Mangelernährung bei Senioren – Wenn der Appetit im Alter ausbleibt

VonStefanie Zerres

Mangelernährung bei Senioren – Wenn der Appetit im Alter ausbleibt

Während immer wieder die Rede ist von einer steigenden Anzahl an Übergewichtigen, ist Mangelernährung in unserer westlichen Welt eher eine Randerscheinung. So scheint es zumindest. Doch wenn man die Bevölkerungsgruppe ab dem siebten Lebensjahrzehnt betrachtet, ist dort diese Problematik nicht selten anzutreffen. Die Ursachen sind vielfältig, der Mangel oft erst spät erkannt und die Folgen weitreichend. 

Viele ältere Menschen essen und trinken nur noch spärlich. Wenn dem Körper dadurch nicht mehr ausreichend Nährstoffe zur Aufrechterhaltung aller wichtiger Körperfunktionen zugeführt werden, besteht eine Fehl- bzw. Mangelernährung. Man unterscheidet einen qualitativen von einem quantitativen Mangel: Entweder wird generell zu wenig Nahrung aufgenommen oder nur qualitativ minderwertigere Lebensmittel. Unter beiden Zuständen leiden sowohl körperliche als auch geistige Leistungsfähigkeit.

Altersschwäche oder Nährstoffmangel?

Die Folgen der Mangelernährung können vielfältig sein, oftmals beginnen sie mit Schwächegefühlen, Schlafproblemen, vermehrter Müdigkeit und Antriebslosigkeit. Besteht der Mangel längere Zeit, können wichtige Organ- und Stoffwechselfunktionen nicht richtig funktionieren. Beispielsweise nimmt die Muskelmasse ab und die Knochen werden anfälliger für Osteoporose. Zudem ist das Immunsystem geschwächt und der Körper anfälliger. Bei quantitativer Mangelernährung ist eine – meist sichtbare – Gewichtsabnahme häufig. Jedoch verstreicht bis zur ärztlichen Überprüfung oft ein längerer Zeitraum. Dass Senioren nicht mehr so viel Appetit haben, wird nämlich von vielen nicht als bedenklich betrachtet, weil ältere Menschen meist weniger aktiv sind. Dies ist aber ein Trugschluss: Sie benötigen trotzdem Energie über die Nahrung, z. B. um Erkrankungen abzuwehren oder zu überstehen. Sehr häufig besteht außerdem eine verminderte Flüssigkeitszufuhr. Wird viel weniger als die empfohlenen 1,5 Liter täglich getrunken, kann es unter anderem zu Schwindel, Schwäche, niedrigem Blutdruck, Mund-trockenheit, Verstopfungen und Hautproblemen kommen.

Bei einer Mangelernährung fehlen dem Körper wichtige Nährstoffe, wie Kohlenhydrate, Fette, Vitamine und Eiweiße. Entsprechend der jeweiligen Funktionen stellen sich Defizite ein. So sind Kohlenhydrate – Nährstoffe, die im Übrigen am einfachsten für den Körper zu verwerten sind – die wichtigsten Energielieferanten. Fette gehören ebenso dazu, fungieren aber nebenbei auch noch als Transportmittel für Vitamine, welche der ältere Mensch häufig durch Krankheit verstärkt benötigt. Ebenso wichtig für die Immunabwehr sind auch die Spuren-elemente Zink und Eisen, welche bei einer Mangelernährung oft zu wenig aufgenommen werden. Eiweiße sind wichtig für die Zellbildung und daher ein weiterer Nährstoff, der dem Körper ausreichend zugeführt werden sollte.Auch auf psychischer Ebene kann die Lebensqualität durch den Mangelzustand stark reduziert sein. Dabei besteht eine wechselseitige Beziehung, denn eine Appetitlosigkeit liegt häufig in psychosozialen Umständen begründet. 

