Hilfe, ich bin krumm

VonUlrike Pickert

Hilfe, ich bin krumm

„Brust raus, Bauch rein!“ oder „Steh gerade!“ sind wohl Sätze, die jeder von uns als Kind schon mal gehört hat. Und das nicht zu Unrecht. Denn obwohl sich viele Haltungsschäden erst im Erwachsenenalter bemerkbar machen, liegen ihre Ursachen nicht selten in der Kindheit. 

Unsere Wirbelsäule ist auch im gesunden Zustand nicht vollkommen gerade. Von der Seite betrachtet weist sie eine leichte doppelte S-Form auf. Das bedeutet, dass Hals- und Lendenwirbelsäule leicht nach vorne gekrümmt sind (Lordose), während die Wirbelsäule im Brust- und Steißbereich leicht nach hinten gebogen ist (Kyphose). Dieses Verhältnis kann durch verschiedene Faktoren aus dem Gleichgewicht geraten. Wer z. B. ständig in der falschen Haltung arbeitet oder beim Sport nur einseitige Bewegungen ausführt, entwickelt unter Umständen eine dauerhafte Fehlhaltung. Eine solche Fehlhaltung kann im Laufe der Zeit zu einer Haltungsschwäche führen, bei der die Muskeln die Wirbelsäule nicht mehr in der optimalen Position halten können. Dadurch verändert sich diese krankhaft und ein irreversibler Haltungsschaden entsteht. 

Rundrücken

Bei einem Rundrücken ist die Brustwirbelsäule über das normale Maß hinaus nach hinten gekrümmt. Ärzte sprechen auch von einer Hyperkyphose. Ein Rund-rücken entsteht häufig durch eine fehlerhafte Haltung, z. B. bei Personen, die viel am Schreibtisch sitzen. Eine weitere mögliche Ursache ist die Erkrankung Morbus Scheuermann. Morbus Scheuermann tritt in der Regel bei Kindern und Jugendlichen (meist sind Jungen betroffen) im Alter von zehn bis 17 Jahren auf. Dabei kommt es zu Wachstumsstörungen an den Wirbeln der Brustwirbelsäule und diese wachsen keilförmig. Mit der Zeit verformt sich dadurch die Wirbelsäule und ein Rundrücken entsteht. Ein Morbus Scheuermann in der Lendenwirbelsäule ist relativ selten und führt zu einem sogenannten Flachrücken.

Ursachen für einen Morbus Scheuermann sind unter anderem eine dauerhaft falsche Haltung (früher auch als Schneiderkrankheit bezeichnet) und / oder eine mangelhaft ausgebildete Muskulatur, kollagene Stoffwechselstörungen, falsche Belastungen (z. B. durch Leistungssport) oder eine genetische Veranlagung. Vielfach reicht Physiotherapie als Behandlung eines Morbus Scheuermann aus. Einige Patienten müssen vorübergehend ein Korsett tragen. Nur in seltenen und schwerwiegenden Fällen raten Ärzte zu einer Operation.

Bei alten Menschen ist eine Hyperkyphose häufig die Folge von Osteoporose. Durch den Knochenschwund verändert sich die Statik der Wirbelsäule und Wirbelkörper können einbrechen. Die Wirbelsäule krümmt sich immer weiter und der typische Buckel entsteht. Auch ein Morbus Bechterew kann die Ursache für einen Rundrücken sein. 

Hohlkreuz (Hyperlordose)

Als Hohlkreuz bezeichnet man eine übermäßige Neigung der Lendenwirbelsäule nach vorn (Hyperlordose). Ein Hohlkreuz ist ebenfalls häufig die Folge einer Fehlhaltung bzw. falschen Belastung, z. B. durch langes Sitzen oder Leistungssport (Kunstturnen). Weitere Faktoren, die ein Hohlkreuz begünstigen, sind Übergewicht und eine schwache Bauch- und Rückenmuskulatur. Wird ein Hohlkreuz rechtzeitig erkannt, kann gezielte Physiotherapie bzw. Muskelaufbautraining Haltungsschäden verhindern. Auch einige Erkrankungen wie Morbus Pomarino (Zehengang) bei Kindern oder ein Wirbelgleiten können mit einem Hohlkreuz einhergehen. Hier behandeln die Ärzte die entsprechende Grunderkrankung. 

