Virtuosität mit Folgen – Orthopädische Erkrankungen bei Musikern

VonUlrike Pickert

Sie vermögen ihre Zuhörer in andere Welten zu versetzen, ihnen Botschaften zu überbringen oder mit ihrem Spiel gar medizinische Therapien zu unterstützen: Musiker! Leider hat ihre Tätigkeit mitunter aber für ihre eigene Gesundheit unschöne Folgen, sodass sie selbst Ärzte konsultieren müssen.

Körperliche Höchstanstrengungen und Belastungen durch immer wieder durchgeführte Bewegungen in oft unphysiologischen Körperhaltungen verlangen Musikern viel ab. Das bedeutet, ähnlich wie Leistungssportler, können sie durch das krank werden, was für sie Leidenschaft und bei Berufsmusikern außerdem ihre Lebensgrundlage darstellt. Neben Erkrankungen wie z. B. Gehörschäden, Augenproblemen, Nervenleiden, Hautirritationen (z. B. Geigerfleck) oder Speicheldrüsenentzündungen kommt es bei Musikern häufig auch zu orthopädischen Leiden.

Wie der Bewegungsapparat durch Musizieren leiden kann

Von den Beschwerden am Bewegungsapparat sind Musiker meist im oberen Körperbereich betroffen: Hals-, Nacken-, Rücken- und Schulter-Arm-Probleme sind nicht selten. Auch pathologische Veränderungen an den Händen sind bei Musikern vermehrt zu beobachten. Dazu zählen Sehnenscheidenentzündungen, Arthrosen der Fingerendgelenke, die Daumensattelgelenksarthrose, der Schnellende Finger, die Tendovaginitis de Quervain und das Karpaltunnelsyndrom. Dabei sind bestimmte Erkrankungen typisch für den Gebrauch gewisser Instrumente. Gefürchtet sind bei Musikern auch Verletzungen wie z. B. Schnittwunden oder Knochenbrüche an den Händen. 

In ihrem Vortrag „Schmerzprävention im Musikerberuf – Faszienbehandlung – ein Hype?“ auf dem Symposium für Musikermedizin, das im Januar in Köln stattfand, berichtete Dr. med. Ulrike Kaltenbrunner über die Bedeutung der Faszien für schmerzgeplagte Musiker. Wenn auch schon früher von Therapeuten mitbehandelt, so sind die Faszien heute besser erforscht. Verspannte Muskeln und Faszien können zu Verhärtungen führen, die zum einen Schmerzen auslösen und zum anderen in eine ungesunde Schonhaltung führen können. Solchen Verhärtungen kann mit speziellen manuellen Techniken und / oder Dehnübungen entgegengetreten werden.

Musikermedizin – interdisziplinär und ganzheitlich 

Jeder Musiker sollte bei entsprechenden Beschwerden den behandelnden Arzt auf die ausgeführte Tätigkeit hinweisen, damit sie bei der Anamnese und weiteren Untersuchungen berücksichtigt werden kann. Auf Musikermedizin spezialisierte Praxen oder Institute an Kliniken haben unter Umständen mehr Know-how und Möglichkeiten, beispielsweise eine Haltungs- und Bewegungsanalyse am Patienten während des Musizierens. So gibt es z. B. an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover (HMTMH) ein Institut für Musikphysiologie und Musikermedizin und am Universitätsklinikum Düsseldorf eine interdisziplinäre Ambulanz für Musikermedizin. Wichtig für die Musikermedizin ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Denn häufig bringt eine spieltechnische Analyse erkrankter Musiker verschiedene Probleme zutage. Der Cellist, der sich zu sehr nach vorne beugen muss, um seine Noten lesen zu können, sollte nicht nur hinsichtlich der Folgen wie Nacken- und Rückenschmerzen ganzheitlich behandelt werden. Auch seine Sehschwäche muss entsprechend berücksichtigt werden. Institutionen wie die Deutsche Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin e. V. (DGfMM) oder der gemeinnützige Verein Medico Arte e .V. setzen sich für die entsprechende Vernetzung und Förderung von Forschung auf dem Gebiet der Musikermedizin ein.

Prävention: Technik und Instrument optimieren, Ausgleich schaffen

Um Erkrankungen vorzubeugen, ist es sinnvoll, zu prüfen, wie die Spielsituation verbessert werden kann. Bereits kleine Anpassungen am Instrument oder Hilfsmittel können dazu beitragen, dass der Musiker eine gesündere Haltung einnimmt. Weicht beispielsweise die Cellistin mit ihrem Kopf permanent beim Spielen den störenden Stimmwirbeln am Ende ihres Instrumentes aus, kann das Hindernis mit speziellen Stellschrauben oder einem Umbau des Instrumentes reduziert werden. Schwere Blasinstrumente können mit schonenderen Haltevorrichtungen getragen werden. Spezielle Fingerstützen an Flöten oder Klarinetten entlasten die Fingergelenke. Auch allgemeine ergonomische Verbesserungen können hilfreich sein: z. B. gesundes Schuhwerk, hochwertige Stühle und ein gutes Licht auf die Noten. Ebenso wie Veränderungen an den Instrumenten können häufig eine Optimierung der Spieltechnik und ein effektiveres Üben helfen, Beschwerden am Bewegungsapparat vorzubeugen. Wer heute ein Musikstudium beginnt, profitiert von Kursen, in denen eine gesunde Spielhaltung vermittelt wird. So bietet beispielsweise die Hochschule für Musik und Tanz Köln ihren Studenten Seminare zu den „Grundlagen gesunden Musizierens (Embodiment)“ an.

Und welchen Ausgleich kann sich der Musiker schaffen? Wer den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt, dem wird meist Sport empfohlen; so auch Musikern. Doch sie müssen wählerischer bei der Wahl ihrer Sportart sein. So sollten sie keine der Körperteile fordern, die ohnehin schon durch ihr Instrument stark beansprucht sind. Außerdem meiden insbesondere Berufsmusiker natürlich Sportarten, die ein erhöhtes Verletzungsrisiko bergen. Es eignen sich für Musiker beispielsweise gemäßigte Ausdauersportarten. Zusätzlich für körperlichen und geistigen Ausgleich können Musiker mit Entspannungstechniken wie z. B. Thai Chi oder Progressiver Muskelentspannung sorgen.

von Stefanie Zerres

aus ORTHOpress 2/2018

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