Kälte gegen Schmerzen

Im Kampf gegen Schmerzen gibt es jetzt eine neue Form der Kältetherapie mit extremen Minusgraden: Ihre Erfolge bei der Behandlung von rheumatischen Erkrankungen, Al­lergien oder Multipler Sklerose sind verblüffend.

Herbert Müller leidet seit 30 Jahren an Polyarthritis, einer entzündlichen Form von Rheuma, und konnte bis vor kurzem kaum noch ca. 50 Meter gehen. Sein Schwiegersohn erzählte ihm von einer neuen Therapie, die mit extremen Minusgraden gegen seine Krankheit helfen soll.
Nach dem Motto: Einen Versuch ist es wert, ging Herr Müller ins Institut für alternative Medizin (IAM) in der Kölner Innenstadt. Dort bekam er Informationen über die Kryotherapie (Kältetherapie) und gleich einen Termin für den ersten Gang in die Kälte.

Es handelt sich um eine Ganzkörper-Kältebehandlung bei – 110 °C. Zum Vergleich: In der Antarktis herrschen höchstens minus 88 Grad. Kann ein Mensch das überhaupt aushalten? Freilich kann er – und zwar lediglich mit Badehose oder -anzug bekleidet. Nur Hände, Füße, Ohren und Gesicht bekommen einen leichten Schutz gegen die Kälte. Höchstens drei Minuten bleiben die Patienten in der eisigen Kammer. Um nicht gleich den Kälteschock ihres Lebens zu bekommen, passieren sie vor dem kältesten Raum übrigens zwei andere, die „nur“ auf minus 10 bzw. minus 60 Grad temperiert sind.
Herr Müller war vor seinem ersten Termin ganz schön skeptisch. Deshalb nahm er das Angebot der Helferin, ihn zu begleiten, gerne an. Als er nach zwei Minuten die Tür zum Warmen wieder öffnet, weiß er Bescheid: „Halb so schlimm“, sein Kommentar. „Und hinterher fühle ich mich wie neugeboren“.
Nach zehn Behandlungen à zwei Minuten haben sich nicht nur seine Schmerzen erheblich gebessert. Sein tägliches Gehpensum liegt nun schon wieder bei 1,5 km, und seine Schmerzmittel konnte er um die Hälfte reduzieren.

Beweglichkeit steigern

Die Kältetherapie verbucht bei rheumatischen Erkrankungen (z.B. Arthrose, Arthritis, Morbus Bechterew), Fibromyalgie, Allergien, Asthma, Hautkrankheiten, wie Neurodermitis oder Psoriasis, oder sogar bei Multipler Sklerose beachtliche Erfolge.
Vor allem lindert die Kälte den Schmerz, der bis zu ca. sechs bis acht Stunden nach dem frostigen Ausflug deutlich abnimmt. Eine gute Chance für Patienten mit chronisch entzündlichem Rheuma oder Arthrose, direkt danach kranke Gelenke wieder beweglich zu machen. Versierte Krankengymnasten kümmern sich zum Beispiel im IAM darum. Sie decken eine Vielzahl von Behandlungsarten ab, die von manualtherapeutischen über energetische bis zu osteo­pathischen Methoden reichen.
Die Erfolge der Kryotherapie bei der Behandlung von Asthma, Allergien oder Hautkrankheiten kommt durch die positive Wirkung der Eiseskälte auf das Autoimmunsystem zu Stande. Sie normalisiert die Hormone der Hirnanhangdrüse (Hypophyse).
Frauen, die ursprünglich wegen einer Allergie die Kältetherapie absolvierten, stellten hinterher überrascht fest, dass nicht nur die Haupterkrankung, sondern auch ihre prämenstruellen Beschwerden (die ebenfalls hormonbedingt sind) plötzlich verschwunden sind.

Kein Risiko

Unerwünschte Nebenwirkungen gibt es keine. Erwünschte schon, denn die Dosis von schmerzhemmenden Medikamenten oder Kortison kann durch die Kältetherapie drastisch gesenkt werden. Nach 20–40 Ganzkörperbehandlungen mit eisigen Temperaturen sind die Patienten oft bis zu einem Jahr schmerzfrei. Als Kontraindikationen gelten nur akute Herz-/Kreislauferkrankungen oder arterielle Durchblutungsstörungen.
Bisher werden die Kosten von ca. 46 Mark pro Sitzung in der Kältekammer von privaten Kassen gezahlt, im Einzelfall auch von gesetzlichen. Die Kryotherapie an sich existiert zwar schon lange, therapeutisch besonders wirksame Temperaturen von – 110 °C können bundesweit allerdings erst sieben Institutionen anbieten. Rolf Remmel, Geschäftsführer des IAM, ist stolz, der Erste in Köln zu sein. Um die Rentabilität der teuren Kammer macht er sich keine Sorgen: „Ich bin überzeugt, dass sich diese noch relativ junge Therapieform generell durchsetzen wird, weil sie auf Dauer den Kassen immense Summen von Kosten (z.B. für konservative Therapien oder Medikamente) einspart. Ein Kuraufenthalt eines Psoriasis-Patienten am Toten Meer kommt die Kasse zum Beispiel wesentlich teurer als eine Kältekur“.

 

Ein Archivbeitrag* aus ORTHOpress 1 | 2000
*Archivbeiträge spiegeln den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wieder. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen.