Angst vor Anästhesie im Alter

VonUlrike Pickert

Angst vor Anästhesie im Alter

Aus Angst vor der Narkose schieben gerade ältere Menschen notwendige Operationen oft vor sich her. Das kann zur Folge haben, dass Betroffene in ihrer Selbstständigkeit und Mobilität deutlich eingeschränkt sind, wenn sie z. B. eigentlich ein neues Hüftgelenk bräuchten, die Operation aber scheuen und lieber die Schmerzen ertragen. 

Tatsächlich birgt jede Narkose (Allgemeinanästhesie) ein gewisses Risiko, welches mit zunehmendem Alter durchaus steigt. Ärzte und Kliniken arbeiten jedoch stetig daran, Anästhesien immer sicherer zu gestalten und mögliche Folgeschäden zu verhindern. So sind Narkosen heutzutage deutlich sicherer als beispielsweise noch vor 50 Jahren. Trotzdem sollte das Nutzen-Risiko-Verhältnis einer Operation im Vorfeld eindeutig geklärt werden. In einigen Fällen kann eine Operation ggf. auch unter lokaler Anästhesie durchgeführt werden. Aber auch hier muss der Arzt abwägen, ob der Patient einer solchen Situation gewachsen ist. 

Eine gute Vorbereitung ist wichtig

Für das gute Gelingen einer Operation ist eine gewissenhafte Vorbereitung wesentlich. Die meisten älteren Menschen leiden unter Komorbiditäten, also verschiedenen Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes etc. Diese Erkrankungen sowie die dagegen eingenommenen Medikamente können sich auf die Narkose auswirken. Weiterhin ist die körperliche Konstitution eines 80-Jährigen in der Regel nicht mit der eines 30-Jährigen vergleichbar. Aufgrund des fortgeschrittenen Alters arbeiten viele Organe nicht mehr so effizient wie in jungen Jahren; betroffen sind unter anderem die Herz-, Nieren-, Lungen- und Leberfunktion. Zudem nimmt die Muskelmasse im Alter ab, während der Körperfettanteil mit den Jahren steigt. Aber wenn all diese Faktoren berücksichtigt werden, kann der Anästhesist ein individuell abgestimmtes Narkosekonzept entwickeln und damit das Risiko für Komplikationen senken. Aus all diesen Gründen ist ein umfassendes Vorgespräch mit dem zuständigen Anästhesisten äußerst wichtig. Dabei sollte der Arzt aber nicht nur alle Vor- und Begleiterkrankungen sowie die körperliche Verfassung, sondern auch den geistigen Zustand des Patienten sorgfältig prüfen. Denn kognitive Einschränkungen können das Risiko für ein sogenanntes postoperatives Delir erhöhen. 

Postoperatives Delir

Das Risiko für ein postoperatives Delir steigt mit zunehmendem Alter an. Die Patienten sind verwirrt, wissen nicht, wo sie sich befinden und was mit ihnen passiert ist. Die Symptome können direkt nach dem Aufwachen aus der Narkose oder erst einige Stunden danach auftreten. In den meisten Fällen geht der Zustand geistiger Verwirrtheit nach einigen Stunden, Tagen oder Wochen zurück, doch bei einigen Patienten halten die Symptome an. 

Das Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen empfiehlt daher ein besonderes Betreuungs- und Behandlungskonzept für geriatrische Patienten, bei dem geriatrische und demenzielle Patienten unter anderem von einer festen Bezugsperson (z. B. aus dem Pflegepersonal) vor, während und nach der Operation begleitet werden sollen. Nach der Operation empfiehlt das Programm zudem eine spezielle kognitive Förderung (Gedächtnistraining etc.). Weiterhin beinhaltet das Konzept eine frühzeitige Kontaktaufnahme zum zuständigen Sozialdienst. Durch diese Schritte soll die Orientierung gewährleistet und das Risiko eines Delirs vermindert werden. Im Klinikalltag können diese Punkte unter den alltäglichen Bedingungen nur schwer umgesetzt werden. Doch auch der Patient selbst und vor allem seine Angehörigen können mit entsprechenden Maßnahmen dazu beitragen, dass der Patient eine geeignete und speziell auf ihn abgestimmte Narkose erhält und sich nach der Operation schnell wieder erholt.

Tipps für Patienten und Angehörige

  • Es empfiehlt sich, ältere Patienten zum Vorgespräch und zu sämtlichen Voruntersuchungen zu begleiten (Angehörige, Freunde). Notieren Sie Fragen und Anliegen im Vorfeld. Haken Sie nach, wenn Sie etwas nicht verstanden haben, bei Bedarf auch mehrmals.
  • Im Vorfeld der Voruntersuchungen sollte eine Liste mit allen eingenommenen Medikamenten zusammengestellt bzw. vom Hausarzt angefordert werden.
  • Sämtliche Unterlagen über Vorerkrankungen und frühere Operationen sind ebenfalls zum Vorgespräch mitzunehmen. Auch akute oder zurückliegende Infekte, Entzündungen etc. sollten dem Arzt mitgeteilt werden.
  • Es ist sinnvoll, dass vor allem betagte Patienten von einer vertrauten Person bis zum OP-Saal begleitet werden und diese (so bald wie möglich) nach dem Aufwachen wieder um sich haben.
  • Brillen, Hörgeräte, Zahnprothesen oder andere notwendige Hilfen dürfen nicht mit in den OP-Saal, sollten dem Patienten jedoch so bald wie möglich (wieder) zur Verfügung gestellt werden.
  • Vor einer Operation sollte der Patient nüchtern sein. Besprechen Sie mit dem Arzt, ab welchem Zeitpunkt nichts mehr gegessen und getrunken werden darf.
  • Am Tag der Operation sollten sich Patienten nicht schminken.
  • Nach der Operation können Angehörige dem Gedächtnis des Patienten z. B.mit Memory oder Kreuzworträtseln auf die Sprünge helfen.
  • Die Zeit nach der Entlassung aus dem Krankenhaus sollte rechtzeitig und sorgfältig geplant werden.

Anästhesie

Die Anästhesie bezeichnet einen Zustand der Empfindungslosigkeit, vor allem das Schmerz- und Berührungsempfinden werden ausgeschaltet. Bei einer Allgemeinanästhesie, auch als Narkose bezeichnet (umgangssprachlich oft Vollnarkose), ist der Patient ohne Bewusstsein. Bei einer Lokal- oder Regionalanästhesie (umgangssprachlich auch Teilnarkose) wird lediglich das Schmerzempfinden in bestimmten Teilen des Körpers ausgeschaltet, der Patient ist aber bei vollem Bewusstsein.

von Ulrike Pickert

aus ORTHOpress 4/16

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