Achsfehlstellungen an den Beinen

VonStefanie Zerres

Die oft deutlich erkennbaren O-Beine sind in diesem Alter jedoch völlig normal und bedürfen in der Regel keiner Behandlung. Im Alter von zwei bis fünf Jahren weisen Kinderbeine dann eher eine X-Stellung auf. Häufig gehen diese mit leichten Knick-Senkfüßen einher. Auch das ist – bis zu einem gewissen Maß – völlig normal und gehört zur kindlichen Entwicklung. Weichen die Achsen jedoch sehr stark ab oder die X- bzw. O-Beine verwachsen sich bis zur Pubertät nicht, empfiehlt es sich, den Kinderarzt um Rat zu fragen.

Theorie

Verbinden wir im Stand bei geschlossenen Beinen den Oberschenkelkopf und das obere Sprunggelenk durch eine imaginäre Linie (mechanische Achse), so verläuft diese normalerweise direkt durchs Knie. Bei O-Beinen ist der Abstand zwischen den Kniegelenken vergrößert, was bedeutet, dass die mechanische Achse innen am Kniegelenk vorbeiläuft (siehe Abb. 1). Mediziner sprechen von Genu varum. Bei X-Beinen hingegen weichen die Unterschenkel und somit auch die Knöchel nach außen ab, sodass in diesem Fall die Verbindungslinie zwischen Oberschenkelkopf und Sprunggelenk außen am Knie vorbeiläuft (siehe Abb. 2). Der medizinische Begriff für X-Beine lautet Genu valgum.

Ursachen und Beschwerden

O- und X-Beine, die nicht im Rahmen der kindlichen Entwicklung liegen, können verschiedene Ursachen haben. Sie können z. B. angeboren, die Folge einer Knochenerkrankung, einer Rachitis (Erkrankung des Knochenstoffwechsels, häufig infolge eines Vitamin-D-Mangels), eines Unfalls oder einer Lähmung sein. Da es für Laien schwierig zu erkennen ist, ab wann eine Achsfehlstellung behandelt werden sollte, sollten sich unsichere Eltern immer an einen Kinderarzt wenden, welcher im Zweifel oder bei eindeutiger Diagnose an einen Facharzt verweisen kann. Dieser wird sich weniger an den optischen Symptomen, sondern vor allem an den Auswirkungen der Fehlstellungen auf den kindlichen bzw. jugendlichen und später erwachsenen Organismus orientieren. Kindliche X- und O-Beine bereiten in der Regel keine oder nur geringe Beschwerden. Langfristig kommt es durch die Fehlstellung jedoch unter Umständen zu Fehlbelastungen des Kniegelenks und damit zu einer frühzeitigen Arthrose und/oder Schäden an den Menisken. Im schlimmsten Fall benötigt der Patient bereits mit Mitte 30 ein künstliches Kniegelenk. Um das zu verhindern, bedarf es bei krankhaften Achsfehlstellungen einer genauen Ursachenforschung mit anschließender entsprechender Therapie.

Diagnose

Um den genauen Grad der Achsabweichung festzustellen, muss der Arzt die Beine bzw. das gesamte Skelett des Patienten genau vermessen. Neben herkömmlichen Röntgenaufnahmen werden heutzutage auch moderne 3D-Messverfahren eingesetzt, mit denen sich Fehlstellungen unter Belastung darstellen lassen.

Therapie 

Konservative Maßnahmen wie Orthesen oder spezielle Schuhzurichtungen können bei schmerzhaften Beinfehlstellungen die Symptome vorübergehend lindern. Bei gewichtsbedingten X-Beinen empfiehlt es sich, das Gewicht deutlich zu reduzieren, um die Belastung auf die Kniegelenke zu verringern. Vielfach ist jedoch eine Operation notwendig, um Folgeerkrankungen zu stoppen oder zu verhindern.

