Der Hirnschrittmacher für die Therapie von Bewegungsstörungen

Dr. med. Jan Vesper, Prof. Dr. med. Dr. h.c. M. Brock

Neurochirurgische Klinik , Universitätsklinikum Benjamin Franklin

In den letzten Jahren ist die Frage nach einer operativen Behandlungsmöglichkeit bei Bewegungsstörungen wie beim Tremor, dem unwillkürlichen Zittern, der Parkinson’schen Krankheit, aber auch seltenen Formen wie der Dystonie wieder in den Vordergrund gerückt, nachdem sich die Probleme der Langzeit-Medikamententherapie, insbesondere mit L-DOPA, zeigten: unwillkürliche Bewegungen (Dykinesien), unvorhersehbar auftretende Krämpfe (Dystonien) und plötzlich abwechselnde Phasen der Bewegung und der Erstarrung.

Im Gegensatz zu älteren Verfahren, bei denen zielgesteuert Bezirke im Hirn in den so genannten Basalganglien durch Hitze zerstört wurden, um diese Symptome zu unterdrücken, kann man nun mit Hilfe zweier kleiner und dünner Elektroden die elektrische Übertragung in diesen Hirnarealen bremsen, so dass die motorischen Symptome der Bewegungsstörungen unterdrückt werden. Diese Elektroden werden mit einer Schrittmacherbatterie verbunden, die ähnlich dem Herzschrittmacher unter der Haut des Brustkorbes implantiert wird. Dieser Schrittmacher gibt kontinuierlich einen hochfrequenten Strom ab und kann in den meisten Fällen die jeweilige Bewegungsstörung unterbrechen, solange der Strom einwirkt. Je nach benötigter Energie beträgt die Batterieüberlebensdauer ca. 4-5 Jahre. Die Operation erfolgt in zwei Schritten: Zunächst werden in örtlicher Betäubung die Elektroden schmerzfrei und zielgesteuert ins Hirn implantiert, nachdem zuvor mit Hilfe aufwendiger Bildverfahren die Orte im jeweiligen Hirn berechnet wurden, an denen die Elektroden enden sollen. Der zweite Schritt erfolgt in Vollnarkose, indem die Elektroden über Kabel, die unsichtbar von außen unter die Haut implantiert werden, mit dem Schrittmacher verbunden werden. Dieses technisch aufwendige Verfahren ist dank der neuen Bildtechniken sehr sicher geworden. Anhand vorangehender Medikamententests kann der Arzt dem Patienten bereits vor der Operation relativ genau vorhersagen, in welchem Maße eine Besserung seiner Beschwerden eintreten wird. 

Die Operation wird nur an wenigen darauf spezialisierten Zentren durchgeführt, da der technische und personelle Aufwand immens sind. Langfristige Vor- und Nachuntersuchungen sind notwendig, um einerseits diejenigen zu bestimmen, die für eine Operation in Frage kommen oder ob Gegenanzeigen vorliegen, und andererseits auch, um nach der Operation die optimale Einstellung der Stimulationsparameter zu finden. Letzteres ist nicht immer einfach, da das Ziel der Operation nicht nur in der Besserung der Bewegungsstörung selbst besteht, sondern auch in der Verminderung der einzunehmenden Medikamente.

Langfristige Erfahrungen liegen derzeit über 5-6 Jahre vor. Die besten Ergebnisse zeigen sich in der Verminderung des unwillkürlichen Zitterns (Tremor), aber auch die Steifigkeit (Rigor) und die Bewegungsarmut (Akinese) können deutlich gebessert werden. Seltene Bewegungsstörungen wie unwillkürliche Fehl- und Schleuderbewegungen wie bei der Dystonie lassen sich ebenfalls in den meisten Fällen positiv beeinflussen. 

Die Kosten für das Implantat und den notwendigen Krankenhausaufenthalt werden von den Krankenkassen übernommen. Die Nachbetreuung erfolgt durch die behandelnden Neurologen und den Neurochirurgen gemeinsam. 

Wir bieten dazu eine gemeinsame Sprechstunde für Bewegungsstörungen an. Hier werden aber nicht nur Patienten behandelt und beraten, die einer Operation unterzogen werden sollen, sondern ebenfalls diejenigen, bei denen die Medikamente nicht oder nicht ausreichend helfen können. 

 

Aus ORTHOpress 1 | 2002

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