3D-Vermessung der Wirbelsäule

VonMalte van den Berg

3D-Vermessung der Wirbelsäule

Diagnostik ohne Strahlenbelastung für eine effiziente Therapie 

Jeder dritte Deutsche leidet unter Rückenschmerzen. Das Kreuz mit dem Kreuz – es handelt sich um eine echte Volkskrankheit. Rückenschmerzen sind die bei weitem häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit. Etwa die Hälfte aller vorzeitigen Rentenanträge gehen  auf eine Erkrankung der Wirbelsäule zurück. 

Die meisten Rückenkranken leiden unter funktionellen Störungen der Bewegungssegmente in der Wirbelsäule, in der Regel verbunden mit Verschleißerscheinungen der Nervenwurzeln, der Wirbelgelenke, des Bandapparates und der Muskulatur. Noch verstärkt werden die Rückenprobleme durch seelische Belastungen, durch falsche Schonung – sowie durch unzureichende, nicht ursachenorientierte Therapien. Die Folge: Das Rückenleiden wird verschleppt, der Schmerz wird chronisch -und die Patienten finden sich mit ihrem Leid ab, nicht selten mit einschneidenden psychischen Folgen. 

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt 

Das muss nicht sein. Operative Eingriffe sind, abgesehen von großen Bandscheibenvorfällen oder Wirbelgleiten, in neun von zehn Fällen ohnehin nicht erforderlich. Aber auf die richtige und individuelle Therapie kommt es an! „Damit diese jedoch möglichst frühzeitig beginnen kann, sollte so schnell wie möglich eine umfassende Abklärung erfolgen“, erläutern die Lübecker Orthopäden Dr. Saathoff, Dr. Jung und Dr. von Törne, die in einer Gemeinschaftspraxis gemeinsam ihre Patienten versorgen. 

Wirbelsäulenvermessung löst diagnostische Probleme 

Mit der sogenannten 3D-Wirbelsäulenvermessung steht der modernen Orthopädie nun ein Verfahren zur Verfügung, das nicht nur diagnostische Probleme löst, sondern auch therapeutisch effizient genutzt werden kann. Geknüpft ist diese Methode – wie so viele medizinische Errungenschaften der vergangenen Jahre – an die Möglichkeiten neuer Technologien. Mit Hilfe dieser Untersuchung können eine mögliche Fehlstatik der Wirbelsäule sowie muskuläre Dysbalancen objektiv sichtbar gemacht werden. 

Ohne Strahlenbelastung

Gearbeitet wird mit Lichtprojektion, gänzlich ohne Strahlenbelastung – also ohne Nebenwirkungen und Kontraindikationen. Dr. Saathoff: „Damit eignet sich diese Untersuchungsform auch in besonderer Weise zur frühzeitigen Erkennung, Verlaufsbeurteilung und Behandlung etwa von Skoliosen bei Kindern.“ Bei der Vermessung werden von dem zu vermessenden Patienten Bilder unter verschiedenen Bedingungen aufgenommen. Durch geeignete Bildanalyse kann man daraus Form und Lage der Wirbelsäule dreidimensional rekonstruieren.

Beurteilung von Therapieverlauf 

Aber wie werden die erkannten Haltungsschäden behandelt? Wichtig ist, beim Patienten die nötige „Muskelkraft“ zur Verbesserung seiner Haltung wiederherzustellen. Dabei bedient man sich unter anderem der Erkenntnisse der ,Angewandten Kinesiologie‘. Diese geht davon aus, dass sich die Stärke eines Muskels verändert, wenn therapeutisch relevante Punkte am Körper behandelt oder auch nur berührt werden. Basierend auf diesen Erkenntnissen wurde bereits vor vielen Jahren ein standardisierter Muskeltest entwickelt, mit dessen Hilfe sich die Reaktion des Körpers auf Reize, Substanzen und Emotionen jeglicher Art messen lässt. Zusammen mit der 3D-Wirbelsäulenvermessung ergibt sich so ein Korrektursystem, bei dem Diagnose und Therapie Hand in Hand gehen: Neben einer physiotherapeutischen Behandlung werden zur Haltungskorrektur auch weiche, prallelastisch gefüllte Spezialeinlagen verwendet, welche die kinesiologisch schwach getesteten Muskelketten kontinuierlich stimulieren. Die Behandlungswirkung lässt sich dann wieder durch die dreidimensionale Wirbelsäulenvermessung kontrollieren. Arzt und Patient haben so die Möglichkeit, den Fortschritt einer Behandlung effektiv zu messen und weitere Maßnahmen gezielt auf den Therapieerfolg abzustimmen. 

Minimalinvasive Therapie bei Bandscheibenvorfällen 

Noch bis vor wenigen Jahren bedeutete die Diagnose „Bandscheibenvorfall“ nicht selten das Aus für ein bewegungsaktives Leben. Nicht nur der in Schüben auftretende stechende Schmerz, sondern auch die Angst vor Lähmungserscheinungen, drohender Operation und einem Leben im Rollstuhl veranlasste Generationen von solcherart geplagten Menschen, bereits in jungen Jahren Tennisschläger und Jogginganzug für immer an den imaginären Nagel zu hängen. 

Dass dies heute nicht mehr so sein muss, ist unbestreitbar ein Verdienst der modernen Medizin. Neue Techniken zur Schmerztherapie helfen dabei nicht nur, eine Bandscheibenoperation zu vermeiden, sondern geben den Betroffenen eine Lebensqualität zurück, die weitestgehend der entspricht, als ob ein Bandscheibenvorfall niemals eingetreten wäre. „Nicht selten kann ein derartiger Eingriff per bildgestütztem Injektionsverfahren helfen, eine komplizierte Wirbelsäulenoperation zu vermeiden“, so Dr. Jung.

Entfernung von Bandscheibenvorfällen durch die Haut 

Falls doch einmal operiert werden muss, dann fast immer deshalb, weil bereits Lähmungserscheinungen oder andere motorische Ausfälle zu sofortigem Handeln zwingen. Auch hier gibt es jedoch heute Möglichkeiten, die Bandscheibenvorfälle ohne eine große Operation in einem mikrochirurgischen Eingriff durch die Haut (lat.:  perkutan) zu entfernen. Die Muskulatur wird dabei nicht abgetrennt, sondern nur vorübergehend zur Seite geschoben. Größere Schnitte sind nicht erforderlich. Es wird bei dieser Methode unter örtlicher Betäubung gearbeitet; der Eingriff selbst ist für den Patienten kurz und schmerzlos: Eine lange Spezialnadel wird seitlich oder von der Mitte durch die Haut an den Bandscheibenraum vorgeschoben. Durch diesen Arbeitskanal wird ein Endoskop geführt, mit dessen Zange oder Laserstrahl das überflüssige Bandscheibengewebe entfernt wird. 

Die modernen minimalinvasiven Operationsverfahren bedeuten einen erheblichen Fortschritt bei der Behandlung von Rückenschmerzen. Gleichermaßen schonend wie effizient helfen die zielgerichteten lokalen Therapieverfahren bei der Behandlung von Schmerzzuständen. 

Hier lassen sich nachhaltige Behandlungserfolge erzielen, die noch vor einigen Jahren niemand für möglich gehalten hätte. Dr. Saathoff weist jedoch darauf hin, dass das auf Grund der Schmerzlinderung wieder mögliche „richtige“ Haltungstraining von größter Wichtigkeit ist: „Zur Prävention von Rückfällen ist die Stärkung von Rückenmuskulatur und Bandapparat im Rahmen gezielter krankengymnastischer Übungen unerlässlich!“ 

 

aus ORTHOpress 03|2002

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