Computergestützte Hüftgelenks-Operation

VonLena Krieger

Computergestützte Hüftgelenks-Operation

Wegweisende Technik mit geringer Belastung

Wer bei Operationen an Computer denkt und die Diskussion um moderne Operationstechniken verfolgt hat, dem fallen zunächst die so genannten Operations-Roboter ein. „Zu groß, zu schwer, zu teuer“, argumentieren die Gegner des künstlichen Operateurs – seine Befürworter führen die große Genauigkeit der durchgeführten Fräsarbeiten am menschlichen Knochen an. 

Neuere Verfahren bedienen sich heute daher nicht mehr primär der „Arbeitsleistung“ des Computers, sondern seiner Rechenkünste. Die Stärken der CAS (Computer Assisted Surgery, zu deutsch: Computergesteuerte Chirurgie) liegen daher vor allem in der Navigation, die dem Arzt ein millimetergenaues Operieren ermöglicht. „Ganz so, wie heute satellitengestützte Navigationssysteme im Auto den Fahrer in einer ihm unbekannten Stadt buchstäblich ‘an die Hand nehmen’ und ihn sicher an sein Ziel bringen, können wir heute auch das Einsetzen einer Knie- oder Hüftgelenksprothese vom Computer überwachen lassen“, schwärmt Privatdozent Dr. Kai Bernsmann von der Girardet-Klinik in Essen. Die Vorteile, die das „Operations-GPS“ für den Patienten bringt, liegen dabei in der hohen Genauigkeit, mit welcher der Computer dem Operateur die Ausrichtung der Prothese diktiert. Um die Lage der Instrumente und der Prothese überprüfen zu können, müssen normalerweise bildgebende Verfahren eingesetzt werden – und zwar im Laufe einer Operation immer wieder, denn „der Patient ist ja nicht am Operationstisch festgeschraubt“, erläutert Dr. Bernsmann. Jede kleine Änderung der Lage des Körpers muss daher mit einer Röntgenaufnahme überprüft werden – der Arzt muss ja schließlich jederzeit wissen, wo er sich mit Skalpell und/oder Fräse befindet. Mit der CAS soll das jetzt der Vergangenheit angehören. Dazu werden verschiedene Sender am Bein des Patienten angebracht. Diese melden dem Computer jede Veränderung ihrer Position. Der Computer errechnet dann in Echtzeit auf Grund dieser Daten, die er mit einem vor der Operation angefertigten CT-Bild vergleicht, nicht nur Winkel und Position der einzubringenden Prothese, sondern er stellt dem Arzt auch auf einem Monitor die Lage seiner Operationsinstrumente dar. „Wird eine Prothese abweichend vom Idealwinkel eingebracht“, so Dr. Berns­mann, „leidet erfahrungsgemäß die spätere Lebensdauer des Gelenkersatzes“. Dies führt im schlimmsten Fall zu einer Nachoperation, und fast immer muss man damit rechnen, dass sich die Zeit der optimalen prothetischen Versorgung des Patienten damit verkürzt. Schuld daran sind die Kräfte, die später beim Gehen auf die Prothese einwirken: Wird sie falsch oder einseitig zu stark belastet, so kann eine rasche Auslockerung die Folge sein. Der Patient profitiert von der neuen Computertechnik letztendlich in doppelter Weise: Zum einen wird die Belastung durch den Eingriff minimiert, zum anderen kann er davon ausgehen, den Gelenkersatz mit maximaler Genauigkeit zu erhalten. Auch konnte das Risiko eines solchen Eingriffs gegenüber den früheren Roboter-Operationen erheblich gesenkt werden, bei denen ja trotz hoher Genauigkeit auf Grund des großen benötigten Zugangs zur Operationsstelle eine vergleichsweise starke Traumatisierung des umliegenden Gewebes und ein damit verbundener hoher Blutverlust in Kauf genommen werden musste. Auch der praktische Einsatz der nächsten Weiterentwicklung der CAS steht schon vor der Tür: In wenigen Wochen wird auch die CT-freie Navigation der Hüftpfanne möglich sein. Dies bedeutet u.a., dass die bei herkömmlichen Eingriffen auftretende hohe Strahlenbelastung vermieden wird. Dr. Bernsmann, der das System in Zusammenarbeit mit der Universität Bern entwickelt und erprobt hat, sieht in der neuen Technik die Zukunft der Endoprothetik: „Natürlich liegen zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Langzeiterfahrungen vor. Wir sind aber zuversichtlich, auf lange Sicht den Zeitraum der prothetischen Versorgung mit Hilfe der CAS signifikant verbessern zu können.“ Zudem bringe die CT-freie Navigation auch für Epiphysenspickungen, Umstellungsosteotomien und Hüftkopfanbohrungen eine Reihe von Vorteilen.

 

Ein Archivbeitrag* aus ORTHOpress 2 | 2001

*Archivbeiträge spiegeln den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wieder. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen.

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