Gelenkschmerzen und ihre Ursachen

VonUlrike Pickert

Annahme 1: Das Ausmaß des Gelenkschadens steht immer in unmittelbarem Zusammenhang mit der Intensität der Schmerzen.

Auch wenn dieser Zusammenhang in der Regel bei sehr starken Gelenkverletzungen nachweisbar ist, lässt er sich grundsätzlich nicht verallgemeinern. So geht man heute davon aus, dass etwa die Hälfte aller Frauen und Männer mit radiologisch nachweisbaren Gelenkschädigungen keine Schmerzen haben. Umgekehrt besitzt z. B. jeder zweite Patient, der unter Knieschmerzen leidet, ein intaktes Gelenk. Es stellt sich die Frage, ob es bestimmte Gelenkveränderungen gibt, die für den Schmerz verantwortlich sind. Was etwa das Knie betrifft, weisen Forscher darauf hin, dass eine Verengung des Gelenkspalts eher zu Schmerzen führt als degenerative, strukturelle Veränderungen des Knochens (Osteophyten). Studien sprächen dafür, dass starke Schmerzen im Knie maßgeblich mit einer Entzündung der Gelenkinnenhaut oder einer Verletzung des Knochenmarks in Verbindung stehen, nicht aber mit Osteophyten, Knorpelgewebsveränderungen oder Knochenzysten.

Annahme 2: Der Gelenkschmerz entsteht immer im Gelenk selbst.

Dass Schmerzen stets dort ihren Ursprung haben, wo sie auftreten, ist ein weitverbreiteter Irrtum. In vielen Fällen liegt die eigentliche Schmerz-ursache in benachbarten oder auch entfernteren Körperregionen. Eine wichtige Rolle spielen dabei die sogenannten Triggerpunkte. Das sind kleine, tastbare Knötchen in den Muskeln, welche Schmerzen auch an scheinbar unbeteiligten Stellen auslösen können. Im Übrigen spielt auch der Kopf bei der Entstehung von Schmerzen eine wichtige Rolle. Das ist dann der Fall, wenn sie sich unabhängig von der ursprünglichen Schmerzursache verselbstständigen und ein regelrechtes Schmerzgedächtnis entsteht. Dabei kommt es zu einer Hypersensibilisierung bestimmter Gehirnregionen.

Annahme 3: Jeder Gelenkschmerz ist mit einer Entzündung verbunden.

Entzündungen der Gelenkinnenhaut spielen vor allem bei rheumatisch-entzündlichen Erkrankungen wie der rheumatoiden Arthritis und / oder akuten Gelenkschmerzen eine entscheidende Rolle. Ursache ist in der Regel eine Verengung des Gelenkspalts, welche den lokalen Druck verstärkt.

Annahme 4: Gelenke sollten möglichst gewärmt werden.

Feuchte, kalte Luft wirkt sich bei Rheuma eher schädlich aus. Das heißt aber nicht, dass Wärme in jedem Fall guttun würde. Dass gerade Kälte heilsam sein kann, war bereits in der Antike bekannt. Immerhin ließen sich griechische Ärzte das Eis vom Olymp holen, um damit ihre Patienten zu behandeln. Noch heute therapiert man Verstauchungen, Entzündungen oder Fieber erfolgreich mithilfe von Eisbeuteln. Die Wirkung der Kälte lässt sich darauf zurückführen, dass sie die körperlichen Reizleitungen blockiert. Heute fasst man unter dem Begriff Kryotherapie alle Behandlungsverfahren zusammen, die sich die therapeutische Wirkung der Kälte zunutze machen. Die wohl aufwendigste dieser Therapieformen ist die Kältekammertherapie, bei der man den Körper des Patienten für eine kurze Zeit einer extrem niedrigen Temperatur aussetzt. Grundsätzlich ist bei entzündlichen Erkrankungen eher Kälte und bei degenerativen Veränderungen ohne Entzündung eher Wärme angezeigt.

Annahme 5: Gelenkschmerzen sind eine unvermeidbare Begleiterscheinung des Alterns.

Dass der Anteil der Arthrosepatienten bei Menschen über 60 überdurchschnittlich hoch ist, lässt sich nicht bestreiten. Es besteht aber dennoch kein zwangsläufiger kausaler Zusammenhang zwischen Alterung und Gelenkschmerz. Auch wenn sich die Degenerations- und Verschleißprozesse grundsätzlich nicht aufhalten lassen, haben es die Betroffenen zu einem erheblichen Teil selbst in der Hand, deren Einfluss auf ihr Wohlbefinden einzuschränken. Eine nicht unbedeutende Rolle spielt die Frage, wie aktiv jemand ist, ob er z. B. den ganzen Tag vor dem Fernseher hockt oder sich regelmäßig sportlich betätigt. Auch Gewicht und Ernährung sind von erheblicher Bedeutung.

Gelenkschmerzen sind kein Schicksal, dem man in jedem Fall hilflos ausgeliefert wäre. In den allermeisten Fällen gibt es je nach Art und Intensität der Erkrankung geeignete Methoden, mit denen sich die Beschwerden zumindest lindern oder erträglicher machen lassen. Am besten ist es, schon von Kindesbeinen an ein gelenkschonendes bzw. -stärkendes Leben zu führen, damit es erst gar nicht zu krankhaften Veränderungen kommt.

von Klaus Bingler

aus ORTHOpress 1/17

Dieser Artikel wurde nach fachlichen Standards verfasst und geprüft.

Autor: Ulrike Pickert

Veröffentlicht: 07.02.2019 Letztes Update: 24.06.2019

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