Osteoporose

von Dr. rer. nat. Fauzia Sadat-Hekmat

Stoffwechsel und Entwicklung der Knochen:

Osteoporose, auch Knochenschwund genannt, ist die häufigste Stoffwechselerkrankung des Knochens. Sie ist charakterisiert durch eine Verminderung der Knochenmasse und eine Verschlechterung der Gewebestruktur. Über einen langen Zeitraum hinweg kommt es so unbemerkt zu einem vermehrten Abbau von Knochensubstanz: Der Knochen wird instabil und die Gefahr von Knochenbrüchen steigt.  

Oft wird unterschätzt, dass die Knochenmasse genau wie unsere Muskeln lebendiges Gewebe darstellt, welches einem ständigen Umbau unterliegt. Hierfür sind zwei verschiedene Zellarten verantwortlich. Die Knochenbildungszellen, die Osteoblasten, scheiden die Knochengrundsubstanz ab. Dies geschieht so lange, bis die Osteoblasten vollständig von der Knochengrundsubstanz eingeschlossen sind. Danach werden diese Zellen Osteozyten genannt. Die Osteoblasten bilden also fortlaufend neues Knochengewebe. Damit der Knochen nicht ständig weiterwächst, verfügt er über andere Zellen, die Osteoklasten, die das Knochengewebe wieder abbauen. Im Normalfall stehen beim Erwachsenen Knochenneubildung und Knochenabbau im Gleichgewicht. Bei Osteoporosepatienten jedoch wird entweder zu wenig Knochen gebildet, oder aber der vorhandene Knochen wird vermehrt abgebaut.

So wichtig ist der Sport für unsere Kinder!

Vor der Pubertät verlaufen das Wachstum und die Aufbau- und Abbauprozesse im Knochen ohne den Einfluss von Sexualhormonen. In dieser Zeit wirken sich genetische Veranlagung, Kalzium, Vitamin D und körperliche Belastung auf das Knochenwachstum aus. Die Bedeutung von kalziumreicher Ernährung, aber auch sportlicher Betätigung im Kindesalter kann deshalb gar nicht hoch genug eingeschätzt werden: Man weiß heute, dass der Aufbau des Knochengerüstes fast linear zum Muskelaufbau verläuft. Ein Bewegungsmangel führt unweigerlich dazu, dass keine ausreichende Knochendichte entwickelt und erhalten werden kann. Mit Beginn der Pubertät wird der Knochen dann mehr und mehr von den Sexualhormonen abhängig. Östrogen und Testosteron spielen eine große Rolle im Stoffwechsel der Knochen. Sie beeinflussen die Bildung und die Wirkung der für den Knochenstoffwechsel notwendigen Hormone. Einen wichtigen Einfluss auf die Entwicklung der Knochen hat auch das Körpergewicht. Bei Jugendlichen mit Anorexia nervosa (Magersucht) nimmt auch die Knochendichte ab: Selbst nach erfolgreicher Behandlung der Magersucht erholt sich die Knochendichte nicht mehr und bleibt vermindert. Bei Magersüchtigen ist daher die Wahrscheinlichkeit, später eine Osteoporose zu bekommen, stark erhöht. 

Ab dem 35. Lebensjahr nimmt die Knochenmasse ab

Nach der Pubertät verändern die Knochen zwar nicht mehr ihre Größe, wohl aber ihre Form. Etwa ab 35 verliert der Knochen jedes Jahr ungefähr 1 Prozent seiner Substanz. Der Grund für den beginnenden Abbau ist eine gesteigerte Aktivität der Osteoklasten, für die man auch heute noch keine Erklärung hat. Allerdings kann diesem Prozess durch wohl dosiertes Krafttraining unter ärztlicher Anleitung bewusst entgegen gewirkt werden.

Auch im Erwachsenenalter ist aber die Aufnahme von genügend Kalzium wichtig. Kalzium ist der wichtigste Baustein unserer Knochen. Zu 90 Prozent findet es sich dort in Form von Kalksalzen, welche mit Hilfe von Vitamin D in das Knochengewebe eingebaut werden. Die Regelung des Kalzium-Spiegels erfolgt dabei hormonell. Neben dem Östrogen (weibliches Geschlechtshormon) regulieren folgende Hormone den Blut-Kalzium-Spiegel:

Parathormon
Parathormon wird in den Nebenschilddrüsen gebildet. Es regt insbesondere die Aktivität der Osteoklasten an und setzt Kalzium aus den Knochen frei. 

Calcitonin
Calcitonin wird in speziellen Zellen der Schilddrüse produziert und ist der natürliche Gegenspieler des Parathormons. Calcitonin hemmt also die Aktivität der Osteoklasten und sorgt für den Einbau von Kalzium in den Knochen.

Vitamin D
Dieses lebenswichtige Vitamin wird zu 60 Prozent vom Körper durch Sonneneinwirkung in der Haut selbst gebildet und zu 40 Prozent mit der Nahrung aufgenommen.Vitamin D ist notwendig für die Aufnahme von Kalzium aus dem Magen-Darm-Trakt.

Krankheitsbild, Ursachen und Form der Osteoporose

Osteoporose ist eine zunächst still verlaufende Krankheit, die ohne bemerkbare Symptome oder Zeichen fortschreiten kann, bis ein Knochenbruch eintritt. Brüche treten vor allem an Wirbelkörpern und an Rippen, aber auch an der Hüfte und an den Unterarmen auf.

