Übergewicht und orthopädische Erkrankungen

VonStefanie Zerres

Übergewicht und orthopädische Erkrankungen

Adipositas bzw. starkes Übergewicht erhöht nicht nur das Risiko für verschiedene Leiden, es bringt häufig auch Folgeerkrankungen wie Gelenkverschleiß mit sich. Tückisch ist es besonders, wenn sich diese schleichend entwickeln. Gesundes und unter Umständen angeleitetes Abnehmen ist daher therapeutisch wie auch präventiv die beste Maßnahme.

Vielfalt ist interessant und erstrebenswert. Und dazu gehören nicht nur verschiedene Haarfarben und Kleidungsstücke auf immer gleich schlanken Körpern, wie es uns Werbung und Film suggerieren mögen. Auch Menschen mit dem einen oder anderen Fettpölsterchen und Kurven, die nicht allein dem Silikon bzw. dem plastischen Chirurgen geschuldet sind, stellen dafür einen wichtigen Faktor dar. Besteht jedoch in höherem Maße ein Zuviel an Körpermasse, das durch ein Ungleichgewicht von Nahrungszufuhr und Energieverbrauch entsteht, ist Vorsicht geboten, weil die Gesundheit zu Schaden kommen kann. Denn bei starkem Übergewicht, auch Adipositas genannt, ist es ein Fakt, dass dieses viele Begleit- und Folgeerkrankungen mit sich bringen kann. Neben kardio-vaskulären Schäden oder Diabetes gehören auch Erkrankungen orthopädischer Art dazu.

Mechanischer Druck, zu wenig Bewegung, gestörter Stoffwechsel

Dass der Bewegungsapparat, das Skelett, durch ein Zuviel an Körpergewicht stark belastet wird und dann im wahrsten Sinne des Wortes viel zu tragen hat, ist schlüssig. Ein Mehr an Gewicht lastet dann bei jeder Bewegung auf den Knochen und Gelenken. Das schadet auch den Gelenken, insbesondere der für Pufferung und Gleiten zuständigen Knorpelschicht, die sich über den einzelnen knöchernen Gelenkpartnern befindet. Reibt sie durch den verstärkten Druck immer mehr ab, entsteht eine Arthrose. Dies kann außerdem durch Fehlstellungen (z. B. X- oder O-Beine), wie sie bei übergewichtigen Menschen häufiger vorkommen können, begünstigt werden. Außerdem kann es durch Übergewicht zu weiteren Beschwerden im Bewegungsapparat wie Rückenschmerzen oder Fußfehlstellungen kommen.

Doch nicht allein das Gewicht an sich, das mechanisch Druck ausübt, bewirkt das erhöhte Arthroserisiko. Schließlich leiden stark Übergewichtige nicht nur an den Gelenken, auf denen das Körpergewicht besonders lastet, verstärkt unter Arthrose, sondern auch z. B. an den Fingergelenken. Der Grund dafür ist, dass Fettgewebe vermehrt bestimmte Hormone – wie etwa Leptin – produziert. Diese können Entzündungen hervorrufen und das Knorpelgewebe schädigen. In Untersuchungen konnte beobachtet werden, dass die Reduktion von Übergewicht mit einem Rückgang der Entzündungsmarker einhergeht. Ein weiterer Faktor, der bei Adipositas erschwerend hinzukommt, ist eine oftmals schlechte Ernährung des Knorpels aufgrund von mangelnder Gefäßversorgung.

Knie versus Hüfte

Auch wenn es durch die genannten Prozesse bei Übergewicht an allen Gelenken zu Arthrose kommen kann, ist das Risiko für eine Kniearthrose besonders hoch. Diese entwickelt sich dann zudem im Vergleich mit Normalgewichtigen besonders schnell. Eine solche direkte Beziehung wie zwischen Übergewicht und Kniearthrose konnte bei der Entstehung und dem Verlauf von Hüftarthrose nicht nachgewiesen werden.

Adipositas und Endoprothetik 

Ist der Gelenkverschleiß so weit fortgeschritten, dass ein künstliches Gelenk implantiert werden muss, so wird den Betroffenen in der Regel dazu geraten, möglichst noch vor dem Eingriff Gewicht zu reduzieren. Denn bei stark Übergewichtigen bestehen bei einer Hüft- oder Kniegelenksoperation mehr Risiken, insofern es schneller zu einer Infektion, einer aseptischen Lockerung, einer Ausrenkung der Endoprothese oder zu einer Thrombose kommen kann.

