Schwerhörigkeit im Alter

VonKlaus Bingler

Schwerhörigkeit im Alter

Ungefähr ab dem fünften Lebensjahrzehnt beginnt die Hörfähigkeit abzunehmen. Von einer Lebensqualität beeinflussenden Minderung sind ca. 37 Prozent der 60- bis 70-Jährigen und ca. 60 Prozent der 70- bis 80-Jährigen betroffen, wobei Männer etwas häufiger als Frauen im Alter schwerhörig werden.

Bei der altersbedingten Schwerhörigkeit sind – im Gegensatz zu anderen Formen der Ohrenbeeinträchtigung – in der Regel beide Ohren betroffen. Orte, an denen Veränderungen den Hörverlust hervorrufen können, sind das Innenohr und höhere Zentren der Hörbahn. Demzufolge unterscheidet man den peripheren Hörverlust und den zentralen. Peripher: Die Haarsinneszellen im Innenohr verringern sich altersbedingt. Zentral: Die Verarbeitung der Schallinformation ist in der Hörbahn vermindert. Beide Arten können miteinander in Kombination auftreten. Geistige „Fitness“ spielt bei der Kompensation einer peripheren Schwerhörigkeit eine Rolle: Wer ein gutes Assoziationsvermögen hat, kann den Hörschaden besser ausgleichen. Bei einem zentralen Hörschaden ist dies weniger gut möglich.

Eine Schwerhörigkeit bedeutet nicht einfach nur, dass „der Lautstärkenregler nach unten gedreht wurde“. Es gibt verschiedene Erkrankungen, die unterschiedliche inschränkungen zur Folge haben. So hören ältere Menschen mit Schwerhörigkeit langsamer, das heißt, die gehörte Information wird zeitversetzt verarbeitet. Ebenso ist das Richtungshören eingeschränkt und die Fähigkeit, eine bestimmte Schallinformation zu fokussieren. Letzteres bedeutet, dass in einem Raum mit vielen Nebengeräuschen viel schwerer einem Gespräch gefolgt werden kann, dies nennt man auch den Cocktail-Party-Effekt. Da am Anfang der Entwicklung einer Altersschwerhörigkeit die höheren Frequenzen vermindert bis nicht mehr zu hören sind, können viele Betroffene besonders kleine Kinder und Frauenstimmen schlechter verstehen. Aus dem selben Grund lässt das Wortverständnis nach, wenn in den Wörtern Konsonanten, deren Aussprache aus hohen Tönen besteht, wie s, t, k, p und f vorkommen. Später im Verlauf der Erkrankung können auch tiefere Töne aus dem Hörspektrum herausfallen. Bei manchen Schwerhörigen stellt sich auch ein Tinnitus mit Ohrgeräuschen ein.

Die Folgen

Die Lebensqualität von schwerhörigen älteren Menschen ist (unbehandelt) in den meisten Fällen  stark beeinträchtigt. Dies ist unter anderem den beidseitigen Veränderungen geschuldet, wie man im Vergleich mit einseitgen Hörschäden oder Einschränkungen, die nur bestimmte Frequenzbereiche betrafen, festgestellt hat. Viele der Betroffenen reduzieren ihre sozialen Kontakte und ziehen sich zurück. Für sie wird der zwischenmenschliche Austausch immer schwerer und manche treten „die Flucht nach hinten“ an. Zu beobachten ist, dass Schwerhörige häufiger an einer Altersdepression erkranken.

Durch die fehlende Interaktion und Reize aus der Umwelt wird auch ein geistiger Abbau gefördert. Einige Studien bestärken die Theorie, dass eine Schwerhörigkeit im Alter ein Risikofaktor für Demenz bedeutet bzw. dass diese mit der verminderten Hörfähigkeit schneller entwickelt werden kann.

Hinzu kommt, dass ältere Menschen, die nicht mehr gut hören, ein größeres Sturz- und Unfallrisiko haben. Sie können sich unter Umständen schlechter orientieren und nehmen mögliche Gefahren, die sich durch Geräusche ankündigen, zu spät wahr. Sie werden oft ängstlicher, weil ihnen mit der verminderten Hörfähigkeit eine wichtige Signalfunktion fehlt.

Die Ursachen

Die Ursachen sind hauptsächlich natürliche degenerative Vorgänge, wie der eingangs erwähnte Rückgang der Haarsinneszellen im Innenohr. Eine erblich bedingte Prävalenz wird außerdem vermutet. Zudem spielen sogenannte exogene Einflüsse eine Rolle bei der (späteren) Entwicklung einer Altersschwerhörigkeit. Komplett erforscht sind diese noch nicht. Eine hohe längerfristige Lärmbelastung gilt jedoch als gesicherter Risikofaktor. So haben Menschen, die beispielsweise im Beruf jahrelang einer hohen Lautstärke ausgesetzt waren, ein erhöhtes Risiko, im Alter schwerhörig zu werden. Man vermutet, dass dies sogar nicht nur Einfluss auf die Haarzellen im Ohr, sondern auch auf die höhere Hörbahn hat. In dem Fall spricht man von Neurodegeneration. Weitere exogene Faktoren sind Rauchen, Erkrankungen der Ohren in der Vergangenheit wie schwere Mittelohrentzündungen, Durchblutungsstörungen, Diabetes oder Verletzungen. Diese Risikofaktoren zu meiden, kann das Risiko für eine spätere Schwerhörigkeit reduzieren.