Behandlung bei Kindern

Im Kindesalter lassen sich krankhafte Achsfehlstellungen wesentlich einfacher korrigieren als bei Erwachsenen. Sind die Wachstumsfugen noch nicht geschlossen, kann ein gezielter operativer Eingriff das Wachstum in die richtige Richtung lenken. Diese -sogenannte Wachstumslenkung (Epiphysiodese) führt bei sachgemäßer Durchführung in der Regel zu guten Erfolgen. Dazu setzen die Ärzte ein kleines Implantat auf eine Seite der Wachstumsfugen des Oberschenkel- und/oder des Schienbeinknochens ein. Dieses stoppt an entsprechender Stelle das Wachstum, während es auf der anderen Seite weiter voranschreitet. Bei dieser Methode sind eine exakte Achsenanalyse und der richtige Zeitpunkt für die OP entscheidend. In den meisten Fällen können die Kinder sofort im Anschluss an die OP beide Beine voll belasten. Bei Verunsicherung oder Schmerzen können in den ersten Tagen Unterarmstützen helfen. Der Klinikaufenthalt beträgt in etwa zwei bis drei Tage. Nach rund vier Wochen dürfen die Patienten im Normalfall wieder Sport treiben. Regelmäßige Kontrolluntersuchungen sind zwingend erforderlich, um den Fortschritt zu dokumentieren und eine Überkorrektur zu vermeiden. Das gewünschte Ziel wird, je nach Grad der Fehlstellung, häufig innerhalb eines Jahres erreicht. Nach erfolgter Achsenbegradigung entfernen die Ärzte das Implantat im Rahmen eines zweiten kleinen Eingriffs wieder.

Behandlung bei Erwachsenen

Bei Patienten, bei denen die Wachstumsfugen bereits zu weit geschlossen sind, kann eine Wachstumslenkung nicht mehr durchgeführt werden. Stattdessen nehmen die Ärzte dann eine sogenannte Umstellungsosteotomie vor. Bei O-Beinen stehen dabei – je nach Ausprägung und Knochenbeschaffenheit – zwei Möglichkeiten zur Verfügung. Entweder sägen die Chirurgen dabei den Schienbeinknochen unterhalb des Schienbeinplateaus von der Innenseite des Kniegelenks in Richtung Außenseite an und spreizen den Knochen auseinander, bis das Bein die gewünschte Ausrichtung hat (öffnende Osteotomie unterhalb des Kniegelenks) oder aber die Durch-trennung des Schienbeines erfolgt von außen nach innen und ein Knochenkeil wird entnommen sowie die entstandene Lücke zusammengezogen (schließende Osteotomie). Anschließend werden die beiden Knochenteile durch eine Platte miteinander fixiert. Der bei der ersten Methode entstandene Gelenkspalt füllt sich in der Regel innerhalb eines Jahres mit neu gebildetem Knochenmaterial. Bei X-Beinen erfolgt die Umstellungsosteotomie am unteren Ende des Oberschenkelknochens. Auch in diesem Fall werden die Knochenfragmente mit einer Platte in der gewünschten Stellung fixiert.

Nach einer Umstellungsosteotomie muss der Patient etwa vier Tage im Krankenhaus bleiben. Eine Mobilisierung mit Unterarmstützen (Teilbelastung) erfolgt aufbauend in den ersten vier Wochen postoperativ. Nach etwa sechs Wochen können Patienten leichte Tätigkeiten wie Büroarbeit wieder aufnehmen. Körperlich anstrengende Arbeiten können nach rund drei Monaten aus-geführt werden. Nach einem Jahr sind die Patienten in der Regel wieder vollständig einsatzfähig – auch im Sport.

Wichtig

Während die Therapie der Wachstumslenkung aus zwei relativ kleinen Eingriffen besteht, handelt es sich bei einer Umstellungsosteotomie um eine wesentlich aufwendigere Operation mit einer deutlich größeren Belastung für die Patienten. Aus diesem Grund empfehlen Ärzte zumeist, die Fehlstellung bereits im Kindesalter operieren zu lassen. Trotzdem ist bei erwachsenen Patienten mit X- oder O-Beinen und einer beginnenden daraus resultierenden Arthrose die Umstellungsosteotomie sinnvoll, wenn dadurch der Einsatz eines künstlichen Gelenks deutlich hinausgezögert oder sogar verhindert werden kann.

Weitere Achsfehlstellungen

Abgesehen von X- und O-Beinen gibt es an den Beinen weitere Achsfehlstellungen. Beim sogenannten Genu recurvatum z. B. kann das Kniegelenk deutlich überstreckt werden. Weiterhin können Ober- und Unterschenkel verdreht sein (Torsionsfehlstellungen). Auch in diesen Fällen raten die Ärzte vornehmlich dazu, die Fehlstellung operativ zu beheben, um eine Folgearthrose zu verhindern.

von Ulrike Pickert

aus ORTHOpress 2/18

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