Neue Methode zur Behandlung des gerissenen vorderen Kreuzbandes

VonMalte van den Berg

Neue Methode zur Behandlung des gerissenen vorderen Kreuzbandes

Mit Spenderimplantaten die Knie-Instabilität verhindern

Seit langem ist bekannt, dass Gelenk-Instabilitäten auf Dauer zu einer Fehlbelastung des betroffenen Gelenks führen. Dadurch kommt es – meistens relativ schnell – zu einer einseitigen Abnützung der die Gelenke überziehenden Knorpelschicht, d.h. eine Arthrose entsteht. Bis zur Ausbildung des Vollbildes einer Arthrose können manchmal Jahrzehnte vergehen, manchmal ist es aber schon nach wenigen Jahren der Über- und Fehlbelastung so weit. Um solchen verhängnisvollen Kreisläufen vorzubeugen, ist es entscheidend, Gelenk-Instabilitäten so früh wie möglich zu erkennen und zu behandeln. ORTHOpress sprach mit dem Orthopäden Dr. Wolfgang Kunz, Orthopäde in den Räumen der Atlasklinik in Stuttgart-Neuhausen, über bewährte und neue Methoden zur Behebung einer Knie-Instabilität.

Herr Dr. Kunz, Instabilitäten im Kniegelenk, wodurch werden sie hervorgerufen?

Die häufigste Ursache stellen gerissene Kreuzbänder dar, wobei das vordere Kreuzband ganz besonders häufig betroffen ist, sei es nun durch eine Verletzung beim Fußballspielen oder beim Skifahren. Die Praxis hat zudem gezeigt, dass bei einem gerissenen vorderen Kreuzband häufig gleichzeitig auch eine Verletzung des für den reibungslosen funktionellen Ablauf im Knie so wichtigen Meniskus vorliegt. Das erklärt sich daraus, dass das Kniegelenk mit seinen unterschiedlichen Strukturen ein sich gegenseitig stabilisierendes System darstellt. Ist ein Glied in diesem System erkrankt, so hat das Auswirkungen auf alle anderen Strukturen mit der Folge, dass es letztendlich zur Zerstörung des gesamten Knorpels im Knie kommt und eine schwere Arthrose entsteht. Durch die fortschreitende Technik der modernen endoskopischen Chirurgie haben wir in den letzten Jahren wichtige Erkenntnisse in die Zusammenhänge bei der Entwicklung einer Kniearthrose bekommen. So ist es inzwischen in der internationalen Fachwelt unumstritten, dass es sich beim vorderen Kreuzband um einen der wichtigsten Stabilisatoren des Kniegelenks handelt. Die Zerstörung dieses Bandes führt durch die dadurch bedingte Instabilität nachweislich zu einer massiven Arthrose, und das zum Teil bei noch sehr jungen Menschen.

Warum ist die Arthrose so gefürchtet?

Die Arthrose stellt einen zumeist über Jahre hin fortschreitenden Prozess dar, an dessen Ende der Knorpel derart geschädigt ist, dass dieser bis zum blanken Knochen abgerieben und abgeschliffen ist. Das Ganze funktioniert wie eine Einbahnstraße insofern, als es sich beim Gelenkknorpel um eine Struktur handelt, die sich nicht so schnell regenerieren kann, wie der zerstörende Prozess den Knorpel vernichtet. Die Folgen sind ständige – Tag und Nacht anhaltende – Schmerzen, die schließlich nur noch mit einem künstlichen Gelenkersatz beherrscht werden können.

Wie kann man diesen unheilvollen Prozess aufhalten?

In den letzten Jahren hat es nicht an Bemühungen gefehlt, wenig traumatisierende Operationstechniken zu entwickeln, mit denen man – möglichst minimalinvasiv – das gerissene Kreuzband wieder nähen oder ersetzen kann. Eines der bekanntesten und ältesten Verfahren ist, das vordere Kreuzband unter Verwendung eines Teils der Kniescheibensehne, der Patellarsehne, zu ersetzen. Eine weitere, ebenfalls erfolgreiche Technik besteht darin, einen Teil aus der seitlich des Kniegelenks verlaufenden so genannten Semitendinosus- und/oder der Gracilissehne zum Kreuzbandersatz zu verwenden. Dabei handelt es sich in beiden Fällen um Sehnen, die normalerweise zusätzlich zu einer äußeren Stabilisierung des Kniegelenks beitragen.

Führen diese Techniken nicht zu einer Schwächung des Knies?

Normalerweise reichen die verbleibenden Sehnenanteile aus, das Knie stabil zu halten. Allerdings, ein gewisses Risiko für eine Gelenkinstabilität nimmt man bei diesen Techniken sicherlich in Kauf. Hinzu kommt, dass bei der Verwendung einer körpereigenen Sehne als Kreuzbandersatz immer auch noch ein zweiter Schnitt erforderlich ist, um diese Sehne zu präparieren und zu entfernen. Dies hat vor allem in den USA zur Entwicklung eines weiteren Verfahrens geführt, bei der das gerissene Kreuzband durch ein Spendertransplantat ersetzt wird.

Was sind die Vorteile bei der Verwendung von Spendersehnen?

Zunächst einmal, was schon angesprochen wurde, man braucht nicht von einer anderen Stelle desselben Kniegelenks eine Sehne zu entnehmen und damit zusätzlich eine Verletzung zu setzen. Man kann Spendersehnen in einem komplett endoskopisch minimalinvasiven Verfahren als Kreuzbandersatz einpflanzen. Zum anderen ist man unabhängig von dem, was man an Sehnenmaterial vorfindet, sondern kann Dicke und Qualität des Transplantates ganz frei wählen und den Gegebenheiten, wie man sie im Knie vorfindet, anpassen. Bei der Übertragung von Sehnengewebe ist auch nicht mit Abstoßungsreaktionen zu rechnen, wie man sie z.B. bei Nieren-, Leber- und Herztransplantationen fürchtet.

Unsere eigenen Ergebnisse sind bezüglich eines operativen Kreuzbandersatzes sehr ermutigend. So hat die Nachuntersuchung von über 350 Patienten, bei denen etwa zur Hälfte eine körpereigene das Knie stabilisierende Sehne verwendet und zur anderen Hälfte eine Spendersehne implantiert wurde, gezeigt, dass auch nach über fünf Jahren bei beiden Verfahren eine hohe Kniestabilität vorliegt. Damit ist bewiesen, dass die Operation mit Einsatz einer Spendersehne den herkömmlichen Verfahren, in nichts nachsteht.

Hat die Übertragung von Spendersehnen die therapeutischen Möglichkeiten beim Kreuzbandriss also erweitert?

Das kann man mit Fug und Recht behaupten. Man kann sagen, dass alle drei zur Zeit verwendeten Operationsmethoden zum vorderen Kreuzbandersatz unserer Meinung nach ihre volle Daseinsberechtigung haben, durch die Hand des geübten Operateurs zu einer Restabilisierung des Kniegelenks führen und somit der Arthrose Einhalt gebieten. Welche Methode im Einzelfall angewendet wird, hängt einerseits von den Erfahrungen des Operateurs, den anatomischen Gegebenheiten, aber auch von den Wünschen und Vorstellungen der Patienten ab.

Herr Dr. Kunz, herzlichen Dank für das Gespräch.

 

aus ORTHOpress 04|2002
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