Narben und Narbenpflege

VonUlrike Pickert

Narben und Narbenpflege

Obwohl die nach einer Verletzung entstehenden Narben eigentlich eine Schutzfunktion erfüllen, besteht Einigkeit darüber, dass sie am besten gar nicht erst entstehen sollten. Nur in einigen wenigen Fällen ist eine Narbenbildung ausdrücklich erwünscht – etwa dort, wo untergegangenes Knorpelgewebe ersetzt werden soll. Meist jedoch wird das dicke und wenig elastische Narbengewebe als störend empfunden. Umso wichtiger ist eine regelmäßige Pflege, welche das Hautgefühl an der betroffenen Stelle verbessert und unangenehme Begleiterscheinungen mindert.

Wie entsteht eigentlich eine Narbe? Eine oberflächliche Verletzung wie z. B. eine Schürfwunde am Knie heilt normalerweise ohne sichtbare Narbenbildung wieder vollständig aus. Bei tieferen Wunden sind meist aber auch die Lederhaut und das von Gefäßen durchzogene Bindegewebe betroffen. Am Ende des Heilungsprozesses bildet sich dann eine Narbe, die in den folgenden Wochen und Monaten „reift“ und so zu ihrer endgültigen optischen Ausprägung gelangt. Die Größe und Beschaffenheit der Narbe ist dabei jedoch wesentlich davon abhängig, wie die Wunde behandelt wurde. Verletzungen, bei denen eine Narbe zu befürchten ist, sollten innerhalb von sechs Stunden genäht, geklebt oder geklammert werden, damit die Wundränder zusammengebracht werden und sich nicht noch zusätzlich narbiges Füllgewebe bilden muss, um die Wunde zu verschließen. 

Individuell verschiedenes Aussehen

Dabei verläuft die Narbenbildung ganz unterschiedlich und hängt von zahlreichen Faktoren ab. Unter anderem bestimmen die Art der Verletzung, die Hautstruktur und natürlich auch der Ort, an dem sich die Verletzung befindet, wie die Narbe später einmal aussehen wird. Die Lokalisation der Narbe ist auch wesentlich verantwortlich dafür, wie störend diese empfunden wird – läuft sie etwa über ein Gelenk und ist ständig einer Bewegung ausgesetzt, so kann die im Vergleich zum gesunden Gewebe verminderte Elastizität sehr unangenehm sein. 

Hypertrophe Narben und Keloide

In manchen Fällen schießt der Reparaturmechanismus des Organismus über sein Ziel hinaus. Dann sind die entstehenden Narben nicht flach und in das Hautbild mehr oder weniger integriert, sondern es bilden sich hypertrophe Narben mit einem deutlich sichtbaren Bindegewebswulst. Sie sind scharf begrenzt, erhaben und erscheinen meist innerhalb der ersten drei Monate nach einer Wundheilung. Manchmal bilden sie sich nach einer gewissen Zeit spontan zurück. Keloide hingegen sind ebenfalls wulstige Narben, die jedoch über den ursprünglichen Wundbereich hinausragen und mit Missempfindungen wie Schmerz oder Juckreiz einhergehen können. Keloide sind oft das Resultat chirurgischer Eingriffe oder größerer Fleischwunden und kommen vor allem dort vor, wo die Haut unter Spannung steht. 

Gepflegte Narben fühlen sich besser an und sehen schöner aus

Nach Abschluss der Narbenbildung ist es nur selten möglich, die Narbe in ihrer grundsätzlichen Beschaffenheit zu verändern. Dieser Prozess dauert jedoch etwa zwei Jahre, in denen man positiv auf das Gewebe einwirken kann. Während man früher riet, die Wunde möglichst lange in Ruhe zu lassen, geht man heute dazu über, so schnell wie möglich – d. h. sobald der Wundschorf abfällt – eine Behandlung einzuleiten. Das neugebildete Gewebe kann so am nachhaltigsten behandelt werden. Dies geht am besten mit silikonhaltigen Pflegeprodukten, welche den Prozess des Gewebeumbaus beeinflussen können und einen direkten Einfluss auf die Kollagenbildung nehmen. Die Narben werden flacher, weicher und heller und gleichen sich dem umliegenden Gewebe stärker an. Aber auch nach abgeschlossener Narbenbildung können mit der richtigen Pflege Spannungsgefühle deutlich reduziert und die Kosmetik verbessert werden. Hier kommt ebenfalls Silikon zum Einsatz. Daneben werden häufig auch Präparate mit Vitamin E, Harnstoff und verschiedenen Pflanzenölen verwendet. Sie sollen die Versorgung der Haut mit Nährstoffen verbessern und gleichzeitig die Narbe geschmeidiger machen. Das Einmassieren der Wirkstoffe kann das Gewebe zusätzlich entspannen. Der Effekt ist jedoch in jedem Fall geringer, als wenn die Behandlung der Narbe in den entscheidenden ersten Monaten nach der Wundheilung erfolgt. Grundsätzlich gilt für die erfolgreiche Narbenbehandlung: Man muss Geduld haben! Meist zeigt sich der positive Effekt erst nach einigen Monaten intensiver regelmäßiger Behandlung; sie sollte also nicht schon nach wenigen Wochen aufgegeben werden, weil sich scheinbar „nichts tut“!

Narben operativ entfernen – geht das?

Häufig liest man, Narben könnten „abgeschliffen“ oder „weggelasert“ werden. Tatsächlich sind die Erfolge dieser Behandlungen aber begrenzt, wenngleich durch moderne Lasersysteme der Einsatzbereich deutlich erweitert werden konnte. Durch Laser verkleinern bzw. beseitigen lassen sich neben Dehnungsstreifen und Aknenarben auch hervorstehende Keloide. Die Behandlung ist jedoch relativ kostspielig und wird in aller Regel nicht von der Krankenkasse übernommen; zudem sind meist mehrere Sitzungen notwendig. Bei der operativen Entfernung  (also dem Herausschneiden) bildet sich an der betroffenen Stelle eine neue Narbe, die durch eine entsprechend schnelle und intensive Nachbehandlung weniger störend als die beseitigte Narbe werden soll. Eine Operation wird daher meist nur in Erwägung gezogen, wenn zu der unbefriedigenden Ästhetik eine funktionelle Einschränkung – etwa durch Spannungsschmerz – hinzukommt. Steht die Linderung von Beschwerden im Vordergrund, so können Keloide auch mit Kortikoiden unterspritzt werden. Dies ändert aber natürlich nichts an ihrem Aussehen.

von Arne Wondracek

aus ORTHOpress 4/17

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Ulrike Pickert administrator