Die Diagnose

Manche der Schwerhörigen erkennen ihre Erkrankung zunächst nicht. Der Fernseher oder das Radio werden einfach lauter gestellt, im Gespräch häufiger nachgefragt. Oft sind es dann Angehörige, die – sofern sie das Verhalten des Patienten nicht als nachlassende geistige Fähigkeit fehldeuten – die Hörfähigkeit infrage stellen und zu einer Untersuchung raten. Andere Betroffene erkennen das eigene Defizit zwar, verdrängen es aber oder schämen sich und gehen daher nicht oder erst spät zum Arzt. Dies ist aber in jedem Fall dringend anzuraten. Denn mit einer spezifizierten Diagnose kann eine passende Therapiestrategie erarbeitet werden. Neben einem herkömmlichen Hörtest und einer Ohrenspiegelung kann ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt verschiedene Tests durchführen, um ein genaues Profil des Hörschadens zu erstellen. Bei allen Tests zur Einstufung der Hör-einschränkungen bei einem älteren Menschen muss natürlich mitbedacht werden, dass andere vorhandene Erkrankungen, wie z. B. Alzheimer oder eine beginnende Demenz die Ergebnisse (Antworten) beeinflussen können. Mittels eines Sprachverständnistests und Prüfungen der auditorischen Verarbeitung können die spezifischen Veränderungen bei der Altersschwerhörigkeit analysiert werden. Ein Tonaudiogramm wird erstellt, um den Frequenzbereich, der noch wahrgenommen werden kann, zu ermitteln.

Die Versorgung

Eine frühzeitige und passende Therapie der Schwerhörigkeit ist wichtig, um die Lebensqualität zu verbessern sowie aus der Schwerhörigkeit folgende Schäden zu vermeiden. Ursächlich behandeln kann man die degenerative Erkrankung zurzeit nicht. Therapeutisch geht es in der Regel darum, mit entsprechenden – in der Regel technischen – Hilfsmitteln zu versorgen und zusätzlich den Umgang mit dem Hörmangel zu trainieren.

Hörgeräte: Überwiegt die periphere Schwerhörigkeit, so wird in der Regel ein Hörgerät verordnet. Dieses wird von einem Hörakustiker genau auf die Bedürfnisse des jeweiligen Patienten angepasst und regelmäßig überprüft. Es verstärkt den Ton, der von außen auf das Ohr wirkt. Im Gegensatz zur Brille, die nicht nur als Sehhilfe völlig akzeptiert und gesellschaftsfähig ist, sondern sogar als Mode-Accessoire genutzt wird, werden Hörgeräte leider immer noch als Stigmata und Belastung von den Betroffenen empfunden. Doch auch sie können heute dezent und effektiv angebracht werden. Vor allem aber verbessern sie die Lebensqualität der Schwerhörigen.

Audiotherapie: Bei einer nicht zu starken Ausprägung der Schwerhörigkeit, kann es zur Hörgeräteversorgung ergänzend hilfreich sein, ein Hörtraining zu absolvieren. Dabei wird eingeübt, wie Muster von Klang und Schall erkannt werden können. Das schult auch das neuronale System. Manchen Betroffenen hilft es zudem auch, das Lippenlesen zu lernen.

Hörimplantate: Während man ein Hörgerät als Verstärkung der Laute von außen beschreiben könnte, arbeitet das Hörimplantat mit einem anderen Wirkmechanismus. Denn hier implantiert man ein kleines Gerät entweder in das Mittel- oder das Innenohr, wo es durch elektrische Impulse das Ohr stimuliert. Solche Systeme eignen sich bei mittleren und starken Höreinschränkungen. Verglichen mit einem äußerlichen Hörgerät empfinden die Patienten eine bessere Klangqualität, sie können Einzeltöne besser voneinander unterscheiden und profitieren von einem besseren Richtungshören. Außerdem wird es geschätzt, dass der Gehörgang bei dieser Versorgung offen bleibt. Für ein Hörimplantat ist nur ein kleiner Eingriff erforderlich. In machen Fällen kann es sinnvoll sein, ein Implantat auf der einen und ein Hörgerät auf der anderen Seite zu tragen. Bei starken Ausprägungen von Schwerhörigkeit, besonders bei Schäden der zentralen Hörfähigkeit kann ein sogenanntes Cochleaimplantat eingesetzt werden. Dabei wird der Hörnerv im Innenohr durch eine Elektrode dort gereizt. Dies ist im Grunde eine Umkodierung des akustischen Reizes.

Im Alltag eines Schwerhörigen können außerdem weitere Hilfsmittel Erleichterung bringen. So beispielsweise wenn das Telefon gleich lautverstärkt eingestellt ist und man den Anrufer nicht bitten muss, lauter zu sprechen. Dennoch sollten die Betroffenen sich nicht scheuen, Rücksicht von ihren Mitmenschen einzufordern. Wenn sie etwas lauter und langsamer sprechen, erleichtert das die Kommunikation und vermeidet Missverständnisse.

von Stefanie Zerres

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