Dem Atlas und dem Axis Aufmerksamkeit schenken

VonStefanie Zerres

Dem Atlas und dem Axis Aufmerksamkeit schenken

Der beweglichste Teil der Wirbelsäule ist die Halswirbelsäule. Daher kann der Kopf, der das Ende darstellt bzw. von der Halswirbelsäule getragen wird, sich nach vorn und zurück neigen. Auch die Dreh-bewegung beim Blick über die Schulter ist durch diese Flexibilität möglich.

Die Halswirbelsäule, die insgesamt aus sieben Wirbeln besteht, ist aufgrund ihrer Beweglichkeit allerdings auch anfällig für Schäden und Erkrankungen. Betroffen davon können auch die ersten zwei Halswirbel, Atlas und Axis, sein. Ihre Anatomie weist gegenüber den restlichen Wirbelsegmenten Besonderheiten auf. Der erste von den sieben Halswirbeln ist der sogenannte Atlas. Die Benennung geht auf die griechische Mythologie zurück, da besagter Atlas die ganze Welt zu tragen hatte. Bezogen auf den Körper ist dies der Kopf in seiner Gesamtheit. Zusammen mit dem Schädel bildet der Atlas, aufgrund der entsprechenden Kopfbewegung auch Nicker genannt, das Kopfgelenk. Er ist kreisförmig, besitzt keinen Dornfortsatz und umschließt den Zapfen seines nachfolgenden Wirbels. Dieser im Gegensatz zu anderen Wirbeln recht große und massive Axis wird gemäß seiner Funktion auch Dreher genannt. Zwischen den beiden Einheiten, die das zweite Halswirbelsäulen-Gelenk bilden, liegt nicht wie an anderen Wirbelsegmenten eine Bandscheibe zur Pufferung. Gestützt werden Atlas und Axis durch starke Längs- und Querbänder sowie durch die Muskulatur. 

Atlas und Axis sind aber nicht nur in ihrer knöchernen Anatomie besondere Wirbel. Ihre Lokalisation ist durch das Zusammentreffen vieler Nerven und des Rückenmarks äußerst sensibel. Der Atlas bildet den Eingang für das Rückenmark in den Wirbelkanal. Außerdem liegen Bereiche wie die Ohren mitsamt den Gleichgewichtsorganen und das Kiefergelenk so nah, dass sie von Problemen an der Halswirbelsäule mitbeeinflusst werden können.

Erkrankungen der Wirbelsäule, bei denen auch Atlas und Axis beeinträchtigt sein können, sind beispielsweise Skoliose, rheumatische Beschwerden, Osteoporose oder Spondylitis (Wirbelentzündung). Außerdem kann der erste Halswirbel von Geburt an mit dem Hinterhauptbein verwachsen sein. 

Schleudertraumata und Frakturen

Die Beweglichkeit der Halswirbelsäule, insbesondere von Atlas und Axis, wird in der Regel bewusst gesteuert. So verhindert ein Anspannen der Muskulatur bei einem Sprung beispielsweise, dass der Kopf ungebremst hin und her schwenkt. Bei einem Auffahrunfall kann es jedoch unerwartet zu einer heftigen Bewegung kommen, sodass diese nicht rechtzeitig kompensiert werden kann. Die unter dem Begriff Schleuder- oder Beschleunigungstrauma bekannte Verletzungsart der Halswirbelsäule wird daher auch als Peitschenhieb-Verletzung bezeichnet. In vielen Fällen kommt es in der Folge zu Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit. Früher wurde nach einem solchen Unfall meist direkt für längere Zeit eine Halskrause angelegt. Diese Art der Stabilisierung und Ruhigstellung wird heute jedoch nur noch selten empfohlen, da dies zulasten der Muskulatur gehen kann. Vorsichtige Bewegung und ggf. durch einen Physiotherapeuten angeleitete Übungen haben sich als sinnvoller gegenüber der völligen Ruhigstellung erwiesen.

Wichtig ist es, bei Schleudertraumata diagnostisch – z. B. mittels Bildgebung – abzuklären, ob es zu schlimmeren Verletzungen wie an den Bändern oder knöchernen Anteilen der Halswirbelsäule bzw. zu Instabilitäten gekommen ist. Frakturen sind insbesondere im Hinblick auf die empfindliche Rückenmarksregion genauestens zu analysieren, weil sie im schlimmsten Fall zu Lähmungen führen können.

Bei einem Bruch an der Halswirbelsäule muss zwischen stabilen und instabilen Frakturen unterschieden werden. Stabile, nicht-verschobene Brüche können in vielen Fällen durch Ruhigstellung mit einer Halskrause konservativ behandelt werden. Bei Instabilitäten des Knochenbruchs wird in der Regel operiert, damit die Bruchenden mittels Fixationsmaterial zusammengebracht werden und physiogisch anheilen können. Gleiches gilt für kompliziertere Frakturen. Dazu gehören beispielsweise Abrisse des Axis-Zapfens oder die sogenannte Jefferson-Fraktur, bei welcher der ringförmige Atlas in vier Teile gebrochen ist.

Verschiebungen – nicht richtig in Form

Durch Schleudertraumata kann es zu Verschiebungen und Blockaden im Atlas-Axis-Gefüge kommen. Ursache dafür kann aber auch anderes sein, bei starken Verschiebungen handelt es sich in der Regel um starke Kräfte, die dafür auf die Wirbelsäule wirken müssen, wie sie bei Stürzen entstehen. Leichtere Verschiebungen von Atlas und Axis können auch durch weniger starken Einfluss erfolgen, z. B. im Rahmen des sogenannten KISS-Syndroms. Diese Fehlstellung der HWS bei kleinen Kindern wird durch den Geburtsvorgang ausgelöst. Auch Fehlhaltungen, eine schlechte Schlafposition, Überlastungen oder muskuläre Dysbalancen können zu geringen Fehlstellungen der ersten zwei Halswirbel führen. Dadurch kann es zu Symptomen wie Nackenschmerzen, aber auch ausstrahlenden Kopfschmerzen oder Schwindel kommen. Außerdem kann die Drehfähigkeit des Kopfes eingeschränkt sein. Mittels manueller Techniken, wie sie etwa Osteopathen oder spezielle Atlastherapeuten anwenden, können die Wirbel in vielen Fällen wieder in die richtige Position gebracht werden.

Um Problemen an der Halswirbelsäule vorzubeugen, sollte man auf eine möglichst gesunde Körperhaltung achten und die Halsmuskulatur kräftigen. Auch regelmäßige Dehnübungen können hilfreich sein, um diese wichtige  Körperregion zu entlasten.

von Stefanie Zerres

aus ORTHOpress 3/17

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