Minimalinvasive Techniken im Gespräch

Akzente der modernen Wirbelsäulen-Schmerztherapie

Wirbelsäulenschmerzen können durchaus verschiedenste Ursachen haben. Nicht jedes Behandlungsverfahren ist daher auch für alle Beschwerden gleich gut geeignet. Operiert werden muss jedoch, und das ist die Hauptsache, nur noch in seltenen Fällen. Meist kann heute eine der so genannten minimalinvasiven Techniken zum Einsatz gelangen: Nicht nur ist der Wundschmerz nach dem Eingriff geringer, auch ist der Patient schneller wieder fit und kann seinem Tagwerk früher wieder nachgehen. Überdies sind viele Patienten mit chronischen Rücken- und Wirbelsäulenschmerzen häufig bereits mehrfach operiert worden und haben im Laufe der Jahre oftmals eine Vielzahl von Ärzten und Therapeuten aufgesucht. Diese Patienten werden vielfach erst nach einer jahrelangen Odyssee mit der geeigneten Therapie versorgt – scheuen aber verständlicherweise die nochmaligen Risiken und Belastungen einer erneuten Operation. 

Mit einer größeren Verbreitung minimalinvasiver Verfahren ließe sich dabei nach der Meinung des Berliner Arztes Dr. Munther haj Ahmad vielen chronischen Schmerzpatienten effektiv und nebenwirkungsarm helfen. Orthopress sprach mit dem Neurochirurgen über die Möglichkeiten, eine „offene“ Operation zu umgehen.

Herr Dr. haj Ahmad, was können die minimalinvasiven Verfahren heute leisten?

Von der reinen Schmerzbekämpfung bis hin zur Druckentlastung der Nerven bei Bandscheibenvorfällen gibt es inzwischen eine ganze Reihe von minimalinvasiven Methoden, mit welchen eine Operation – bei gegebener Indikation – vermieden werden kann. Eine Methode, die inzwischen auf breiter Basis angewendet wird, ist die Lasertechnologie (PLDD).

Dabei wird unter örtlicher Betäubung eine Laserglasfaser durch eine dünne Spezialnadel in die vorgefallene Bandscheibe eingeführt. Durch diese Glasfaser werden dann per Laser Teile der Bandscheibe verdampft: Diese zieht sich zurück und entlastet den zuvor eingeengten Nerv. Die Bandscheibenlaserung ist ein sehr gutes, schonendes Verfahren, bei welchem das umliegende Gewebe minimal traumatisiert wird. Um ein ähnliches Ergebnis zu erzielen, nämlich die mechanische Entlastung der betroffenen Nerven im Rückenmark, hätte noch vor wenigen Jahren eine Operation durchgeführt werden müssen – bei ungewissem Ausgang, denn die durch Verwachsungen und Narbengewebe nach einer Operation auftretenden Beschwerden können letzt­endlich ein ähnliches Problem werden wie der Anlass der Operation selbst: Darum vermeidet man sie ja gerade.

Auch mit dem Katheterverfahren nach Prof. Racz, bei dem eine spezielle Medikamentenlösung in den Epiduralraum eingespült wird, werden heute sehr gute Erfolge erzielt.

Aber was ist, wenn die Nervenstruktur derart geschädigt ist, dass die Schmerzen nicht mehr nachlassen? Wie kann solchen Patienten geholfen werden?

Auch in diesem Fall kann heute noch wirksam therapiert werden, und zwar durch die „rückenmarksnahe Elektrostimulation“. Dabei wird unter Lokalanästhesie dem Patienten eine feine Elektrode in der Nähe des Rückenmarks platziert, über die durch einen Schrittmacher der Schmerz weit gehend unterdrückt werden kann. Über einen kleinen, am Gürtel getragenen Sender kann dann die Intensität des Stroms von Arzt und Patient bequem eingestellt werden. Zwar wird so nicht die Ursache der Beschwerden bekämpft – das ist bei chronisch gewordenem Schmerz, der sich quasi „verselbstständigt“ hat, auch meist keine Lösung mehr. Es kann aber wenigstens auf diese Art und Weise eine große Schmerzlinderung bewirkt werden. Diese Eingriffe werden inzwischen ambulant durchgeführt und sogar von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

Herr Dr. haj Ahmad, haben Sie vielen Dank für Ihre Ausführungen!

 

Ein Archivbeitrag* aus ORTHOpress 4 | 2000

*Archivbeiträge spiegeln den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wieder. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen.