Mit Kälte den Schmerz besiegen

Kryoanalgesie — ein bewährtes Verfahren zur Schmerzbekämpfung bei Rückenleiden

Schmerzen an der Wirbelsäule sind heute kein unabänderliches Schicksal mehr, dem man auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. So vielfältig die Ursachen für Rückenschmerzen auch sind, haben sich doch inzwischen zahlreiche neue Therapieverfahren etabliert, so dass es heute in (fast) jedem Fall einen Weg gibt, die quälenden Schmerzen zumindest zu lindern. Entscheidend dabei ist die sorgfältige und exakte Diagnose der Schmerzursachen, denn Rückenschmerz ist noch lange nicht gleich Rückenschmerz.

Bei Schmerzen entlang der Wirbelsäule denkt man zumeist in erster Linie an Veränderungen der Bandscheiben, an Vorwölbungen oder gar Vorfälle der Zwischenwirbelscheiben, die durch Druck auf die benachbarten Nerven große Schmerzen verursachen können. In vielen Fällen sind es aber gar nicht die Bandscheiben direkt, die die Schmerzen verursachen. Wenn sich — was aus mancherlei Ursache möglich ist, z.B. bei Verschleiß an den Bandscheiben oder bei Zustand nach einer Bandscheibenoperation — die Abstände zwischen den Wirbelkörpern verringern, kann es zu einer verstärkten Belastung der kleinen Wirbelgelenke, dem so genannten Facettensyndrom, kommen. „Dabei drücken die Gelenkflächen verstärkt aufeinander. Dies führt einerseits zu erheblichen Verschleißerscheinungen an den Gelenken, zum anderen aber auch zu einer Reizung der umliegenden Nervenfasern“, erklärt Dr. Barbara Schulz, Neurochirurgin an der Havelklinik in Spandau. Ihr Kollege, der Orthopäde und Neurochirurg Dr. Rainer Baerwald vom Bogenhaus in Berlin-Zehlendorf ergänzt: „Im Allgemeinen handelt es sich dabei um recht gut lokalisierbare, regionale Beschwerden, die anders als bei Reizungen der Nervenwurzel nicht in Arme oder Beine ausstrahlen.“

Vereisung — alt bekannt und neu bewährt

Während sich bei den ausstrahlenden Schmerzen die Katheterbehandlung immer mehr durchsetzt, sind die lokalen bzw. regionalen Nacken-, Rücken- und Kreuzschmerzen eine Domäne der Kryoanalgesie, also der Schmerzbehandlung mit Kälte. Die schmerzbetäubende Wirkung von Kälte war schon den alten Griechen bekannt. Mit den Techniken der modernen minimal invasiven Chirurgie hat sie aber in den letzten Jahr(zehnt)en — zunächst in Amerika — eine bedeutende Weiterentwicklung erfahren. Inzwischen möchten auch führende deutsche Schmerztherapeuten diese Methode nicht mehr missen.

„Durch punktuelle Kältezufuhr werden die schmerzleitenden Nervenfasern kurzfristig bei Temperaturen zwischen –50 und –60 Grad Celsius lokal vereist; die Schmerzen verschwinden in vielen Fällen unmittelbar. Bei chronischen Schmerzen kann es aber auch schon mal einige Tage dauern, bis das ‚Schmerzgedächtnis’ gelöscht ist“, erläutert Frau Dr. Schulz das Prinzip der Kryoanalgesie. Um herauszufinden, ob ein Patient überhaupt auf die Vereisung anspricht, werden die betroffenen Facetten-Gelenke zunächst wiederholt mit einem örtlichen Betäubungsmittel umspritzt. Tritt bei diesem als „Blockade“ bezeichneten Test eine Schmerzlinderung ein, spricht vieles dafür, dass auch eine Kryotherapie bei diesen Patienten zum gewünschten Erfolg führt.

