Rheuma bei Kindern

VonStefanie Zerres

Rheuma bei Kindern

In Deutschland leiden ca. 40.000 Kinder und Jugendliche an entzündlich-rheumatischen Erkrankungen. Pro Jahr erkrankt etwa eines von 1.000 Mädchen und Jungen unter 16 Jahren neu daran. Meist geht die Gelenkentzündung nach einer gewissen Zeit von selbst wieder zurück. In bestimmten Fällen jedoch kommt es zu einem chronischen Krankheitsverlauf.

Chronisch-rheumatische Gelenk—-entzündungen wie z. B. die juvenile idiopathische Arthritis, die häufigste Rheumaform bei Kindern, beginnen sehr oft schleichend, ohne dass eine erkennbare äußere Ursache vorliegen würde. Der tiefere Grund liegt in einer Fehlfunktion des Immunsystems, die dazu führt, dass die Abwehrzellen körpereigenes Gewebe angreifen. Folgende Symptome können Anzeichen für eine rheumatische Erkrankung sein:

• Ein Gelenk ist geschwollen oder verdickt, ohne dass eine Verletzung vorausgegangen wäre.

• Das Kind schränkt seine Bewegung ein und neigt zu Schonhaltungen.

• Es hat nach dem Aufstehen Anlaufschwierigkeiten und braucht morgens mehr Zeit zum Anziehen. 

• Obwohl das Kind bereits laufen kann, will es wieder getragen werden.

• Der Nachtschlaf ist gestört. Der Sprössling ist tagsüber verstärkt aggressiv oder depressiv.

• Es kommt zu Hautausschlägen oder Augenentzündungen.

Näheren Aufschluss erbringen Blutuntersuchungen

Liegen eines oder mehrere dieser Symptome vor, sollte man einen Arzt aufsuchen. Während sich durch eine körperliche Untersuchung feststellen lässt, welche Gelenke betroffen sind, kann man mithilfe einer Blutprobe anhand der Blutsenkungsgeschwindigkeit und des C-reaktiven Proteins (CRP) bestimmen, wie stark die Entzündung ist. Welches Ausmaß der Erguss in dem entzündeten Gelenk hat, lässt sich mit einer Ultraschalluntersuchung aufzeigen. Röntgenaufnahmen dagegen verhelfen bei Kindern nur relativ selten zu einem aussagekräftigen Bild über die Veränderungen am Gelenk.

Eltern können sich Rat bei Gleichbetroffenen holen

Bei der Behandlung kommen medikamentöse, physikalische, krankengymnastische, ergotherapeutische und unter Umständen auch psychotherapeutische Therapieformen zum Einsatz. Im Akutfall werden entzündungshemmende Medikamente oder Kortisoninjektionen, bei chronischen Verlaufsformen Basistherapeutika wie vor allem Methotrexat (MTX) eingesetzt. In den letzten Jahren haben sogenannte Biologika zunehmend an Bedeutung gewonnen. Darunter versteht man biotechnologisch hergestellte Medikamente, die durch einen gezielten Eingriff in körpereigene Funktionen und Mechanismen das weitere Fortschreiten und die Ausbreitung krankhafter Prozesse im Körper verhindern. Biologische Therapien zielen z. B. bei der rheumatoiden Arthritis darauf ab, die Entzündung durch Einflussnahme auf die Regulation immunologischer Reaktionen zu bekämpfen bzw. zu beenden. Bei der Therapie des kindlichen Rheumas sollte man einerseits beachten, dass diese immer in einem angemessenen Verhältnis zur Erkrankung steht. So wäre es etwa grundfalsch, mit „Kanonen auf Spatzen zu schießen“, also z. B. bei der Behandlung eines geschwollenen Knies aggressive Entzündungshemmer einzusetzen. Andererseits ist die Wahl einer geeigneten Therapie von ganz entscheidender, unter Umständen weichenstellender Bedeutung für das weitere Leben des Patienten und sollte daher bestens überlegt sein.

Eltern betroffener Kinder sollten lernen, so gut es geht mit der Erkrankung umzugehen. Eine Möglichkeit, Rat und Unterstützung zu finden – sei es durch Arztvorträge, Patientenschulungen oder gegenseitigen Informationsaustausch – bieten die Elternkreise, die im Rahmen der Deutschen Rheuma-Liga organisiert werden. Darüber hinaus besteht bereits seit vielen Jahren mit dem „Rheumafoon“ ein bundesweites telefonisches Beratungsangebot für betroffene Eltern und junge Menschen mit Rheuma.

Die regionale Verteilung der versorgenden Einrichtungen ist nicht ausgewogen

Es gibt bundesweit mehr als 90 kinderrheumatologische Ambulanzen, die sich in Fachkliniken, Kinderkrankenhäusern und im niedergelassenen Bereich etabliert haben. Allerdings sind diese Einrichtungen in Deutschland nicht gleichmäßig verteilt. So gab es Ende 2015 in Mecklenburg-Vorpommern keine einzige kinderrheumatologische Einrichtung, die an der Kerndokumentation rheumakranker Kinder und Jugendlicher teilnahm. Die meisten Betreuungseinrichtungen gibt es dagegen in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen (jeweils 17). 

Die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie hat bereits vor einigen Jahren kritisiert, dass es zu wenige Behandlungsangebote gibt, um alle rheumakranken Kinder und Jugendlichen angemessen ambulant zu versorgen. Aufgrund unzureichender Zugangsmöglichkeiten zu einem Kinderrheumatologen und der Tatsache, dass die Erkrankung in vielen Fällen überhaupt nicht erkannt wird, werde nur jedes zweite Kind mit Gelenkrheuma einem Spezialisten vorgestellt. Dass es in Deutschland immer noch Regionen ohne entsprechende Versorgungseinrichtungen gibt, belegt die aktuelle Deutschlandkarte.

von Klaus Bingler

aus ORTHOpress 1/17

Über den Autor

Stefanie Zerres administrator