Skoliose

Bei einer Skoliose ist die Wirbelsäule seitlich verkrümmt und in sich verdreht. Angeborene Fehlbildungen der Wirbelsäule, Erkrankungen wie das Marfan-Syndrom, Nervenerkrankungen oder Muskelschwund können zu einer Skoliose führen – in vielen Fällen ist die Ursache für diese Form der Wirbelsäulenverkrümmung jedoch unklar. Eine solche Skoliose entsteht in der Regel im Kindesalter (Mädchen sind häufiger betroffen als Jungen) und kann an der Brust- oder der Lendenwirbelsäule, an deren Übergang oder auch in beiden Bereichen (doppelbogig) auftreten. Wachstumsschübe und Pubertät können die Symptome verschlimmern. Auch hier gilt die Devise: Je eher eine Skoliose entdeckt wird, desto leichter lassen sich Folgeschäden verhindern und umso größer ist die Chance für die Patienten, ohne Operation auszukommen. 

Vorbeugen – frühes Gegensteuern ist wichtig

Verschiedene Tests wie eine Haltungsanalyse können Fehlhaltungen aufspüren. Moderne Verfahren, wie die sogenannte 4-D-Wirbelsäulen-Vermessung, basieren auf Licht und Videotechnik und kommen ohne belastende Röntgenstrahlung aus. Bei einer kompletten Haltungsanalyse wird jedoch nicht nur die Wirbelsäule genau vermessen, sondern zusätzlich werden die Beinlängen, die Hüfte, Schultern, Füße und das Gangbild genau betrachtet. Denn auch eine Beinlängendifferenz und / oder ein Beckenschiefstand sowie gewisse Fehlstellungen an den Füßen können mit einer Fehlhaltung bzw. einem Haltungsschaden einhergehen.

Oft entwickeln bereits Kinder eine Fehlhaltung bzw. weisen eine Haltungsschwäche auf. Bleibt diese unbehandelt, sind Haltungsschäden im Erwachsenenalter vorprogrammiert. Je früher eine Fehlhaltung bzw. Haltungsschwäche erkannt wird, desto besser – am besten natürlich, bevor die Wirbelsäule oder andere Strukturen ernsthaften Schaden genommen haben, sodass durch gezielte Gegenmaßnahmen eine Korrektur noch möglich ist. Dabei spielen eine Änderung des Lebensstils sowie gezieltes Muskelaufbautraining, z. B. im Rahmen einer physiotherapeutischen Behandlung, eine entscheidende Rolle. 

Tipps für eine gesunde Körperhaltung:

• Ausreichend Bewegung ist wichtig für Groß und Klein. Kinder und Jugendliche sollten nur eine gewisse Zeit vor dem PC oder Fernseher verbringen. 

• Rucksäcke sind besser als Taschen mit Schulterriemen.

• Kinder und Erwachsene sollten Rucksäcke bzw. Schulranzen immer mit beiden Gurten tragen und nicht nur über eine Schulter werfen.

• Im Schlaf erholt sich der Körper. Achten Sie deshalb auf ein rückengerechtes Schlafsystem. Dies gilt umso mehr, wenn Sie bereits unter Rückenproblemen leiden.

• Vermeiden Sie Übergewicht.

• Legen Sie bei langen Autofahrten ausreichend Bewegungspausen ein. Wer aus beruflichen Gründen viel Zeit am Schreibtisch verbringt, sollte einen Ausgleich schaffen und folgende Punkte beachten:

• Sorgen Sie für einen ergonomischen Arbeitsplatz (angemessener Stuhl, Tisch, Bildschirm etc.). Wechseln Sie häufiger mal die Arbeitsposition und stehen Sie beim Telefonieren oder Lesen auf.

• Klemmen Sie Ihr Telefon möglichst nicht zwischen Ohr und Schulter ein.

• Nehmen Sie anstelle des Aufzuges die Treppe.

• Gehen Sie zu Fuß zur Arbeit oder fahren Sie mit dem Rad.

 

von Ulrike Pickert

aus ORTHOpress 4/16

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