Epidural-Katheter: Alternative zur Operation?

Schonendes Verfahren zur Behandlung von Bandscheibenvorfällen 

Bei der Behandlung von Bandscheibenvorfällen setzt sich immer mehr eine Methode durch, die eine Alternative zur klassischen Wirbelsäulenoperation mit ihren für den Patienten oft sehr belastenden Folgen darstellt: das von dem texanischen Schmerztherapeuten Prof. Dr. Gabor Racz entwickelte Epidurale Katheterverfahren. Viele Orthopäden, Neurochirurgen, Anästhesisten und Sportmediziner sind inzwischen von den Vorzügen dieser minimalinvasiven Therapie überzeugt. In der orthopädischen Privatklinik Köln/Rhein-Sieg GmbH in Siegburg setzen die Orthopäden seit rund zwei Jahren den Katheter ein.

Bandscheibenschrumpfung per Enzymlösung 

Dieser Katheter, der extrem dünn und biegsam ist, wird über eine kleine Einstichstelle im Steißbein in den Wirbelkanal eingeführt und bis zur vorgefallenen Bandscheibe vorgeschoben, wobei über einen Bildumwandler eine ständige beobachtende Kontrolle erfolgt. Über den Katheter wird nun eine Enzymlösung injiziert, die der betroffenen Bandscheibe Flüssigkeit entzieht. Auf diese Weise schrumpft die Bandscheibe an der gewünschten Stelle soweit ein, dass der Druck auf den Nerv nachlässt. Meistens hören die Beschwerden der geplagten Patienten sofort auf.

Kein langer stationärer Aufenthalt

Zwei bis vier Tage wird der Katheter an der gleichen Stelle belassen, um die Injektionen noch mehrfach wiederholen zu können. Danach verlassen die Patienten die Klinik und können nach zwei bis drei Wochen in der Regel sogar wieder Sport treiben. Langwierige Aufenthalte in einer Rehaklinik entfallen. Stattdessen genügt ein isometrisches Aufbautraining, das bei einem Krankengymnasten, unter Umständen jedoch auch zu Hause, durchgeführt werden kann. Die Patienten sind im Arbeitsleben meistens sehr schnell wieder voll einsetzbar.

Entscheidende Vorzüge gegenüber offenen operativen Eingriffen

Die Orthopäden betonen die Vorzüge des Epidural-Katheters gegenüber der offenen Wirbelsäulen-Operation:  „Während man die offene Operation an der Halswirbelsäule heute nur noch sehr ungern durchführt, bemüht man sich gerade bei HWS-Bandscheibenvorfällen, die vorhandenen konservativen Behandlungsmethoden optimal auszuschöpfen. Dies ist jedoch leider oft mit jahrelangen Leidensgeschichten verbunden. Hier bieten sich als langfristige Alternative minimal-invasive Techniken an.” 

In der Tat gilt die Halswirbelsäule im Allgemeinen als langwierig und schwierig zu therapieren. Das ist besonders darauf zurückzuführen, dass unsere Halswirbel beweglicher sind als unsere Lendenwirbel und daher häufiger von schlecht kontrollierbaren abrupten Bewegungen betroffen sind. Operative Eingriffe sind vor allem deshalb problematisch, weil sich die Wirbelsäule des Menschen nach oben hin verjüngt, was den Raum für die zum Eingriff zu benutzenden Instrumente erheblich einschränkt. Zum anderen liegen die Bandscheiben und Wirbelkörper in bedenklicher Nähe zur Halsschlagader und zum Nervus sympathicus. Dies bewirkt, dass ein Eingriff potenziell schwieriger und risikoreicher wird als an der Lendenwirbelsäule.

Die Orthopäden betonen die Schwierigkeiten, die im HWS-Bereich auftauchen:  „Anders als bei akuten Bandscheibenvorfällen an der Lendenwirbelsäule, deren Schmerzen meistens schnell gelindert werden können, liegt der Fall bei der Halswirbelsäule oft anders. Die Schmerzen strahlen häufig in Brust und Kopf aus, auch Gleichgewichtssinn und Hörvermögen können erheblich in Mitleidenschaft gezogen werden.”

Außerdem müssten die Patienten oft Wochen und Monate warten, bis die Operationswunde verheilt und der gewünschte Behandlungserfolg eintritt, was aber leider nicht immer der Fall ist. „Die Aussichten, ein Leben wie vor der Erkrankung zu führen, sind je nach Schwere des Eingriffs recht unterschiedlich.”

Auch für Risikopatienten geeignet

Auch die geringe physische Belastung, die mit dem Eingriff verbunden ist, spricht aus Sicht der Orthopäden für das Katheterverfahren. Besonders bei älteren Patienten ist oftmals von einer offenen Operation abzuraten: Zum einen ist das mit einer Vollnarkose verbundene Risiko zu hoch, zum anderen bestehen nicht selten auch Vorerkrankungen wie koronare Herzkrankheit, allgemeine Herz- und Kreislauferkrankungen sowie Durchblutungs- und Stoffwechselstörungen, welche eine Kontraindikation für eine „offene“ Operation sein können. Das Katheterverfahren ist demgegenüber selbst für solche Risikopatienten geeignet, die in der Vergangenheit hoch dosierte Schmerzmittel zu sich nehmen mussten.

In vielen Fällen kann Patienten so ohne Operation wirkungsvoll geholfen werden. Insbesondere postoperative Komplikationen wie Narbenbildung und Verwachsungen können damit vermieden werden. Im Bedarfsfall kann die Behandlung auch nach Monaten oder Jahren beliebig oft wiederholt werden, was bei einer offenen Operation undenkbar wäre.

Lange Schmerzfreiheit

Eine Stuttgarter Studie weist nach, dass auch zwei Jahre nach einer Katheterbehandlung noch zwei Drittel der behandelten Patienten schmerzfrei waren oder zumindest angaben, nur „gelegentlich Rückenschmerzen” zu haben. Trotz aller zuversichtlich stimmenden Entwicklungen sollte jedoch niemals vergessen werden, dass Vorbeugen in jedem Fall besser als Heilen ist.

Eine ausreichende Kräftigung der Bänder, Muskeln und Sehnen trägt auf jeden Fall schon im Vorfeld dazu bei, den Bandscheibenvorfall zu vermeiden. Dies gilt auch für die Halswirbelsäule. Menschen, die dauernden Belastungen von Kopf und Schultern ausgesetzt sind – man denke nur an den Metzger, der schwere Fleischstücke transportiert, den Bauarbeiter, der den ganzen Tag über Bretter und Eisenstangen schleppt, aber auch den Helm tragenden Motorradfahrer –, sollten auf jeden Fall in ihrer Freizeit für ausreichenden Bewegungsausgleich sorgen – auch die beste Therapie ist nur so gut wie die Mithilfe des Patienten.

 

aus ORTHOpress 2 | 2002

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