Hilfsmittel im Alltag

VonMalte van den Berg

Hilfsmittel im Alltag

Wie selbstbestimmtes Leben erleichtert werden kann

Für viele ältere Menschen nach einem Schlaganfall, einem Oberschenkelhalsbruch oder einer Gliedmaßenamputation kommt der eigentliche Schock erst, wenn es plötzlich heißt: „Sie können aber nicht mehr zurück in Ihre Wohnung.“ Ist es doch für die meisten Menschen – wie verschiedenste Umfragen immer wieder bestätigen – der sehnlichste Wunsch, bis zuletzt in ihrer häuslichen Umgebung bleiben zu können. Das ist aber nur möglich, wenn eine entsprechende Versorgung gewährleistet ist oder – was sich die meisten älteren Menschen noch viel mehr wünschen – sie wieder lernen, sich selbst und eigenständig zu versorgen.

Demzufolge hat sich in der modernen Medizin die Maxime „Rehabilitation vor Pflege“ immer stärker durchgesetzt und bestimmt die Art und Weise, wie heute Menschen mit Beeinträchtigungen gleich welcher Art behandelt werden. Damit schon während eines Krankenhausaufenthaltes möglich rasch alltägliche Bewegungsmuster wieder trainiert werden können, gehört die Ergotherapie heute als wesentlicher Bestandteil zur Rehabilitation nach Erkrankungen, die mit Behinderungen der körperlichen und geistigen Fähigkeiten einhergehen. Ergotherapie leitet sich ab von dem griechischen Wort „ergon“, das so viel wie „Werk, Arbeit, Tun, Schöpfen“ meint. Stephan Demmer, leitender Ergotherapeut am Reha-Zentrum, Geriatrische Klinik Reuterstraße in Bergisch Gladbach, erklärt dazu: „Das Ziel der therapeutischen Bemühungen ist es, die Handlungskompetenz der Patienten in allen Bereichen, aber vorwiegend im häuslichen Alltag, individuell zu verbessern und zu fördern. Dazu gehören Training von Mobilität, Wahrnehmung und neurophysiologischen Fähigkeiten.“

Fähigkeiten müssen gefördert werden

An erster Stelle steht also die Förderung und Wiederbelebung von Stärken und Fähigkeiten der Patienten. Wenn alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, können Hilfsmittel zur Alltagsbewältigung angeboten werden. „Solche Hilfsmittel sollten nicht zu früh angewendet werden, denn sie können unter Umständen auch zu einer Hemmung von Restfähigkeiten führen. Aber wenn sie indiziert sind, können sie manchmal noch ein nahezu selbstständiges Leben ermöglichen oder zumindest den Alltag der Betroffenen wesentlich erleichtern“, weiß Stephan Demmer aus seiner täglichen Erfahrung.

Das Leben zu Hause ist mobil viel schöner

Inzwischen ist auch bei der Industrie der Markt für solche Artikel entdeckt worden und es gibt mittlerweile eine Fülle an Hilfen, die das alltägliche Leben erleichtern. Anzeigen für Treppenlifte oder kleine Hebebühnen, um Höhenunterschiede zu überwinden, finden sich heute in fast jeder Illustrierten und sind nicht nur für Rollstuhlfahrer interessant. Auch Menschen, denen z.B. aufgrund einer Arthrose das Treppensteigen schwer fällt, können mit solchen Geräten, die meist problemlos einzubauen sind, die oft im oberen Stockwerk ihres Hauses gelegen Schlafräume erreichen. Manchmal muss es aber gar nicht so aufwendig sein, da reicht es schon, wenn an der Treppe auf beiden Seiten ein Geländer angebracht ist, damit man beide Arme beim Treppensteigen zu Hilfe nehmen kann.

Um die Mobilität zu erhalten und zu fördern ist die gezielte Stärkung der Muskulatur und die Verbesserung der Koordination erforderlich. Wenn jedoch das freie Gehen zu unsicher geworden ist und Stürze drohen, können je nach Gegebenheit Gehstöcke, Rollwagen oder auch Rollstühle ein Leben innerhalb und außerhalb der Wohnung erleichtern und den Aktionsradius der Betroffenen erheblich erhöhen. So können z.B. Theater- oder Museumsbesuche wieder möglich werden, die ohne Rollstuhl zu anstrengend wären.

Anziehen leicht gemacht

Wer mobil sein will, muss auch korrekt gekleidet sein. Was aber, wenn das Bücken nicht mehr so recht geht und Strümpfe, Hosen und Schuhe nicht mehr allein angezogen werden können? Für diese Fälle gibt es verblüffend einfache Anziehhilfen, die zum Teil sogar – auch von handwerklich nicht besonders Geschickten – selber angefertigt werden können. Strumpf- oder Hosenanzieher können nach ein wenig Übung meist sehr sicher gehandhabt werden. Für halbseitig Gelähmte oder Menschen mit einer Polyarthritis in den Händen kann das Knöpfen an Hemden und Blusen zur Qual werden. Und wer will schon nur noch T-Shirts tragen? Mit den Knöpfhilfen, die ähnlich wie die alten Fadeneinfädler funktionieren, können auch feinmotorisch Beeinträchtigte die schicke Ausgehbluse ohne Probleme selbst anziehen. Auch auf elegante Schnürschuhe muss nicht verzichtet werden. Elastische Schnürsenkel und ein langstieliger Schuhanzieher ermöglichen das Hineinschlüpfen nicht nur in ausgetragene Slipper.

