem Jahr, in dessen Verlauf verschiedene Erkrankungsstadien zur Klassifizierung festgestellt werden können, abschließend ausgeprägt. 

Wenn es dadurch zu starken Einschränkungen gekommen ist, müssen in der Regel chirurgische Maßnahmen ergriffen werden, um die Verknöcherungen zu entfernen. Konservative Behandlungen wie Krankengymnastik hingegen sind nur selten für die Betroffenen von Nutzen. Wenn es in Ausnahmefällen durch die heterotope Ossifikation zu einer Lockerung des Kunstgelenkes gekommen ist, erfordert dies einen Revisionseingriff. Um erneute Verknöcherungen nach der Entfernung zu verhindern, wird empfohlen, die vollständige Ausbildung der Veränderungen abzuwarten, was mittels Knochenszintigrafie bestimmt werden kann. Dieser Zeitraum kann sechs bis zwölf Monate nach dem Einsatz des Kunstgelenkes sein. Nach Abschluss der verändernden Prozesse sollte allerdings nicht zu viel Zeit vergehen, bis störende Anbauten entfernt werden, damit so wenig Muskelrückgang wie möglich durch die Immobilität entsteht.

Prävention: NSAR und Radiatio

Um einer heterotopen Ossifikation nach Implantation einer künstlichen Hüfte vorzubeugen, werden in der Regel nach dem Eingriff Medikamente aus der Gruppe der sogenannten nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) verabreicht. Für Patienten, die diese Medikamente nicht einnehmen können und für solche mit einem zusätzlich erhöhten Ossifikations-Risiko ist die Bestrahlung der Hüftregion unmittelbar vor der Operation – in manchen Fällen kann es auch postoperativ erfolgen – eine mögliche präventive Maßnahme. Die ionisierenden Strahlen hemmen die Zellaktivität der Knochenbildung.

von Stefanie Zerres

aus ORTHOpress 3/16

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