Bandinstabilitäten am Sprunggelenk

VonStefanie Zerres

Bandinstabilitäten am Sprunggelenk

Von allen Gelenken unseres Körpers wird das Sprunggelenk am stärksten belastet. Denn obwohl seine Fläche deutlich kleiner ist als etwa die von Knie- oder Hüftgelenk, muss es eine größere Last als diese tragen. Beim Gehen oder Laufen macht sie immerhin das bis zu Fünffache des gesamten Körpergewichts aus. Die Bänder, durch die das Sprunggelenk stabilisiert wird, werden dementsprechend enorm beansprucht. 

Man unterscheidet zwischen dem oberen und unteren Sprunggelenk. Das obere Sprunggelenk ist die bewegliche Verbindung zwischen Fuß und Unterschenkel. Es besteht aus der Gelenkgabel, welche an der Innenseite aus dem Schienbein und an der Außenseite aus dem Wadenbein hervorgeht, und dem Sprungbein. Mit seiner Hilfe können wir den Fuß beugen und strecken. Das untere Sprunggelenk verbindet das Sprungbein mit dem Kahn- und Fersenbein. Es ermöglicht uns, die Innenseite des Fußes zu heben und zu senken. Für die Stabilität und Gelenkführung des Sprunggelenks spielen die Innen- und Außenbänder sowie das sogenannte Syndesmoseband eine wichtige Rolle. Die Innenbänder verbinden den Innenknöchel und die Außenbänder den Außenknöchel mit dem Sprung- und Fersenbein. Das Syndesmoseband verbindet Schien- und Wadenbein miteinander. 

Nicht ausgeheilte Bänder bieten keinen ausreichenden Halt mehr

Die Stabilität des Sprunggelenks wird vor allem dann beeinträchtigt werden, wenn die Außenbänder infolge einer Verletzung wie z. B. eines Umknicktraumas überdehnt wurden oder gerissen sind und anschließend nicht fest genug zusammengewachsen sind. Eine Überdehnung ist darüber hinaus auch durch das Tragen hochhackiger Schuhe möglich. Betroffen ist insbesondere das obere Sprunggelenk. Nicht ausgeheilte Bänder bieten keinen ausreichenden Halt mehr, sodass die Beweglichkeit des Sprungbeins in der Sprunggelenksgabel zunimmt. Wenn auch noch Monate nach einer Verletzung das Sprunggelenk instabil bleibt, spricht man von einer chronischen Sprunggelenksinstabilität. Dies trifft schätzungsweise auf bis zu 20 Prozent aller Fälle zu. Für die Betroffenen ergeben sich daraus unter Umständen schwerwiegende Beeinträchtigungen. So kann es zu einer Reizung der vorderen Weichteile des Sprunggelenks kommen und die Gelenkschleimhaut kann sich entzünden. Insbesondere nach sportlichen Belastungen treten Schwellungen auf, während zugleich ein dumpfes Ziehen verspürt wird. Oft lässt dieses Gefühl innerhalb von ein bis zwei Tagen wieder nach. Generell birgt eine Bandinstabilität im Sprunggelenk das Risiko, dass die Betroffenen selbst bei geringen Anlässen im Sprunggelenk umknicken, oder dass es bei einer Drehbelastung zu einem vermehrten Gelenkspiel kommt. Durch diese Überbeweglichkeit wird der Knorpel mehr als üblich belastet und nachhaltig geschädigt, sodass eine Arthrose entsteht.

Der „Schubladentest“ kann Klarheit schaffen

Um eine chronische Sprunggelenksinstabilität zu erkennen, steht neben der Anamnese zunächst eine gründliche klinische Untersuchung im Vordergrund. Dazu bedient man sich verschiedener Verfahren wie z. B. des sogenannten Schubladentests. Hierbei überprüft man, ob sich das Sprungbein über das normale Maß aus der Sprunggelenksgabel ziehen lässt.

Weiteren Aufschluss können die Podometrie (Fußabdruckmessung) und bildgebende Verfahren wie Röntgenaufnahmen im Stehen oder kernspintomografische Untersuchungen verschaffen.

Physiotherapie oder Operation?

