Knorpelschäden

VonStefanie Zerres

Knorpelschäden

Bei „Knorpel“ denken die meisten Menschen sofort an die großen Gelenke – doch das spezielle Stützgewebe kommt auch an Stellen in unserem Körper vor, an denen man es nicht unbedingt erwarten würde, wie an den Ohren, den Rippen, den Bronchien und im Kehlkopf. Hier kommt es jedoch seltener zu Schäden oder Erkrankungen als an den Gelenkknorpeln in Knie, Hüfte, Schulter oder Sprunggelenk. 

Knorpel zählt zum sogenannten Stützgewebe. Vom Aufbau her lassen sich drei verschiedene Arten Knorpelgewebe unterscheiden: hyaliner Knorpel, Faserknorpel und elastischer Knorpel. Hyaliner Knorpel weist eine hohe Druckelastizität auf und kommt unter anderem in den Gelenken, den Wachstumsfugen sowie als Rippen- und Nasenknorpel vor. Auch die Knorpelspangen der Luftröhre bestehen aus hyalinem Knorpel. Elastischen Knorpel findet man z. B. in der Ohrmuschel, dem äußeren Gehörgang, den kleinen Bronchien oder dem Kehldeckel. Faserknorpel kommt unter anderem in den Faserringen der Bandscheiben, den Menisken und der Schambeinfuge vor.

Bei Erwachsenen wird das Knorpelgewebe weder von Nerven noch von Gefäßen durchzogen. Seine Versorgung erfolgt mittels Diffusion über die Synovialflüssigkeit (in Gelenken), anliegende Knochen oder bei manchen Knorpeln über eine umgebende Knorpelhaut. Verschiedene Erkrankungen, Unfälle und Verschleiß können zu Veränderungen am Knorpel führen und z. B. eine Arthrose oder Nekrose (Gewebeuntergang) begünstigen.

Knorpelschäden (Chondropathien) an den großen Gelenken

Knorpelschäden an den großen Gelenken (Hüfte, Knie, Schulter, Sprunggelenk) können verschiedene Ursachen haben. Hüft- und Kniegelenk sind jeden Tag starken Belastungen ausgesetzt. Dadurch kommt es an diesen Gelenken relativ häufig zu Verschleißerscheinungen, die vor allem den schützenden Knorpel betreffen. Besonders ältere Menschen haben deshalb oft mit Arthrose zu kämpfen. Durch dauerhafte Fehlbelastungen z. B. bei bestimmten Berufen (Fliesenleger) sowie durch Übergewicht, Sport- oder sonstige Unfälle kann ein Knorpelschaden jedoch auch schon in jüngeren Jahren auftreten. Ein solcher Knorpelschaden kann sich unbehandelt zu einer flächigen Arthrose entwickeln und sollte deshalb auf jeden Fall behandelt werden. Ärzte teilen eine Chondropathie in vier Stadien ein:

Stadium 0: Der Knorpel ist intakt.

Stadium 1: Das Knorpelgewebe ist noch vollständig vorhanden, jedoch stellenweise aufgeweicht.

Stadium 2: Der Knorpel ist aufgeraut und zeigt stellenweise oberflächliche Risse.

Stadium 3: Es haben sich tiefe Risse und/oder Löcher im Knorpel gebildet.

Stadium 4: Stellenweise ist der Knorpel komplett zerstört und der Knochen darunter liegt frei.

Konservative Therapien

Um bei Knorpelschäden die Beweglichkeit zu verbessern und die Schmerzen zu lindern, setzen viele Ärzte zunächst auf Injektionen, die direkt in das betroffene Gelenk gegeben werden. Inhaltsstoffe sind beispielsweise Glukokortikoide, Schmerzmittel oder Hyaluronsäure. Letztere wird auch – z. B. in Kombination mit Chondroitin und Glucosamin – als Nahrungsergänzungsmittel angeboten, da diesen Stoffen eine knorpelprotektive Wirkung zugeschrieben wird. Darüber hinaus stehen den Patienten weitere nicht-invasive Therapieverfahren zur Verfügung. Auch Physiotherapie und moderates Training tragen dazu bei, die Beweglichkeit der Patienten zu erhalten.

Operative Verfahren 

Liegt ein symptomatischer Knorpelschaden des Grades 2 vor, reicht oft eine sogenannte Glättung des Knorpels aus. Dabei werden ausgefranste oder instabile Knorpelfragmente entfernt. Für größere Defekte (ab Grad 3) haben sich in den letzten Jahren, parallel zu einer immer besseren Prothesenversorgung, auch gelenkerhaltende Maßnahmen weiterentwickelt. Bei klar umschriebenen lokalen Defekten, bei denen noch umliegendes, intaktes Knorpelgewebe vorhanden ist, ist es z. B. möglich, den Defekt durch eine Knorpeltransplantation aufzufüllen und dadurch das Gelenk zu erhalten. Wieder andere Methoden können die Eigenproduktion von Ersatzknorpel anregen, welcher die defekte Stelle ausfüllen soll.

