Minimalinvasive Orthopädie an der Halswirbelsäule 

Innovative Behandlungsmethoden bei chronischen Rückenschmerzen

Rückenschmerzen gehören zu den ständigen Begleitern für viele von uns. Vor allem im Halswirbelbereich aber sind chronische Schmerzen für die Betroffenen ein Albtraum und schränken die Lebensqualität meist erheblich ein. Offene Operationen an der Halswirbelsäule sind allerdings risikoreich. Dagegen können Erkrankungen an der Halswirbelsäule auch mit minimalinvasiven Schmerztherapien inzwischen hervorragend behandelt werden. Innovative Methoden sind die CT-gesteuerte Thermokoagulation und die epidurale Kathetermethode. 

„Chronische Rückenschmerzen können ganz unterschiedliche Ursachen haben. Zur Behandlung steht mittlerweile ein breites Therapiespektrum an offenen, konservativen und minimalinvasiven Eingriffen zur Verfügung, das je nach individueller Diagnose richtig eingesetzt werden muss,“ erklärt der Münchner Orthopäde Dr. Jürgen Schwickal. Die Schmerzen an der Halswirbelsäule entstehen neben Spätfolgen durch Verletzungen wie beispielsweise nach »Schleudertraumen« vor allem durch Verschleißerscheinungen an der Wirbelsäule oder an den Bandscheiben. So kann zum Beispiel durch Degeneration des Bandscheibenfaserrings eine Bandscheibenvorwölbung oder ein Bandscheibenvorfall entstehen. Bei älteren Patienten zeigen die kleinen Wirbelgelenke häufig Abnutzungserscheinungen, wobei es im Rahmen des Verschleißes zu einer Knochenneubildung kommt. „Diese Neubildungen können zur Kompression einer Nervenwurzel an der Austrittsstelle zwischen zwei Halswirbeln führen, aber auch eine Einengung des Rückenmarkkanals oder eine Lockerung der Wirbelverbindungen und damit eine Instabilität der Wirbelsäule hervorrufen“, so Dr. Schwickal.

Nicht nur Schmerzen sind die Folge

Die Folgen solcher Veränderungen an der Halswirbelsäule können starke Verspannungen der Nacken-, Hals- und Armmuskulatur, Kopfschmerzen, Schwindel und Ohrgeräusche sein. Treten gleichzeitig ausstrahlende Schmerzen in Schultern und Armen oder Kribbeln und Lähmungen in Hand und Fingern auf, sind auch die Rückenmarksnerven beteiligt. Bei diesen Alarmsignalen ist eine sofortige therapeutische Intervention nötig, da es neben der Linderung der Beschwerden darum geht, irreparable Folgeerscheinungen zu vermeiden.

Minimalinvasive Behandlungsmethoden auf dem Vormarsch

Mit konservativen Behandlungsmethoden wie medikamentöser, physikalischer oder physiotherapeutischer Therapie sind chronische Schmerzen im Halswirbelsäulenbereich oft nur schwer zu therapieren. Die Alternative ist nicht selten eine Versteifungsoperation der betroffenen Wirbelkörper. Neue Möglichkeiten haben nun die minimalinvasiven CT-gesteuerten Eingriffe eröffnet, bei denen Wärme oder Medikamente über eine Sonde unter computertomografischer (CT) Bildkontrolle zielgenau an den Ort des Schmerzgeschehens eingebracht werden. Sie stellen inzwischen eine wichtige Ergänzung des nichtoperativen Therapiespektrums dar. 

Schmerzende Nervenfasern können ausgeschaltet werden

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Sehr gute Behandlungsergebnisse werden mit der so genannten Thermokoagulation erzielt. Dabei wird der Schmerz durch die Verödung der schmerzerzeugenden Nerven ausgeschaltet. In der Neurochirurgie wird die Thermokoagulation schon seit einigen Jahren als effektive Maßnahme gegen Trigeminusneuralgien eingesetzt. Unter CT-Kontrolle wird dabei eine Thermosonde direkt an das betroffene Wirbelgelenk geführt. Mit Wärmeenergie werden dann die schmerzerzeugenden Nervenendigungen verödet. So wird die Leitung der Schmerzfasern unterbrochen, und der Schmerz kann sich nicht weiter ausbreiten. Die Patienten verspüren meist bereits einige Tage nach dem Eingriff eine deutliche Besserung. 

„Die Thermokoagulation ist ein schonendes und zugleich wirkungsvolles Verfahren, Beschwerden zu lindern, deren Ursache in einer Degeneration der kleinen Wirbelgelenke liegt“, erläutert Dr. Schwickal: „Während die Wirkung einer medikamentösen Schmerzbehandlung meist schon nach wenigen Tagen nachlässt, hält der schmerzlindernde Effekt der Hitzesondenbehandlung bis zu einem Jahr, im Idealfall auch länger, an. Sind die verödeten Nerven wieder zusammengewachsen und treten erneut Schmerzen auf, kann sich der Betroffene bedenkenlos erneut einer Behandlung unterziehen.“ 

Enzymlösung löst Verklebungen und wirkt abschwellend

Bandscheibenvorfälle durch degenerative Veränderungen kommen im Bereich der Halswirbelsäule zwar seltener vor als an der Lendenwirbelsäule, doch können die Auswirkungen ebenso schmerzhaft sein. Insbesondere wenn durch die Bandscheibenschädigung eine Nervenwurzelreizung oder eine Verengung des Wirbelkanals vorliegt, kann es zu anhaltenden Rücken- oder Nackenschmerzen beziehungsweise zu ausstrahlenden Schmerzen in Schultern und Arme kommen. Eine deutliche Beschwerdelinderung kann hier durch die »Epidurale Kathetermethode« erzielt werden, die inzwischen als schmerztherapeutisches Standardverfahren zur Behandlung von Bandscheibenvorfällen im Halswirbelsäulen- und Lendenwirbelsäulenbereich eingesetzt wird. Auch bei diesem Verfahren leistet die radiologische Kontrolle gute Dienste, da sie eine zielgenaue Steuerung und Platzierung des flexiblen Katheters im Wirbelkanal an die betroffene Nervenwurzel erlaubt. Über den Katheter werden dann entzündungshemmende Medikamente zur Abschwellung der Nervenwurzel und des umliegenden Gewebes, Enzyme zur Lösung von Verklebungen sowie eine spezielle Kochsalzlösung injiziert. Der 30-minütige Eingriff, der unter örtlicher Betäubung durchgeführt wird, erfolgt stationär, die Umspülungen werden zweimal täglich wiederholt. In der Regel kann der Patient nach einer Schonungsphase von etwa zwei Wochen wieder sein gewohntes Alltagsleben aufnehmen. „Da die schmerz- und entzündungshemmenden Medikamente mit dem epiduralen Katheter direkt an den schmerzverursachenden Nerv gebracht werden können, ist auch hier der Behandlungserfolg gegenüber herkömmlichen konservativen Methoden deutlich verbessert.“ Nach Einschätzung Dr. Schwickals verspüren „etwa 70 bis 80 Prozent der Patienten eine lang anhaltende Schmerzerleichterung und können so eine offene Operation vermeiden.“

von Michael Reuß

 

aus ORTHOpress 2 | 2002

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