Das tägliche Auf und Ab erleichtern

Rollläden gehören zum täglichen Auf und Ab des Lebens. Gerade dort, wo Menschen mit eingeschränkten körperlichen Möglichkeiten wegen der Nähe zu Straße oder Garten besonders günstig wohnen, ist der Rollladen als Sichtschutz bei Dunkelheit und zur Abwehr unliebsamer Besucher in der Regel unverzichtbar. Dennoch ist es eine Tatsache, dass sehr viele Menschen den Rollladen wegen des großen Kraftaufwandes nicht mehr herunterlassen. Zu groß ist die Angst, am nächsten Morgen wegen der eigenen körperlichen Schwäche im Dunkeln sitzen zu müssen. Die Lösung für dieses Problem bieten elektrische Rollladenöffner, die nachträglich an jeden Rollladen montiert werden können, indem der vorhandene, manuell zu bedienende Gurtwickler gegen einen elektrischen Antrieb ausgetauscht wird. Auf Wunsch können die Antriebe sogar per Fernbedienung elektrisch geöffnet und geschlossen werden.

Hilfe für den sanitären Bereich

Für Patienten nach Schlaganfällen, aber auch für viele ältere Menschen kann die nötige hygienische Versorgung schwierig werden. Oft helfen schon in verschiedener Höhe sinnvoll montierte Haltegriffe, die zum Teil auch schwenkbar sind, um z.B. den Gang zur Toilette nicht zur Qual werden zu lassen. Für die vielfach sehr niedrig angebrachten Toilettenschüsseln gibt es heute zudem Sitzerhöhungen, die das Hinsetzen und vor allem das Aufstehen wesentlich erleichtern. Auch die regelmäßige Dusche oder das gewohnte wöchentliche Bad müssen nicht für immer vergessen werden. Komfortable Lösungen mit Badewannen mit Einstiegstüren erfordern Umbaumaßnahmen und sind nicht immer möglich. Mit den verschiedenen Typen von Badewannenliftern oder -drehsitzen können – ohne Umbauten sogar in einer Mietwohnung – auch gehbehinderte oder halbseitig gelähmte Menschen die Freuden und Wonnen des warmen Wassers genießen. Verschiedene Einstiegshilfen können zusätzlich den Zugang erleichtern. Duschen lassen sich leicht mit Hockern oder besser mit an der Wand fest installierten Klappsitzen ausstatten und benutzen. Wichtig ist immer, dass individuelle Lösungen gesucht werden. Das, was für Onkel Emil richtig war, hilft Tante Bertha vielleicht gar nicht, sondern sie braucht eine andere Hilfe, nach der manchmal ein wenig gesucht werden muss. Fachkundige Beratung, z.B. durch erfahrene Pflegekräfte, kann da unter Umständen den entscheidenden Tipp geben.

So geht es auch in der Küche leichter

Zu einem selbstständigen Leben gehören nicht zuletzt Zubereitung und Verzehr der täglichen Mahlzeiten. Auch wenn die Mittagsmahlzeit über „Essen auf Rädern“ geliefert wird, müssen oftmals Frühstück und Abendbrot selbst gerichtet werden. Dafür gibt es mittlerweile ein großes Sortiment an speziell entwickelten rutschfesten Unterlagen, Bestecken, Messern, Schneidebrettern, Trinkbechern, Flaschen- und Dosenöffnern und Greifhilfen, die durch eine besondere winkelige Anordnung oder die Vergrößerung des Aktionsradius die Handhabung in der Küche erleichtern und ohne große Kraftanwendung eingesetzt werden können. Auch elektrisch betriebene Geräte, vom Dosenöffner bis zur Zahnbürste, können in vielen Fällen eine Entlastung darstellen.

Wenn man überlegt, was zum Leben nötig ist und wie es erleichtert werden kann, stellt man schnell fest, dass es noch viele andere Hilfsmittel – vom Schreibstift bis zur Schlüssel-Drehhilfe – gibt, die einfach in der Handhabung sind und ein hohes Maß an Unterstützung bieten. Bei Hilfsmitteln, die das Leben erleichtern und wieder lebenswert machen, sollte man aber nicht nur an technische Dinge denken. So kann z.B. auch ein Haustier, sei es nun ein Hund, eine Katze oder ein Vogel, unter Umständen zu einem wichtigen Hilfsmittel werden. Es fördert Vertrauen, Kommunikation und emotionale Geborgenheit, ohne die auch ein in seinem technischen Ablauf perfekt geregeltes Leben nur halb soviel wert ist.

Die meisten Hilfsmittel können vom Hausarzt oder dem Krankenhausarzt verordnet werden. Die Kosten werden in der Regel von den Krankenkassen übernommen.

 

aus ORTHOpress 04|2002

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