Volkskrankheit Arthrose

VonLena Krieger

Volkskrankheit Arthrose

So alt wie die Menschheit

Die Arthrose, also die krankhafte Veränderung des Gelenkknorpels, ist beileibe keine moderne Erkrankung. Auch wenn heute immer mehr Menschen von ihr betroffen sind, hat es sie doch schon seit Beginn der Menschheitsgeschichte gegeben. Schon Ötzi, der berühmte Mumienmann aus dem Eis, litt unter dieser schmerzhaften Gelenkzerstörung. Allerdings haben sich unsere Kenntnisse über Art und Wesen der Krankheit und die Behandlungsmöglichkeiten in den letzten 5.000 Jahren doch erheblich erweitert und wir sind nicht mehr auf magische Tätowierung als Heilmethode angewiesen. Über den modernen Stand bei der Arthrosebehandlung sprach ORTHOpress mit dem Orthopäden Dr. Stefan Preis und dem Unfallchirurgen Privatdozent Dr. Jürgen Höher von der Kölner Klinik am Ring.

 

Wie weit sind die Forschungen inzwischen gediehen? Ist Arthrose heute heilbar?

Dr. Preis: Die Frage muss leider mit einem klaren „Nein“ beantwortet werden. Allerdings wissen wir heute so viel über das Wesen der Erkrankung, dass der Krankheitsverlauf mit geeigneten Maßnahmen um Jahre hinausgezögert werden kann. Entscheidend ist aber, dass die Diagnose so früh wie möglich gestellt wird, damit entsprechende Verhaltensweisen und vorbeugende Maßnahmen ergriffen werden können.

 

Welche Verhaltensmaßnahmen meinen Sie konkret?

Dr. Höher: Die betroffenen Patienten können selber sehr viel dazu beitragen, den Verlauf der Erkrankung zu verlangsamen. Neben einer vernünftigen Ernährung mit Kontrolle des Körpergewichtes steht an erster Stelle die Bewegung. Gelenke müssen ausreichend bewegt werden, sonst kann der Knorpel nicht richtig ernährt werden. Anders als andere Körpergewebe wird Knorpel ja nicht über das Blut ernährt, sondern über die im Gelenk vorhandene Gelenkschmiere, die so genannte Synovialflüssigkeit. Bewegung ist ein Anreiz für ihre Produktion, und ein guter Stoffwechsel garantiert nicht nur die Versorgung des Knorpels mit Nährstoffen, sondern wirkt auch Entzündungen entgegen. Dabei sollte man allerdings darauf achten, dass es nicht zu einer Fehlbelastung der Gelenke kommt, was genau so schädlich wie zu wenig Bewegung sein kann. Auch wenn die Gelenkbewegungen schmerzhaft werden, sollte man nicht darauf verzichten, sondern lieber Schmerzmittel einnehmen als die Gelenke völlig ruhig zu stellen. Besonders empfehlenswert sind natürlich gelenkschonende Sportarten wie Radfahren, Schwimmen, Aquajogging und Gymnastik, ganz nach der Devise: Viel bewegen, ohne viel zu belasten.

 

Wenn sich aber trotz aller vorbeugender Maßnahmen doch eine Arthrose einstellt?

Dr. Preis: Mittlerweile stehen uns, je nach Phase der Erkrankung, ein ganzes Bündel an verschiedenen Behandlungen zur Verfügung, die ganz auf die im Einzelfall vorliegenden Bedingungen abgestimmt werden können. Ist der Gelenkknorpel noch nicht völlig zerstört, die Gelenkflüssigkeit aber so verändert, dass sie keine ausreichende Knorpelernährung mehr gewährleistet, dann kann die Zusammensetzung dieser Gelenkschmiere durch die Injektion von Hyaluronsäure verbessert werden und damit natürlich auch die Ernährungsbedingungen für den Knorpel. Sind entzündliche Veränderungen mit im Spiel, kann durch das Einspritzen von Zytokin-Antagonisten oft sehr schnell eine Schmerzfreiheit und damit bessere Beweglichkeit erreicht werden. Die spezifisch wirksamen Stoffe werden aus dem eigenen Blut der Patienten hergestellt, so dass es nicht zu Unverträglichkeitserscheinigungen kommen kann.

 

Hat man mit diesen konservativen Therapien immer Erfolg oder ist manchmal nicht auch eine Operation erforderlich?

Dr. Höher: In der Tat sind irgendwann die konservativen Maßnahmen erschöpft und man muss den Patienten eine operative Therapie empfehlen. Dabei handelt es sich meistens um so genannte minimal invasive Eingriffe, also ohne großen Schnitt, sondern im Rahmen einer Gelenkspiegelung. Besonders am Knie, an dem ja auf Grund der hohen Belastung oft eine Arthrose entsteht, liegen sehr große Erfahrungen über diese Eingriffe vor. Sei es nun, dass das Gelenk lediglich gesäubert werden muss von all den Abriebpartikeln, die ja eine Entzündung im Gelenk unterhalten können. Sei es, dass man z.B. die losen Knorpelanteile wegnimmt, um die Oberfläche wieder zu glätten und damit den Reibungswiderstand zu minimieren. Kleinere umschriebene Knorpeldefekte kann man heutzutage auch durch Knorpel, den man mit einer Stanze aus einer weniger belasteten Stelle entnommen hat, ersetzen: Dieses Verfahren bezeichnet man als „Knorpel-Knochentransplantation“. Auch kann man inzwischen patienteneigene Knorpelzellen im Reagenzglas zum Wachsen bringen und später an defekten Stellen einsetzen. Diese so genannte „autologe Chondrozytentransplantation“ kann erfolgreich bei Knorpeldefekten von etwa 3-10 Quadratzentimetern eingesetzt werden.

 

Aber irgendwann führt doch sicherlich kein Weg an einem künstlichen Gelenk vorbei?

Dr. Preis: Das kann man so nicht sagen. Sicherlich gibt es Fälle, in denen es nach jahrelangen therapeutischen Bemühungen sinnvoll ist, das zerstörte Gelenk durch eine Prothese zu ersetzen, um den Patienten so wieder zu Beschwerdefreiheit zu verhelfen. In sehr vielen Fällen kann man aber mit konservativen und minimal invasiven Maßnahmen eine hohe Lebensqualität auch ohne Kunstgelenk erhalten. Wichtig dafür ist allerdings, dass die Patienten informiert sind und möglichst viel über das Wesen ihrer Krankheit wissen. Uns ist die Patientenaufklärung daher ein wichtiges Anliegen.

Herr Dr. Preis, Herr PD Dr. Höher, herzlichen Dank für das Gespräch.

 

 

aus ORTHOpress 04|2002

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