Schwindel: Schuld ist oft die Halswirbelsäule

VonMalte van den Berg

Schwindel: Schuld ist oft die Halswirbelsäule

Für die meisten von uns ist Schwindel etwas, was sie höchstens in Verbindung mit Alkoholgenuss oder Übelkeit bei verdorbenem Magen kennen. Einige Menschen leiden jedoch beständig unter einer Störung des Gleichgewichtssinns. Dies führt meistens zu einer weitgehenden Einschränkung der Lebensqualität. Auch die Unfallgefahr ist erhöht, denn plötzlich auftretender Schwindel führt oft zu schweren Stürzen, die insbesondere bei älteren Menschen schlimme Folgen nach sich ziehen können.

Gleichgewicht: Alle Systeme des Körpers müssen zusammenspielen

Wie aber entsteht Schwindel? Dazu der Kölner Orthopäde und Schmerztherapeut Dr. Gert W. Graebner: „Verschiedene Sinne unseres Körpers müssen zusammenspielen, damit unser Gleichgewichtssystem funktioniert. Dazu werden nicht nur visuelle Informationen herangezogen. Innenohr, Augen, die sensorischen Nervenfasern an den Füßen und das motorische System, also die Muskulatur, kommunizieren miteinander, um eine perfekte Balance zu erreichen.“ Sind nun aber eine oder gleich mehrere dieser Informationsquellen gestört, so kann die Muskulatur die Gleichgewichtsbewegungen nicht mehr korrekt ausführen: Es entsteht ein Schwindel.

Schwindel selbst ist nur Symptom

Ein solcher Schwindel kann auf einer großen Anzahl von Ursachen beruhen. Der Schwindel selbst ist keine Krankheit, sondern ein Symptom. Die Ursachen können sehr vielfältig sein und sollten sowohl vom Neurologen, Orthopäden und Augenarzt als auch vom Hals-Nasen-Ohrenarzt abgeklärt werden. Eine solche Untersuchung ist wichtig, insbesondere dann, wenn neben dem Schwindel auch noch Sehstörungen, Lähmungen, Taubheitsgefühle oder andere Störungen des Nervensystems in Erscheinung treten. Häufig tritt ein solcher Schwindel bei Herz/Kreislauf- oder Gefäßerkrankungen auf, aber auch psychische Störungen, Verletzungen im Bereich des Innenohrs oder Vergiftungen können einen Verlust des Gleichgewichtssinns bewirken. In jedem Fall muss der Arzt vor einer Behandlung sicher sein, dass es keine internistischen oder anderen Ursachen für den Schwindel gibt, die einer Behandlung entgegenstehen und den Patienten gefährden könnten.

Dennoch werden in etwa der Hälfte aller Fälle keine organischen Auslöser für die Schwindelanfälle gefunden. Dr. Graebner und Dr. Vilém Fuchs, Anästhesist und Schmerztherapeut, arbeiten Hand in Hand, wenn es um die Therapie von Schwindelpatienten geht. Sie haben in ihrer Praxis schon viele Patienten behandelt, die eine lange Schwindelkarriere hinter sich hatten. „Oft werden Betroffene als Simulanten abgestempelt”, so Dr. Fuchs, „weil diverse Untersuchungen zu keiner eindeutigen Diagnose geführt haben.“

Halswirbelsäule als Übeltäter wird selten in Betracht gezogen

Dass auch gestörte Bewegungssegmente der Wirbelsäule die Ursache des Schwindels sein können, wird eher selten in Betracht gezogen, obwohl viele Patienten gleichzeitig über anhaltende Schmerzen in der Halswirbelsäule klagen. Die Halswirbelsäule ist der beweglichste Teil unserer Wirbelsäule. Ihre Bewegungen werden durch die Wirbelgelenke gesteuert, welche mit vielen Nervenendigungen versehen sind. Dieses weit verzweigte Netz aus Nervenfasern führt bis ins Hirnzentrum, das für den Gleichgewichtssinn verantwortlich ist. „Sind nun aber die Halswirbelgelenke leicht verschoben oder verdreht, so können sie leicht Druck auf die Nerven ausüben und einen Schwindel herbeiführen. Auch die Höhenminderung der Wirbel durch eine bestehende Bandscheibenerkrankung oder einfache altersbedingte Degeneration können dazu führen, dass die Nerven bedrängt werden“, erläutert Dr. Fuchs. Ist dies der Fall, so sollte erst einmal versucht werden, durch eine konservative Behandlung eine Linderung herbeizuführen. Eine solche Behandlung kann aus Krankengymnastik und Massage, eventuell auch der Gabe muskelentspannender Präparate bestehen.

Was, wenn alles nicht hilft?

Dr. Graebner: „Bei solchen Beschwerden wird heute die Radiofrequenztherapie mit großem Erfolg angewandt.“ Hierbei wird unter Röntgenkontrolle mit einer Kanüle gezielt der Bereich der schmerzenden Nervenfasern aufgesucht. Mittels Reizstrom wird dann festgestellt, ob die Sonde die exakt richtige Lage hat. Dann spritzt der Arzt ein örtliches Betäubungsmittel direkt an die zu behandelnde Stelle. Nun wird die nur 0,4 mm große Sondenspitze auf 75 °Celsius erhitzt. Dabei wird in einem kleinen, genau definierten Bereich um die Sonde herum das Eiweiß koaguliert. So wird die Leitfähigkeit der Schmerzfasern dauerhaft unterbrochen – das Schmerzsignal kann nicht mehr bis zum Gehirn vordringen. Der Patient merkt auf Grund der vorherigen Betäubung nichts von der Verödung. Diese Methode birgt nur ein geringes Risiko und führt oft zum Erfolg. Sollte sich nach ein bis zwei Jahren der Nerv wieder erholen, lässt sich der Eingriff problemlos wiederholen.

Nicht nur Schwindel lässt sich dergestalt behandeln

Auch Einrisse im Bereich des Bandscheibenfaserringes können typische, vor allem nach längerem Sitzen auftretende Schmerzen verursachen. Auch diese kann man oft erfolgreich mit der Hitzesonde behandeln. Dabei wird nach Platzierung der Hitzesonde in den Bereich des hinteren Bandscheibenfaserringes innerhalb von etwa vier Minuten das Bandscheibengewebe strukturell verändert. Auch so genannte Inflammationsmediatoren (entzündungsfördernde Botenstoffe) und schmerzverursachende Nervenendigungen werden bei diesem Eingriff zerstört.

In vielen Fällen kann so tatsächlich durch diese neuartige minimal-invasive Behandlungsmethode glücklicherweise auf eine Operation verzichtet werden, was insbesondere im Hinblick auf die schnelle Wiedereingliederung des Patienten in den Arbeitsprozess von entscheidender Bedeutung ist.

 

Aus ORTHOpress 1 | 2002
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