Die am meisten gefürchtete Folge der Osteoporose ist jedoch nach wie vor der Oberschenkelhalsbruch, der meist durch einen Sturz verursacht wird. Viele Patienten erholen sich danach nicht mehr vollständig und werden zum Pflegefall. Auch kommt es durch das Abstützen bei einem drohenden Sturz vielfach zu Handgelenksbrüchen, deren Heilung langwierig und schmerzhaft ist. 

Im fortgeschrittenen Stadium der Osteoporose können folgende Haltungsänderungen hervorgerufen werden:

  • Die Brustwirbelsäule krümmt sich verstärkt nach hinten (Kyphose), die Lendenwirbelsäule dagegen verstärkt nach vorne (Lordose). Durch die Wirbelkörpereinbrüche kommt es zum so genannten “Witwenbuckel“, dem typischen Zeichen einer manifesten Osteoporose. Die Körpergröße nimmt dabei durch die eingebrochenen und keilförmig verpressten Wirbelkörper immer weiter ab.
  • Schulter und Kopf sind häufig starr nach vorne gestreckt. Durch die Haltung entsteht eine verstärkte Krümmung der Halswirbelsäule. 
  • Beim Stehen beugen die Betroffenen die Knie stärker als normal. Dies ist notwendig, damit sie das Gleichgewicht halten können.
  • Der Bauch ist schlaff und wölbt sich vor.
  • Im Rücken zeigen sich in der Haut schlaffe Querfalten, der so genannte “Tannenbaumeffekt“.

Die Haltungsänderungen werden nicht nur durch die Veränderung der Knochendichte, sondern auch noch durch Veränderungen an der Muskulatur begünstigt. Normalerweise besteht ein Gleichgewicht in der Muskulatur, das dafür sorgt, dass der Mensch eine aufrechte und gerade Körperhaltung einnimmt. Durch die Knochenveränderung entstehen aber veränderte Zugrichtungen der Muskeln, Sehnen und Bänder. Gelenke werden falsch belastet, weil die Muskeln versuchen, den Veränderungen am Skelettsystem entgegenzuwirken. Als Folge davon bilden sich Muskelverhärtungen, die häufig im Bereich der Rückenmuskulatur auftreten und sehr schmerzhaft sein können. 

Die Patienten leiden oft unter Schmerzen, wenn sie sich zur Seite neigen, da durch die Haltungsänderungen bei der Seitwärtsneigung der Rippenbogen den Beckenkamm berührt. Dies resultiert aus dem bei Osteoporose verkürzten Rippen-Becken-Abstand. Durch die Haltungsänderungen, aber auch nach Wirbelkörperbrüchen im Bereich der Brustwirbelsäule, kann es leicht zu Problemen bei der Atmung kommen. 

Man unterscheidet zwei Formen der Osteoporose: die primäre Osteoporose und die sekundäre Osteoporose.

Primäre Osteoporose:

Als Hauptursachen werden ein Mangel der Geschlechtshormone (Östrogen, Testosteron) sowie der natürliche Alterungsprozess des Knochens und ein Mangel an Kalzium, Vitamin D und Bewegung angenommen. 

Durch den Mangel an Sexualhormonen wird das Gleichgewicht zwischen Knochenaufbau und Knochenabbau gestört. Der im Alter veränderte Hormonhaushalt führt zu einer verstärkten Abbauaktivität, sodass kontinuierlich Knochenmasse verloren geht.

Sekundäre Osteoporose: 

Nur etwa 5 Prozent aller Patienten leiden an einer sekundären Osteoporose. Die Ursache können unterschiedliche Erkrankungen sein, welche die Knochendichte direkt oder indirekt beeinflussen, z.B.:

  • Überfunktion der Nebennierenrinde und der Schilddrüse,
  • Erkrankung des Magen-Darm-Traktes, die mit einer Nahrungsmittelfehlaufnahme einhergehen,
  • Rheumatoide Arthritis,
  • Insuffizienz der Bauchspeicheldrüse und insulinpflichtiger Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit),
  • Cortisoneinnahme über einen langen Zeitraum hinweg,
  • übermäßiger Konsum von Alkohol, Zigaretten, Kaffee und Colagetränken,
  • allgemeiner Bewegungsmangel bzw. Bewegungsunfähigkeit bei bestehenden Vorerkrankungen. 

In Deutschland leiden fünf bis sieben Millionen Menschen an Osteoporose. Neuere Erkenntnisse belegen, dass Männer und Frauen gleichermaßen davon betroffen sind. Die Annahme, Osteoporose sei immer eine Folge des Alterungsprozesses, ist aber schlicht falsch: Auch jüngere Menschen erkranken nachweislich daran, allerdings nicht so häufig wie Menschen jenseits des 40. Lebensjahres.

Um die Osteoporose erfolgreich zu therapieren, ist eine frühzeitige Erkennung der Erkrankung sehr wichtig. Zwar ist die Osteoporose nicht heilbar, bei rechtzeitiger Therapie bestehen heute jedoch gute Chancen, die gravierenden Folgen hinauszuschieben oder möglicherweise sogar ganz zu vermeiden.

 

aus ORTHOpress 1 | 2002

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