Das Rückenmark in Bedrängnis: Die Wirbelkanalstenose

VonUlrike Pickert

Mögliche Ursachen für eine Spinalkanalstenose sind ein Bandscheibenvorfall, bei dem sich die Zwischenwirbelscheiben in den Spinalkanal vorwölben, oder Verschleißerscheinungen an den Zwischengelenken, die zur Bildung knöcherner Anbauten, sogenannter Osteophyten, führen. Umbauprozesse dieser Art können auch von Knochenerkrankungen wie z. B. Morbus Paget hervorgerufen werden. In den meisten Fällen tritt die Verengung im Bereich der Lendenwirbelsäule auf. Man spricht dann von einer lumbalen Spinalkanalstenose. Seltener sind Hals- und Brustwirbelsäule (cervikale und thorakale Spinalkanalstenose) betroffen.

Beim Vorbeugen lassen die Schmerzen meist nach

Im Allgemeinen werden die Schmerzen bei gestreckter Wirbelsäule noch weiter verstärkt. Dies ist darauf zurückzuführen, dass das „Ligamentum flavum“, das sogenannte gelbe Band, das jeweils im Innern des Wirbelkanals zwischen zwei Wirbelbögen gelegen ist und die Wirbelsäule stabilisiert, in dieser Position eher kurz und dick ist und den Raum im Inneren daher noch mehr einengt. Beim Vorbeugen wird es dagegen auseinandergezogen und daher dünner, sodass die Beschwerden geringer werden. 

Im MRT lassen sich die Veränderungen gut erkennen

Treten entsprechende Symptome auf, so legt dies den Verdacht nahe, dass eine Verengung des Wirbelkanals vorliegen könnte. Um weiteren Aufschluss zu erlangen, testet der Arzt verschiedene Reflexe und tastet die Rückenmuskulatur ab. Eine genauere Überprüfung erfolgt durch Röntgen oder CT (Computertomogramm), wodurch die knöchernen Veränderungen dargestellt werden können. Mithilfe eines MRT (Magnetresonanztomogramm) ist es möglich, Weichteile wie Bandscheiben, Rückenmark, Nervenwurzeln und Bänder sichtbar zu machen.

Sehr oft helfen konservative Methoden weiter

Nicht jede Verengung im Wirbelkanal führt zu spürbaren Folgen. Nur dann, wenn dies tatsächlich der Fall ist, ist eine Therapie erforderlich. Dabei stehen zunächst konservative Methoden im Vordergrund, wie die Verabreichung von entzündungshemmenden und krampflösenden Medikamenten oder physikalische Behandlungsmethoden. Hilfreich sein kann auch eine Rückenschulung zur Kräftigung der Rückenmuskulatur. Darüber hinaus besteht in manchen Fällen die Möglichkeit, mit-hilfe einer Orthese Abhilfe zu schaffen. Zu diesem Zweck gibt es spezielle Mieder, durch welche die Wirbelsäule in einer Haltung unterstützt wird, die den Wirbelkanal und die Nerven entlastet.

Ist ein entzündeter Nerv für die Schmerzen verantwortlich, kann eine minimalinvasive Injektionstherapie eine sinnvolle Option sein. Dazu gehören die periradikuläre Therapie, bei der ein lokal betäubendes Medikament am Nervenwurzelaustritt nahe der Spinalkanalstenose injiziert wird, oder die sogenannte Facettentherapie. Dabei werden Lokalanästhetika – eventuell auch entzündungshemmendes Kortison – an oder in den Gelenkspalt des Facettengelenks injiziert. Weitere Methoden sind die Kryodenervation und die Radiofrequenz-Thermoläsion, die Ausschaltung des geschädigten Nervs durch Kälte bzw. Hitze.

Wann ist eine OP notwendig?

Wenn die Schmerzen über mehrere Monate hinweg anhalten oder so stark werden, dass sie kaum noch zu ertragen sind, sollte erwogen werden, ob eine operative Erweiterung des Spinalkanals sinnvoll ist. Diese Frage stellt sich vor allem dann, wenn die Gefahr dauernder Nervenschäden droht. Allerdings birgt ein solcher Eingriff, der technisch äußerst anspruchsvoll ist, auch große Risiken, die dem potenziellen Nutzen gegenüber abgewogen werden müssen. In schwerwiegenden Fällen kann auch akuter Handlungsbedarf entstehen. Ziel der OP ist es, die betroffene Stelle im Wirbelkanal, an der das Rückenmark eingeengt wird, zu dekomprimieren, also zu entlasten. Dabei wird das Knochengewebe, die das Rückenmark oder Nervenwurzeln einengt, über einen kleinen Hautschnitt unter Vollnarkose abgetragen. Früher geschah dies in der Regel im Rahmen einer sogenannten kompletten Laminektomie. Dabei wurden nicht nur das verdickte Ligamentum flavum und die Knochenvorsprünge an den Gelenken entfernt, sondern auch ein Großteil des knöchernen Wirbelbogens mit dem Dornfortsatz, einschließlich der dazwischen liegenden Bandverbindungen. Da auf diese Weise häufig eine Instabilität, z. B. in Form von Wirbelgleiten, entstand, der man unter Umständen nur durch eine Versteifung (Spondylodese) entgegenwirken konnte, tendiert man heutzutage eher dazu, nur noch die Knochenvorsprünge und das verdickte Ligamentum flavum zu entfernen. Die Spondylodese, bei der die betroffenen Wirbel fest miteinander verbunden werden, gilt als Ultima Ratio, da die Beweglichkeit der Wirbelsäule dadurch eingeschränkt wird. Allerdings wirkt sich dies an der Lendenwirbelsäule weniger gravierend aus als etwas an der Halswirbelsäule. Eine weitere Methode, um den Druck im Wirbelkanal zu reduzieren, besteht im Einsatz eines interspinösen Spreizers. Dabei handelt es sich um ein Implantat, das zwischen den Dornfortsätzen zweier Wirbel eingesetzt wird und dort einen dauerhaften Abstand zwischen ihnen herstellt.

In vielen Fällen lassen sich die Beschwerden nach einer OP dauerhaft lindern. Allerdings werden schwere Lähmungen häufig nur unvollständig beseitigt.

Mögliche Folgen einer Spinalkanalstenose

Bei einer Lumbalstenose sind folgende Symptome möglich:

  • Verspannungen und Schmerzen im Rücken, die bis in die Beine ausstrahlen
  • Claudicatio spinalis („Schaufensterkrankheit“), eingeschränkte Fähigkeit, längere Strecken zu gehen
  • Gefühlsstörungen in den Beinen
  • „Ameisenlaufen“, Taubheit und Gefühlsstörungen der Fußsohlen
  • Verlust der Kontrolle über Stuhlgang und Harn
  • Störungen des Sexuallebens
  • Eine Spinalkanalstenose der Halswirbelsäule kann diese Folgen auslösen: 
  • Schmerzen und Verspannungen im Nacken
  • Brennende Schmerzen in Schulter und Armen
  • Taubheitsgefühle in Armen und Händen
  • Schwäche der Armmuskeln
  • Gestörte Feinmotorik der Hände
  • Zunahme des Muskeltonus von Armen und Beinen

 

von Klaus Bingler

aus ORTHOpress 2/18

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