Untersuchungsparameter

Bei einer ärztlichen Untersuchung stehen verschiedene Parameter zur Feststellung einer Mangelernährung zur Verfügung. Eine wichtige Rolle spielt – zumindest wenn es sich um eine quantitative Mangelernährung handelt – die Ermittlung des Body-Mass-Indexes (BMI), der sich mit der Formel Körpergewicht (kg) geteilt durch Körpergröße (m) im Quadrat berechnen lässt. Er dient als Richtlinie zur Festlegung von Untergewicht mit Krankheitswert. Dies liegt meist bei einem Wert von unter 18 vor. Untersuchungen zufolge ist aber der BMI allein nicht als ausreichendes Kriterium zu betrachten, und es werden labortechnische Analysen hinsichtlich der Nährstoffsituation empfohlen. Es gibt zwar keine spezifischen Marker für eine Mangelernährung, jedoch kann beispielsweise ein Vitamin D- oder Folsäuremangel ein weiterer Hinweis sein. Ein Ernährungs- und Trinkprotokoll zu führen, kann eine hilfreiche Informationsquelle sein. Die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie empfiehlt in der klinischen Routine hauptsächlich zunächst folgende Umstände zu klären: Höhe des BMI, Gewichtsverlust in den vergangenen Monaten, Mobilität, Selbstständigkeit bei der Nahrungsaufnahme, Anzahl der Hauptmahlzeiten, Menge der aufgenommenen Flüssigkeit, Eigeneinschätzung des Gesundheitszustandes durch den Patienten. Außerdem gibt es standardisierte Fragebögen wie die -Nutri-Risk-Analyse, mit denen das Risiko ermittelt werden kann.

Vielfältige Ursachen 

Für eine Mangelernährung im Alter gibt es viele verschiedene Gründe. Häufig liegt davon nicht nur einer vor. Die Ursachen können physischer oder psychischer Natur sein. Betroffen sind nicht nur ältere Menschen, die aufgrund von körperlichen Einschränkungen nicht mehr in der Lage sind, regelmäßig ausgewogene Speisen zuzubereiten. Erkrankungen können aufgrund der spezifischen Einschränkungen, wie z. B. bei Magen-Darm-erkrankungen, zu einer geringeren Nahrungsaufnahme führen oder wenn einzunehmenden Medikamente Nebenwirkungen haben. Besonders bei malignen Erkrankungen kann es zu Mangelernährung kommen. Zahnprobleme, durch die das Kauen erschwert wird, können ein weiterer Grund für verringerte Nahrungsaufnahme sein. Das Schlucken kann z. B. durch motorische Störungen nach einem Schlaganfall erschwert werden oder wenn im Mund nicht genügend Speichel gebildet wird. Doch auch ohne konkrete Krankheit ernähren sich viele ältere Menschen nicht ausreichend. Das Geschmacksempfinden verändert sich, wenn die Geschmacksrezeptoren abnutzen. Speisen werden dann nicht mehr als Genuss empfunden. Gesüßte Lebensmittel werden noch am ehesten geschmeckt und daher häufig zu viel konsumiert. Außerdem verarbeitet der Magen die Speisen langsamer und das Sättigungsgefühl tritt früher ein. Der Genuss am Essen geht für viele auch verloren, wenn sie dies allein tun müssen. Auch wenig Bewegung an der frischen Luft trägt zu einem verringerten Appetit bei. 

Behandlung

Ergeben sich aus den Untersuchungen bei mangelernährten Senioren ursächliche Erkrankungen oder Defizite, sollten diese zunächst bestmöglich behandelt bzw. korrigiert werden. Haben ältere Menschen weiterhin Probleme mit dem Schlucken oder Kauen, sollte abgeklärt werden, bei welcher Konsistenz die Grenze liegt. Die gesamte Mahlzeit einfach zu pürieren, ist oft nicht notwendig und macht das Gericht nicht attraktiver, denn das Auge isst mit – auch im Alter. Manchmal reicht es schon, mundgerechte Stücke zuzuschneiden. Bei sehr starken Einschränkungen kann es sinnvoll sein, Trinknahrung („Astronautenkost“) in den Speiseplan zu integrieren. Diese Getränke sind mit wichtigen Nährstoffen angereichert und in verschiedenen Geschmacksrichtungen erhältlich.

Besteht eine Mangelernährung aufgrund von allgemeiner Appetitlosigkeit oder psychosozialer Faktoren, können Angehörige oder Pflegende mit kleinen „Tricks“ für mehr Anreiz sorgen. Mit festgelegten Zeiten beispielsweise kann man die Senioren daran „erinnern“, zu essen. Im Idealfall leistet man ihnen oft Gesellschaft. Zu allen Zwischenmahlzeiten oder Snacks sollten Getränke bereitgestellt werden. Bei der Wahl der Speisen ist besonders auf eine fett- und kalorienarme, dafür vollwertige, vitamin- und nährstoffreiche Kost zu achten. Mit Gewürzen (mit Ausnahme von Salz und Zucker) sollte nicht gespart werden, um für mehr Geschmack zu sorgen.

von Stefanie Zerres

aus ORTHOpress 4/14

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