Frau mit Knieschmerzen

Aktueller Stand der Meniskus-Chirurgie am Kniegelenk: Erhalten statt Entfernen

Wachstumsfaktoren für den geschädigten Meniskus und neue Operationsverfahren können die wertvolle Knorpelscheibe im Kniegelenk retten

Viele Patienten sind nach einem „Verdrehen“ des Kniegelenkes beim Sport oder auch im Alltag mit der Diagnose „Meniskusriss“  konfrontiert. Kennzeichnend sind meist einschießende Schmerzen auf der Innenseite des Kniegelenkes schon bei leichten Drehbewegungen, mitunter verbunden mit einem Schnappphänomen im Kniegelenk. Bisweilen „klemmt“ irgendetwas im Knie, besonders nach einer tiefen Hocke. Auch kann des betroffene Kniegelenk anschwellen. Ungünstig sind die beim Skilaufen oder für Fußball und andere Kontaktsportarten typischen Drehbelastungen in Beugestellung des Kniegelenkes. Im Laufe des (sportaktiven) Lebens verändert sich die Reißfestigkeit des Meniskusgewebes, so dass bereits Alltagsbelastungen wie des Aussteigen aus dem Auto für eine Verletzung des Meniskus ausreichend sein können. Zu einem Anstieg von Meniskusverletzungen kommt es durch die allgemeine Zunahme von Freizeit- und Fitnesssport einschließlich sog. Trendsportarten wie Beachvolleyball, Snowboarding etc…

Im vergangenen Jahrzehnt wurden arthroskopische Operationstechniken zur schonenden minimalinvasive Behandlung von Gelenkschäden entwickelt. Die Behandlung von Meniskusschäden hatte in den meisten Fällen eine partielle oder komplette Entfernung (Resektion) des geschädigten Meniskus zum Ziel, um die mechanische Behinderung aus dem Knie zu beseitigen.

Die alleinige Resektion von Meniskusgewebe kann allerdings längerfristig zu Problemen führen. Bei zu 50% entferntem Meniskusgewebe erhöht sich der Belastungsdruck auf den Gelenkflächen-Knorpel um 70%. Dies führt schon nach fünf Jahren bei 50 Prozent der Patienten zu einem Knorpelschaden mit röntgenologisch sichtbaren Arthrosezeichen. Spätestens nach 15 Jahren sind nahezu alle derart behandelten Kniegelenke von Arthrose angegriffen. Im Endstadium der Arthrose ist dann nur noch ein künstlicher Gelenkersatz möglich. Deshalb sollte Meniskusgewebe unbedingt erhalten bleiben.

Für die Rekonstruktion des Meniskus stehen neue resorbierbare Ankernaht-Systeme der 2. Generation zur Verfügung (z.B. RpidLoc®, Mitek, Abb. 2 bis 4). Mit ihnen gelingt die hochfeste arthroskopische Meniskusnaht in allen Abschnitten, so dass unter günstigen Umständen eine forcierte Rehabilitation mit Belastung des Kniegelenkes möglich ist. Auf transkapsuläre Nähte kann fast immer verzichtet werden, so dass die unerwünschten Kapselschmerzen nach Meniskusnaht vermieden werden können.

Ein einmal verletzter Meniskus heilt nicht von allein. Wenn möglich sollte daher ein Schaden repariert werden. Die Heilungsaussichten sind um so besser, je frischer eine Meniskusverletzung ist und je weiter die Rissverletzung in der gut durchbluteten basisnahen Zone liegt, wo im Gegensatz zum inneren Teil des Meniskus noch Blutgefäße vorzufinden sind. Aber auch bei veralteten, schon degenerativ veränderten Längsrissen oder bei Rissformen außerhalb der durchbluteten Randzone kann eine Rekonstruktion noch möglich sein. Allerdings erfordert die Präparation der Risslinien zur Vorbereitung der Naht mehr Aufwand, da minderwertiges, nicht durchblutetes Narbengewebe zunächst entfernt werden muss. Zusätzlich muss in diesen Fällen das Heilungsverhalten des Meniskusgewebes unterstützt werden.

Um eine ausreichende Heilung auch bei stark vorgeschädigtem Meniskus zu erreichen, verwenden wir autologe Wachstumsfaktoren aus dem Patientenblut. Die biotechnologische Herstellung von Wachtumsfaktoren bietet hier ganz neue Möglichkeiten. Wachstumsfaktoren sind Wirkstoffe, die eine zögerliche oder ausbleibende Heilung von Meniskusgewebe beschleunigen können und in den eben beschriebene Fällen erst möglich erscheinen lassen. Wir verwenden Wachstumsfaktoren, die im Grunde von dem jeweiligen Patienten selbst hergestellt werden. Durch eine einfache Blutentnahme werden Zellen gewonnen, danach konzentriert und durch Stimulation veranlasst, hohe Konzentrationen an heilenden Wachstumsfaktoren zu produzieren. In Form einer gelartigen Masse kann dann der Meniskusriss mit diesen Faktoren beimpft werden. Da es sich um körpereigene Wirkstoffe handelt, kann eine allergische Reaktion, wie sie von Fremdstoffen bekannt ist, ausgeschlossen werden.

Biotechnologisch unterstützte Operationsmethoden sind zur Zeit noch nicht allgemein verbreitet. Körpereigene Wachstumsfaktoren eignet sich für die arthroskopische Rekonstruktion von ca. 30 Prozent aller Meniskuslängsrisse.

Trotz der modernen arthroskopischen Operationsmethoden und des Einsatzes von Wachstumsfaktoren ist es bei bestimmten Rissformen nicht immer sinnvoll, einen Meniskus zu nähen. Dies betrifft in erster Linie Lappenrisse, die ihren Anschluss zur Meniskusbasis verloren haben und sog. Aufbrauchschäden mit veralteten, komplexen Risslinien, von denen eine Heilung nicht mehr erhofft werden kann. In diesen Fällen bleibt nur eine sparsame Resektion des erkrankten Meniskusgewebes.

Je nach Umfang der Resektion sollte in diesen Fällen die Beinachse des Patienten überprüft werden. Bei sog. „O-Beinen“ lässt sich durch eine Erhöhung des Schuhaußenrandes oder eine operative Begradigung der Beinachse die Belastung für die Gelenkflächen nach Meniskus-(Teil-)Resektion reduzieren. Die  „Gesamtlaufzeit“ des betroffenen Kniegelenkes wird damit durch weniger Flächenbelastung erheblich erhöht.

Zudem verfügen wir heute über moderne, biotechnologisch aus dem Patientenblut hergestellte, Knorpel-Schutzfaktoren (Interleukin-1-RA, Orthokin®), die die Entwicklung einer Arthrose durch ihre direkte Wirkung am Gelenkknorpel verhindern oder zumindest verzögern können. Eine Behandlung mit Interleukin-1-RA kann daher nach einer Meniskus-(Teil-)Resektion durchaus sinnvoll sein, um einer Arthrose vorzubeugen.

Während sich die Orthopädische Chirurgie  im vergangene Jahrzehnt in erster Linie mit der Miniaturisierung von resezierenden Operationsverfahren beschäftigt hat, liegt heute – am Anfang eines neuen Jahrhunderts –  die Zukunft der Orthopädischen Chirurgie in der Entwicklung und Durchführung rekonstruktiver – also erhaltender –  operativer Techniken unter Berücksichtigung der Möglichkeiten der modernen Biotechnologie.

 

Aus ORTHOpress 1 | 2002

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