Sprechstunde: Arthrose

Warum ist Knorpel eigentlich so wichtig für Gelenke und was passiert, wenn er verletzt ist? Othropress sprach mit dem Frankfurter Orthopäden, Dr. Frömel:

Herr Dr. Frömel, warum kann man bei einem Knorpelschaden nicht einfach neuen Knorpel an die beschädigte Stelle setzen wie zum Beispiel bei einer Hauttransplantation?

Im Prinzip ist das schon möglich. In der Praxis gibt es allerdings einige Hindernisse, die dem entgegenstehen. Bei kleineren, regional begrenzten Knorpelschäden ist dies heute kaum noch ein Problem. Man entnimmt einfach mit einer Stanze ein Stück gesunden Knorpel von einer wenig belasteten Stelle des Gelenks und setzt es dort ein, wo der Knorpel abgenutzt oder beschädigt ist.

Warum funktioniert diese Methode nur bei kleineren Knorpelschäden?

Dies rührt in erster Linie daher, dass man den zur Reparatur benötigten Ersatzknorpel nur an wenigen Stellen des Gelenks und nur in geringer Menge entnehmen kann. Auch gestaltet sich das Einwachsen des verpflanzten Knorpels bei großflächigen Defekten schwierig. Der Knorpel ist beim erwachsenen Menschen eben nicht mehr durchblutet – das ist der große Unterschied zur Hauttransplantation. Wachstum und Heilung aber können nur dort vonstatten gehen, wo der Körper durch eine Durchblutung die benötigten Enzyme und Botenstoffe zur Verfügung stellt.

Eine andere Methode, mit der man heute versucht die Arthrose aufzuhalten, ist die Injektion von Hyaluronsäurepräparaten in das Gelenk. Wie wirken diese Präparate?

Hyaluronsäurepräparate sind der natürlichen Gelenkflüssigkeit nachempfunden. Sie verbessern einerseits die Lubrikation, d.h. die „Schmierung“ des Gelenks, und andererseits die Ernährungssituation des Knorpels. Dies kann zu einer lang anhaltenden Schmerzreduktion führen – ob sich letztendlich eine Arthrose damit wirksam aufhalten lässt, kann man noch nicht abschließend beurteilen. In vielen Fällen kann man jedoch eine aufschiebende Wirkung erreichen und so noch etwas Zeit bis zum Gelenkersatz gewinnen.

In der letzten Zeit liest man viel über die neuen Interleukin-1-Antagonisten. Ist dies der erste Schritt mittels Gentechnik eine Arthrose zu heilen?

Die Interleukin-1-Antagonisten sind in erster Linie lang anhaltende Entzündungshemmer. Ihr Vorzug etwa gegenüber den bekannten Kortisonpräparaten ist, dass sie nicht deren starke Nebenwirkungen zeigen. Man geht heute davon aus, dass es damit vielleicht möglich ist, eine Arthrose zu stoppen, indem man die Entzündungsmediatoren blockiert. Ist jedoch die Arthrose so weit fortgeschritten, dass bereits ausgedehnte „Knorpelglatzen“ existieren, so kann man auch mit diesen Mitteln vielleicht noch eine vorübergehende Schmerzlinderung erzielen: Neuer Knorpel wird sich jedoch kaum bilden.

Wenn sich aber die Arthrose nicht mehr aufhalten lässt, bleibt letztlich nur der Gelenkflächenersatz als letzte Möglichkeit dem Patienten die Schmerzen zu nehmen und ihm seine Beweglichkeit wiederzugeben. Viele Menschen hoffen heute auf eine so genannte „Schlittenprothese“, bei der nicht das gesamte Gelenk ersetzt wird, sondern nur die abgenutzte „Lauffläche“. Für welche Patienten kommt ein solcher Gelenkersatz in Frage?

Ob eine Schlittenprothese zum Einsatz gelangen kann, hängt wesentlich vom Zustand des Patienten ab. Tatsächlich ist die Indikation begrenzt, weswegen sich diese Frage meist nur bei jüngeren Patienten stellt. Zwar hat sie prinzipiell den Vorteil, dass beim Eingriff lateral (d.h. an der Außenseite des Kniegelenks) keine Knochenmasse reseziert werden muss – dies geht jedoch nur dann, wenn die Arthrose medial (d.h. auf der Gelenkinnenseite) begrenzt ist.

Nicht wenige Patienten haben Angst vor dem vermeintlich „großen“ Eingriff. Wie sieht eine Kniegelenksimplantation in der Praxis aus?

Der Eingriff selbst ist nicht so kompliziert wie der Ersatz eines neuen Hüftgelenkes; dies liegt hauptsächlich daran, dass das Kniegelenk im Gegensatz zur Hüfte kaum von Fettgewebe umgeben und von allen Seiten frei zugänglich ist. Nach einem bogenförmigen Hautschnitt um die Kniescheibe von ca. 15–20 cm Länge werden defekte Gelenkflächen abgetragen und durch ein mehrteiliges System ersetzt, welches auf der einen Seite aus einem Oberschenkel-, auf der anderen Seite aus einem Unterschenkelimplantat besteht. Die implantierten Gleitflächen bestehen dabei heute aus speziellen, besonders reibungsarmen Kunststoffen. Die Angst vor einem solchen Eingriff ist aber heute weitgehend unbegründet: Rund 90% aller Patienten, denen ein künstliches Kniegelenk eingesetzt wird, sind mit dem Erfolg des Eingriffs zufrieden – man muss also nicht mehr die Angst haben, dass danach „nichts mehr wie früher“ ist. Nach der Operation, die selten länger als etwa eine Stunde dauert, schließt sich noch ein Krankenhausaufenthalt von etwa zwei Wochen an. Nach dem Abklingen des durch die Operation hervorgerufenen Wundschmerzes ist der Patient dann meist schmerzfrei.

Die verbesserte Funktionalität und Schmerzfreiheit gegenüber einer schweren Kniegelenksarthrose ist in beinahe jedem Fall gegenüber einer hoch dosierten Gabe von Schmerzmitteln über Jahre hinweg die bessere Alternative. Sie ermöglicht dem Patienten die Teilnahme am täglichen Leben ohne wesentliche Einschränkungen – ein nicht zu unterschätzender Gewinn an Selbstwertgefühl und Lebensqualität.

Dr. Frömel, herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Ein Archivbeitrag* aus ORTHOpress 3 | 2001
*Archivbeiträge spiegeln den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wieder. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen.