Die Beschleunigungsverletzung der Halswirbelsäule

VonLena Krieger

Die Beschleunigungsverletzung der Halswirbelsäule

„Es hat ganz schön gerummst“, sagt die Bankangestellte Kathrin Hügel aus Schwäbisch Hall. Völlig unvermittelt ist an der Ampel ein Kleinlaster auf ihr Auto aufgefahren. Aber obwohl am Wagen durch den Aufprall ein Totalschaden entstanden ist, kommt die 28-Jährige mit dem Schrecken davon – zumindest meint sie das zunächst.

Einen Besuch beim Arzt hält sie nicht für nötig: „Ich fühlte mich eigentlich wie sonst immer und habe noch mit den Polizisten und dem Fahrer des Lastwagens gescherzt, dass ja Gott sei dank nichts passiert sei.“ Nach zwei Tagen jedoch plagen sie plötzlich rasende Kopfschmerzen und Sehstörungen. Ihr ist so übel, dass sie sich nicht traut, das Haus zu verlassen. Dennoch geht sie erst nach weiteren zwei Tagen zum Arzt. Der macht nicht viel Federlesens: „Sie leiden unter einer Beschleunigungsverletzung 2. Grades“, erklärt er und überweist die junge Frau zu einem Spezialisten.

Dass Kathrin Hügel heute, rund acht Monate nach dem Unfall, keine Beschwerden mehr hat, verdankt sie der schnellen und richtigen Entscheidung ihres Hausarztes, der die Gefahr erkannt hat, welche in einer ungenügend behandelten Beschleunigungsverletzung liegen kann.

Vorwurf der Simulation trifft meist besonders hart

Dazu der Stuttgarter Orthopäde Dr. Jörg Zeeh, einer der wenigen deutschen Ärzte, die sich fachübergreifend gutachterlich mit der Beschleunigungsverletzung an der Halswirbelsäule auseinander setzen: „Die Mechanismen, welche bei einer Beschleunigungsverletzung auftreten, werden vielfach immer noch nicht verstanden. Meist wird dem Patienten von verschiedenen Seiten unterschwellig vorgeworfen, er sei ein Simulant – schließlich ging es ihm am Tag des Unfalls selbst ja noch gut. Wenn er dann ein paar Tage später über Übelkeit und Kopfschmerzen klagt, so ist für nicht wenige die Sachlage klar: Der Verunfallte will «etwas herausholen».“ Dabei ist gerade die anfängliche Beschwerdefreiheit besonders typisch für ein «Peitschenschlagsyndrom», wie die Beschleunigungsverletzung auch genannt wird. 

Auffahrunfälle sind Hauptursache 

Aber wie kommt eine Beschleunigungsverletzung zustande? Sorgen nicht die Kopfstützen in unseren Autos dafür, dass so etwas nicht mehr vorkommen kann? Dr. Zeeh: „Die Kopfstützen tragen natürlich erheblich dazu bei, dass der Kopf nicht mehr wie früher über den Rand der Sitzlehne hinaus nach hinten abknicken kann. Den Peitschenschlag jedoch, den Kopf und Halswirbelsäule im Moment des Aufpralls vollführen, kann die Kopfstütze nicht vermeiden. Sie kann jedoch durchaus die Auswirkungen einer HWS-Beschleunigungsverletzung mindern, wenn sie vernünftig konstruiert und richtig eingestellt ist. Neuere Konstruktionen wie etwa die so genannten aktiven Kopfstützen des Autoherstellers SAAB sollen über die bloße Stützwirkung hinaus durch eine exakt berechnete und verzögerungsabhängige Eigenbewegung noch besseren Schutz bieten.“ Am häufigsten kommt es zu einer Beschleunigungsverletzung bei Auffahrunfällen von hinten, wenn der Fahrer des vorderen Fahrzeugs nichts von dem bevorstehenden Unfall ahnt – Unfälle, bei denen den Beteiligten bewusst ist „gleich kracht es“, gehen meist glimpflicher aus, weil unwillkürlich und automatisch Hals- und Brustmuskulatur in Erwartung des Aufpralls angespannt werden.

Grundsätzlich kommt es bei einer Beschleunigungsverletzung (früher: «Schleudertrauma») zu Verstauchungsverletzungen an den Weichteilen des Nackens. Das bedeutet, Muskeln, Sehnen, Bänder und die kleinen Nervenverbindungen in diesen Strukturen werden überdehnt. Ob es sich tatsächlich aber nur um Zerrungen und/oder Verstauchungen oder aber um schwerere Verletzungen handelt, muss eine ausgiebige orthopädische und neurologische Untersuchung zeigen. Man unterscheidet heute vier Stadien der Beschleunigungsverletzung mit unterschiedlichen Symptomen:

1. «leichtes» Stadium Dehnung der Muskeln und Bänder: Nacken- und Schulterschmerz, Bewegungseinschränkung – Versteifungsgefühl 

2. Verletzung der Nervenwurzeln: Kopfschmerz, Schwindel, Sehstörungen, Tinnitus, Merk- und Konzentrationsstörungen, allgemeines Unsicherheitsgefühl, Gleichgewichtsstörungen 

3. Schmerzen und Taubheitsgefühl, motorische Ausfälle in Extremitäten, bes. Daumen, Zeigefingern, Kleinfingern 

4. Verletzung des Rückenmarks, der Medulla oblongata, der Pons, Schwäche in Beinen und Füßen, Darmstörungen.

Beschleunigungsverletzungen 4. Grades sind in der Regel tödlich, da Nerven-, Bänder-, Muskel- und Knochenstrukturen irreparabel geschädigt wurden. Die Energie, die bei einem Unfall umgewandelt wird, wächst quadratisch mit der resultierenden Geschwindigkeit (E = m/2 x v2)  

Aber bei einem Unfall können nicht nur körperliche Schäden entstehen: Auch psychisch kann die Reaktion auf das Erlebte ganz unterschiedlich ausfallen. Wie der Unfall erlebt wird, kann dabei für den weiteren Verlauf der Erkrankung ganz entscheidend sein. So spielt insbesondere die seelische Verfassung vor dem Unfall eine große Rolle. Ein sozial und wirtschaftlich gefestigter Mensch wird in aller Regel anders auf einen Unfall reagieren als jemand, der sich ohnehin vom Leben benachteiligt fühlt. So kommt zur rein physischen Bewältigung des Unfallereignisses die seelische Komponente. „Die Persönlichkeit des Arztes und eigene Lebenserfahrung spielen ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Rolle“, so Dr. Zeeh, der zusammen mit dem Neuropsychologen Dr. Walter Schönwetter in den letzten Jahren viele solcher Patienten behandelt und begutachtet hat.

Die beiden haben dabei mit ihrer fachübergreifenden Kompetenz vielen Patienten zu ihrem Recht verhelfen können und die vorhandenen Schmerzen richtig einstufen und gegenüber den Versicherungen und Gerichten entsprechend würdigen können. 

Schmerzgedächtnis speichert Unfall jahrelang

Das so genannte «Schmerzgedächtnis» kann bei einer Beschleunigungsverletzung das Erlebte noch jahrelang speichern. So ist es zu erklären, dass Patienten trotz kompetenter ärztlicher Behandlung und radiologisch wie neurologisch unauffälligem Befund noch jahrelang über Beschwerden klagen. Wichtig sei, so Dr. Zeeh, dass in jedem Fall die möglichst schnelle Diagnose und Betreuung der Patienten, so wie sie etwa im Therapiezentrum der Bannwald-Klinik in Ottobeuren, wo man sich auf die Rehabilitation der Beschleunigungsverletzungen spezialisiert hat, durchgeführt werden. So könne man den oft chronisch werdenden Folgen einer Beschleunigungsverletzung den Schrecken nehmen und dafür sorgen, dass alle Maßnahmen ergriffen werden, um auch so leichte Spätfolgen wie etwa Spannungskopfschmerz oder Muskelschmerz zu vermeiden.

ORTHOpress 1 | 2002

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