Wirbelsäulenfrakturen

VonStefanie Zerres

Wirbelsäulenfrakturen

Waltraud Gonselmann hat seit einiger Zeit dumpfe Rückenschmerzen, die auch nachts nicht aufhören – manchmal kann sie nur mit Schmerzmitteln einschlafen. Ihrer Tochter ist zudem aufgefallen, dass sie in den letzten Jahren ein ganzes Stück kleiner geworden ist und leicht vornübergebeugt geht. Die Geschichte kommt Ihnen bekannt vor? Das ist nicht unwahrscheinlich, denn fast jeder kennt jemanden, dem es ähnlich geht. Dass es sich dabei aber um die Symp-tome einer schweren Krankheit handeln kann, ist vielen nicht bewusst.

Nicht immer handelt es sich bei plötzlichen tarken ückenschmerzen m inen andscheibenvorfall der exenschuss. Auch ein Wirbelkörperbruch kann für die harakteristischen eschwerden verantwortlich sein. Ursache dafür ist meist eine unerkannte Osteoporose. Dabei nimmt die Knochendichte stark ab und das stützende Trabekelwerk im Innern der Knochen wird immer weiter ausgedünnt. Rund 230.000-mal pro Jahr ereignet sich in Deutschland eine solche Wirbelfraktur, bei welcher der Wirbelkörper keilförmig zusammensintert.

Meist reicht nur eine geringe Gewalteinwirkung

Ist der Knochen bereits stark vorgeschädigt, so reicht oft nur eine falsche Bewegung, um einen Bruch herbeizuführen. Dabei muss der Bruch selbst nicht einmal wehtun: Viele Wirbelfrakturen verlaufen stumm, das heißt, sie werden entweder zufällig bei einer Röntgenaufnahme entdeckt oder dann, wenn sich bereits andere Anzeichen für eine Osteoporose mehren. Ein diagnostizierter Wirbelbruch aufgrund vermuteter Osteoporose ist dabei immer ein Warn-signal, denn mit dem ersten Bruch steigt die Wahrscheinlichkeit weiterer Frakturen progressiv an. Wird ein Wirbelbruch festgestellt, so sollte auf jeden Fall die gesamte Wirbelsäule geröntgt werden, denn in rund 20 Prozent aller Fälle besteht mindestens eine weitere Fraktur. Auch sollte unbedingt ein Osteologe hinzugezogen werden, um durch eine Basismedikation und gegebenenfalls eine spezielle Therapie den Verlauf der Osteoporose zu stoppen oder zumindest zu verlangsamen. Bei einem frischen Wirbelkörperbruch kann darüber hinaus versucht werden, mit einem speziellen Verfahren, der sogenannten Kyphoplastie, den Wirbel operativ zu stabilisieren und so aufzurichten, dass die natürliche Krümmung der Wirbelsäule (Kyphose) wieder annähernd erreicht wird.

Gefürchtet sind Rückenmarksverletzungen

Neben osteoporotischen Wirbelkörperbrüchen kann es aber natürlich auch zu traumatisch bedingten Frakturen kommen, etwa durch einen Sport- oder Verkehrsunfall oder einen schweren Sturz. Dabei können sowohl Kompressionsfrakturen entstehen wie auch die gefürchteten Luxationsfrakturen, bei denen Wirbel gleichzeitig verrenkt und gebrochen sind. Hier ist das Risiko von Rückenmarksverletzungen besonders hoch, obwohl diese auch durch reine Verrenkungen ohne jede Fraktur entstehen können. Kommt es zu Erschütterungen, Prellung oder Quetschung des Rückenmarks oder zu Einblutungen in den Rückenmarkskanal, so können daraus schwerwiegende Folgen wie Sensibilitätsstörungen, Inkontinenz und Querschnittslähmungen resultieren.

Stabile und instabile Brüche

Das Hauptaugenmerk bei der Behandlung eines akuten Bruchs liegt dabei auf dessen Stabilität. Während ein stabiler Bruch keine unmittelbare Gefahr darstellt, bedroht ein instabiler Bruch durch die mögliche Verschiebung der Bruchstücke die Nerven und das Rückenmark. Bei einem instabilen Wirbelbruch erhält der Patient ein Korsett und muss eine mehrwöchige Bettruhe einhalten – falls der Zustand dies zulässt und die Gefahr für das Rückenmark zu groß ist, wird man unter Umständen auch eine chirurgische Stabilisierung vornehmen. Dies kann mit Schrauben, Platten oder Implantaten geschehen, welche die Bruchstücke fest miteinander verbinden und so die Gefahr von Folgeverletzungen ausschalten. 

Frakturen vermeiden helfen

Zum Glück sind durch die moderne Sicherheitstechnik wie Anschnallgurte und Airbags auch schwere Wirbelverletzungen deutlich seltener als früher geworden, dennoch kann man sie nicht ausschließen. Vermeiden kann man jedoch größtenteils das Risiko einer osteoporotischen Fraktur: durch entsprechende Ernährung, ausreichend Vitamin D und vor allem regelmäßige Bewegung – der beste Schutz gegen Knochenabbau ist eine starke und trainierte Muskulatur, die durch den über die Sehnen ausgeübten Zugreiz einen ständigen Knochenaufbau fördert.

Oft nicht erkannt

Die richtige Diagnose eines Wirbelkörperbruchs ist alles andere als selbstverständlich: Wie die Gutachterkommission feststellte, wurden im Zeitraum von 2004–2008 in 65 Prozent der begutachteten Fälle Wirbelfrakturen nicht als solche erkannt. Dabei waren die nicht diagnostizierten Frakturen mehrheitlich auf falsche Interpretationen herkömmlicher Röntgenaufnahmen zurückzuführen. Mit zusätzlichen Röntgenaufnahmen oder ergänzender Computertomografie (CT) wären die Brüche leicht zu erkennen gewesen.

von Arne Wondracek

aus ORTHOpress 2/14

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