Eigenknorpel-Knochen-Transplantation (Mosaikplastik)

Bei der sogenannten Eigenknorpel-Knochen-Transplantation entnehmen die Ärzte im Rahmen einer Operation Knorpelgewebe sowie ein Stück des zugehörigen Knochens aus einem weniger beanspruchten Gelenkabschnitt und schließen damit die Lücke. Das zusätzlich entnommene Knochengewebe soll dabei der Versorgung des Knorpels dienen. Diese Methode eignet sich vor allem für kleinere Knorpeldefekte.

Autologe Knorpelzelltransplantation (ACT)

Ein seit vielen Jahren etabliertes und ständig weiterentwickeltes Verfahren, die sogenannte autologe Knorpelzelltransplantation (ACT), besteht in der Anzucht eigener Knorpelzellen im Labor. Dafür entnehmen die Ärzte dem Patienten im Rahmen einer Arthroskopie einige gesunde Knorpelzellen. Diese werden im Labor weitervermehrt und dem Patienten in einem zweiten Eingriff in die defekte Stelle gepflanzt. Dadurch lassen sich auch größere Defekte auffüllen. Um ein besseres Ergebnis zu erzielen, werden die gezüchteten Knorpelzellen seit einigen Jahren in eine dreidimensionale Trägersubstanz eingebracht, welche die Bildung von neuem Knorpel unterstützt und dem Patienten samt Knorpelzellen eingesetzt wird (Autologe Matrixinduzierte Chondrogenese (AMIC)). Manche Labore verwenden auch spezielle Gele als Trägersubstanz, welche die Verteilung der Zellen im Defekt und die Heilung verbessern sollen.

Mikrofrakturierung

Bei diesem Verfahren hacken die Ärzte mit sogenannten „Chondropicks“ kleine Löcher durch den Knorpel bis auf den darunterliegenden Knochen. Dadurch sollen Stammzellen aus dem Knochenmark austreten und in den Knorpeldefekt einwandern, sodass sich dort eine Art Ersatzknorpel bildet.

Abrasionsarthroplastik

Diese Technik ähnelt vom Prinzip her der Mikrofrakturierung. Bei der Abrasionsarthroplastik fräsen die Ärzte den defekten Knorpelteil jedoch bis auf die blutende Knochenschicht ab. Dadurch bildet sich ein sogenannter Blutkuchen mit Stammzellen, welche ebenfalls einen Ersatzknorpel bilden sollen.

Endoprothesenversorgung

Bei einer großflächigen Arthrose, bei der konservative und gelenkerhaltende Maßnahmen ausgeschöpft sind oder keine Option darstellen, können Teile des geschädigten Gelenks (z. B. des Knies) oder das gesamte Gelenk durch eine Endoprothese ersetzt werden. Heutzutage stehen den Betroffenen moderne Kunstgelenke zur Verfügung. Je nach Gelenk und Schaden gibt es zudem neue und weniger belastende Operationstechniken, bei denen die Patienten so schonend wie möglich operiert werden.

Fixation bei Knorpelbrüchen

Kommt es infolge eines Unfalls zu einer akuten Knorpelverletzung (Knorpelfraktur), bei der z. B. ein Stück Knorpel abgesprengt wird, so können die heraus- bzw. abgebrochenen Knorpelfragmente unter Umständen mithilfe von Fibrinkleber, Schrauben oder resorbierbaren Pins im Rahmen einer Operation wieder in ihrer ursprünglichen Position fixiert werden.

Beispiele für weitere Knorpelerkrankungen

Eine weitere, jedoch keine degenerative Knorpelerkrankung ist das sogenannte Tietze-Syndrom (-Morbus Tietze). Dabei kommt es zu einer schmerzhaften Verdickung des Rippenknorpels. In einigen Fällen ist eine Schwellung zu sehen. Die genaue Ursache ist unbekannt – vermutet werden unter anderem ungewohnte Belastungen, z. B. durch einen Umzug oder Renovierungsarbeiten. In der Regel heilt das Tietze-Syndrom von alleine aus. Da die Schmerzen bis in die Schulter ausstrahlen können, empfiehlt es sich, Erkrankungen des Herzens ausschließen zu lassen.

Bei einer Perichondritis (Knorpelhaut-entzündung) führt eine bakterielle Infektion zu einer Entzündung der Knorpelhaut. Eine Perichondritis tritt am häufigsten an der Ohrmuschel im Rahmen einer Entzündung des äußeren Gehörgangs auf oder bei einem unhygienischen Piercing. Aber auch der Nasenknorpel oder der Knorpel des Kehlkopfes können betroffen sein. In der Regel verschreibt der Arzt ein Antibiotikum und die Krankheit heilt aus. In schweren Fällen kann es dazu kommen, dass Teile des Knorpels absterben (Nekrosen). Diese müssen dann operativ entfernt werden.

von Ulrike Pickert

aus ORTHOpress 1/18

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