Exakte Position der Nadel ist entscheidend

Zur Durchführung der Kryoanalgesie wird über einen winzigen, nur etwa zwei Millimeter langen Hautschnitt eine spezielle Kältesonde unter Röntgenkontrolle an die schmerzenden Nervenfasern herangeführt. Mit einem kurzen Reizstromimpuls, der über die Spitze der Sonde geschickt wird, kann die korrekte Lage zusätzlich kontrolliert werden: Die Patienten spüren durch den Stromreiz ihren typischen Schmerz und können so selber die richtige Position der Nadel überprüfen. Erst wenn sie genau richtig liegt, erfolgt die Abkühlung der Sondenspitze mit flüssiger Kohlensäure. Daher ist auch die Angst, dass Schädigungen an umliegenden Gewebestrukturen auftreten könnten, völlig unbegründet. Dr. Baerwald hat die Erfahrung gemacht: „Die meisten Patienten verspüren nichts von der Behandlung, außer dass der Schmerz nach kurzer Zeit nachlässt; ein Kältegefühl tritt in der Regel nicht auf.“

Mit diesem kurzen, meist nicht einmal eine halbe Stunde dauernden, ambulanten Eingriff, können rund 70 Prozent der Patienten von ihren Schmerzen befreit werden. Das ist — insbesondere für die Behandlung von Rückenschmerzen — ein großer Erfolg. Wichtig ist auch, dass ernsthafte Komplikationen wie Blutungen oder Infektionen praktisch nicht auftreten. Dies ist auch ein wichtiger Gradmesser für die Verträglichkeit einer Therapie. Das Risiko ist also nicht größer als bei Spritzen, aber die Wirkung ist wesentlich effektiver und nachhaltiger. Sollte dann die erlösende Wirkung nach einigen Monaten nachlassen, kann der Eingriff problemlos — auch mehrfach — wiederholt werden.

Kurzer Eingriff mit langer Wirkung

Frau Dr. Schulz: „Die Behandlung belastet die Patienten kaum. Für den Eingriff ist ja lediglich eine oberflächliche örtliche Betäubung erforderlich. Der Vorteil dieses minimal-invasiven Verfahrens liegt zudem darin, dass der schmerzleitende Nerv nicht nachhaltig verletzt wird.“ Im Gegensatz zu den mit Hitze arbeitenden Verfahren, wie etwa Radiofrequenz oder Laser, wird der Nerv nicht verkocht und damit endgültig zerstört, sondern nur im wahrsten Sinne des Wortes kaltgestellt. Man kann diesen Vorgang in etwa mit dem Einfrieren und Einkochen von Früchten vergleichen. Nach dem Auftauen sind diese in ihrer Struktur noch gut erhalten, nach dem Einkochen sind sie zerfallen und matschig. So können die Nerven nach der Vereisung auch ihre normale Funktion wieder ausüben.

Nicht die Nerven sind ja für die Schmerzen, die letztlich nur ein Symptom darstellen, verantwortlich. Ausgangspunkt der Schmerzen sind vielmehr oft Haltungsschäden oder Dysbalancen in der Rückenmuskulatur. Die Kryoanalgesie ermöglicht es nun, diese wirklichen Ursachen in der auf die Behandlung folgende Zeit der Schmerzfreiheit anzugehen und zu beseitigen, z.B. durch ein intensives Rückentraining. Denn oft ist so ein muskelstärkendes Training unter den Schmerzen, die die Betroffenen haben, gar nicht möglich. Dr. Baerwald und Frau Dr. Schulz empfehlen ihren Patienten daher nach dem Eingriff in der Regel auch eine intensive Krankengymnastik zum gezielten Muskelaufbau. Denn die Erfahrung lehrt: Wer über längere Zeit unter Schmerzen gelitten hat, bei dem sind die entsprechenden Muskeln auch durch eine Schonhaltung oftmals stark verkümmert. Gezielte Übungen helfen dann, den Behandlungserfolg dauerhaft zu sichern. Im Idealfall ist nach der Erholung des schmerzleitenden Nerven die Ursache der Beschwerden behoben.

Kryoanalgesie auch für Risikopatienten geeignet

Aber auch für Menschen, die an ihrer muskulären Situation nichts mehr ändern können oder wollen, z.B. ältere Menschen mit starken Verschleißerscheinungen an der Wirbelsäule, können von den Vorteilen der Methode profitieren. Dr. Baerwald ist überzeugt: „Da für den Eingriff keine Narkose nötig ist und fast gar keine Verletzungen von Muskeln und Gewebe erfolgen, eignet sich die Kryoanalgesie auch hervorragend zur Schmerztherapie bei Menschen mit Vorerkrankungen wie koronarer Herzkrankheit oder sonstigen schweren Erkrankungen, die eine Operation ausschließen. Wenn es erforderlich sein sollte, sind auch bei ihnen wiederholte Eingriffe möglich.“

 

aus ORTHOpress 03|2002

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