Gesund Abnehmen

Ein gesundes, d. h. moderates und geplantes Abnehmen hilft, (natürliche wie auch künstliche) Gelenke zu erhalten und bei bereits bestehenden Problemen Schmerzen zu reduzieren sowie den Verlauf zu verlangsamen. Dieses Abnehmen ist eng mit ausreichend Bewegung verbunden, sodass dies zusammen mit einer guten Ernährung im Vordergrund stehen sollte. Unterstützung finden Betroffene in speziellen Schulungen, in denen die Umstellung der bisherigen Lebensgewohnheiten gefördert wird. Es eignen sich nicht alle Sportarten für Übergewichtige, insbesondere solche, die die Stoßkräfte auf Gelenke erhöhen. Nordic Walking oder Wassergymnastik hingegen sind maßvoll, was die Belastung der Gelenke angeht, aber dennoch fordernd. Insbesondere für adipöse Kinder und Jugendliche ist es ratsam, frühzeitig ein Normalgewicht anzustreben, da sie ansonsten in der Regel auch im Erwachsenenalter übergewichtig bleiben und dann schneller erkranken können. Außerdem hat eine kürzlich durchgeführte Studie gezeigt, dass adipöse Kinder häufiger an einer Epiphyseolysis capitis femoris erkranken. Bei dieser Erkrankung im Wachstum kommt es zur Verschiebung der Wachstumsfuge, in deren Folge eine Hüftkopfnekrose entstehen kann. Allerdings sollten Eltern beachten, dass Kinder anders abnehmen als Erwachsene und sich z. B. vom Kinderarzt gut diesbezüglich beraten lassen. Oft ist es beispielsweise ausreichend, eine Ernährungsumstellung durchzuführen, um das Gewicht des Kindes zu halten. Durch den Energieverbrauch und das Wachstum reduziert sich das Übergewicht dann häufig automatisch. Tipps und Informationen sind unter anderem auf den Internetseiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zum Thema „Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen“ (www.bzga-kinderuebergewicht.de) zu finden.

 

Adipositas

Bei starkem Übergewicht der primären Form – nur in wenigen Fällen sind „die Drüsen“ schuld oder liegt eine ursächliche Erkrankung dem erhöhten Körpergewicht zugrunde – spricht man auch von Adipositas. Diese entsteht besonders bei einem Überangebot an Nahrung, wobei der Konsum verarbeiteter und hochkalorischer Produkte im Vordergrund steht, und gleichzeitiger Reduktion der Bewegung, z. B. durch nur im Sitzen ausgeführte Tätigkeiten. Zur Bestimmung und Einordnung der Adipositas wird der sogenannte Bodymassindex (BMI) genutzt, der Körpergröße und -masse in Relation zueinander setzt. Dieser Wert wird errechnet anhand der Formel Gewicht (Kilo) geteilt durch Größe (Meter) im Quadrat. Ab einem BMI-Wert von 30 spricht man nach der Definition der WHO von Adipositas. Der BMI wird allerdings von einigen Seiten aufgrund seiner Vereinfachung kritisch betrachtet. Bei der Beurteilung von Übergewicht hinsichtlich eines Krankheitswertes müssen noch weitere Aspekte miteinbezogen werden. So unter anderem die Fettverteilung, da eine vermehrte Ansammlung von Fett im Bauchbereich schädlicher ist. Unterschieden werden daher der sogenannte Apfel- und der Birnentyp: Befindet sich das Fett eher im Bauchraum, während der Rest des Körpers normal wirkt, spricht man vom Apfeltyp, der mit höheren Erkrankungsrisiken einhergeht. Daher wird empfohlen, dass bei Männern der Bauchumfang maximal 102 cm betragen und der bei Frauen möglichst unter 88 cm liegen sollte. Weniger gefährlich, aber natürlich dennoch in Beobachtung zu halten, ist eine Fettverteilung vom Typ Birne, bei der sich das Fett vermehrt an Hüften, im Pobereich und an den Oberschenkeln ansammelt.

von Stefanie Zerres

Aus ORTHOpress 4/17

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