Es gibt verschiedene Therapiemöglichkeiten, um ein chronisch instabiles Sprunggelenk zu behandeln. In vielen Fällen ist eine konservative Therapie wirksam, die auf eine funktionelle Verbesserung abzielt, indem das Gelenk durch Physiotherapie gekräftigt wird. Um die Schwäche der Bänder zu kompensieren, kann man mithilfe des neuromuskulären Trainings die Kraft, Stabilität und Koordination des Fußgelenks steigern. Darüber hinaus ist es häufig hilfreich, eine Bandage oder Orthese zu tragen, um das Gelenk zu stabilisieren. 

Wenn die Instabilität trotz konservativer Therapiemaßnahmen bleibt, ist möglicherweise eine Operation in Erwägung zu ziehen. Vor einem Eingriff werden im Rahmen einer Arthroskopie (Gelenkspiegelung) die Knorpelverhältnisse überprüft und eventuell vorliegende Bandstümpfe entfernt. Um die Funktion der Außenbänder wiederherzustellen, besteht die Möglichkeit, diese zu kürzen oder zu straffen oder eine sogenannte Außenbandplastik urchzuführen. Dabei nutzt man vorhandene Bandreste oder Kapselgewebe. Reicht dieses Material nicht aus, besteht die Möglichkeit, eine Sehne, die in der Nähe der Außenbänder verläuft, als Bandersatz zu implantieren. Das Ziel einer solchen Bandrekon-struktion besteht darin, die Bandverhältnisse so wiederherzustellen, dass das physiologische Gelenkspiel im Sprunggelenk gewährleistet wird. In manchen Fällen kann eine Umstellungsosteotomie erforderlich sein, bei der die Stellung des Fersenbeinknochens korrigiert wird.

Volle Belastbarkeit nach etwa vier Monaten

Nach dem Eingriff erhält der Patient einen speziell angepassten Gehschuh, der für etwa sechs Wochen getragen wird. In den ersten zwei Wochen werden Gehhilfen benutzt. Wichtig ist es darüber hinaus, den Heilungserfolg mit Bewegungs-, Kraft- und Koordinationsübungen zu unterstützen. Die volle Belastbarkeit im Rahmen einer sportlichen Betätigung ist nach etwa vier bis sechs Monaten wieder möglich.

 

Eine Instabilität im Sprunggelenk kann auch durch eine gestörte Tiefenwarnehmung hervorgerufen werden

Unser Körper besitzt eine sogenannte Tiefenwahrnehmung, die man auch als Propriozeption bezeichnet. Diese koordiniert die Bewegungen der Gelenke und stabilisiert sie durch unbewusste Reflexe, sodass der Körper im Gleichgewicht gehalten wird. Nicht immer, wenn sich ein Fußgelenk auf Dauer instabil anfühlt, ist dies daher auf überdehnte Bänder zurückzuführen. Stattdessen kann auch eine gestörte Tiefenwahrnehmung und Muskelkoordination die Ursache sein. Eine entsprechende Schulung kann dazu beitragen, die Instabilität zu verringern. 

 

Das Sprunggelenk ist sehr verletzungsanfällig

Trotz seiner starken Bandstabilisierung ist die Gefahr, sich am Sprunggelenk zu verletzen, groß. Dies geschieht oft, wenn man beim Gehen oder Laufen umknickt und das Sprungbein nach außen gedreht („supiniert“) wird. Für Sportler ist das Umknicktrauma eine der meist verbreiteten Verletzungsarten. Es tritt vor allem bei Sportarten auf, bei denen kurze Sprints und Stoppbewegungen im Vordergrund stehen, also z.B. bei Fußball, Tennis oder Volleyball. Dadurch kommt es zu einer Überdehnung („Distorsion“) der Außenbänder und in schwereren Fällen auch zu einem Riss. Deutlich seltener sind die Innenbänder von Verletzungen betroffen. Die unmittelbare Folge einer Bandverletzung besteht darin, dass der betroffene Bereich anschwillt und im Bereich der Bandansätze ein schmerzhafter Druck entsteht. Außerdem kann der Fuß weniger oder gar nicht mehr belastet werden.

 

von Klaus Bingler aus ORTHOpress 1/18

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