Zauberwort Hyaluronsäure

Künstliche Gelenkschmiere verhilft zu mehr Lebensqualität

Das Kniegelenk ist das am stärksten belastete Gelenk des menschlichen Körpers. Bei jedem Schritt, beim Laufen oder beim Treppensteigen wird das Gewicht des Körpers in vollem Umfang auf das Kniegelenk übertragen. Federung und Gelenkbeweglichkeit werden dabei durch die Knorpelüberzüge auf der Unterseite des Oberschenkels, auf der Oberseite des Unterschenkels und auf der Rückseite der Kniescheibe sowie durch die Synovialflüssigkeit (Gelenkschmiere) gewährleistet. Bei immer mehr Menschen zeigen sich heute jedoch Abnutzungen, häufig auch eine Kniearthrose.

Das liegt jedoch nicht allein an der immer weiter steigenden Lebenserwartung: Moderne Sportarten und Freizeitvergnügungen fordern unsere Gelenke oft bis an ihre Leistungsgrenze und darüber hinaus. Aber auch Übergewicht und mangelnde Bewegung führen einerseits zu unphysiologisch hoher Belastung, andererseits zu einer schlechten Ernährungssituation des Knorpels. Bereits weit vor dem Erreichen des Rentenalters leiden daher viele Menschen an schweren Verschleißerscheinungen der natürlichen „Stoßdämpfer“.

Das gesunde jugendliche Gelenk ist in der Lage, die dringend benötigte Gelenkschmiere in ausreichender Molekülgröße und Qualität selbst zu bilden. Dazu der Münchner Orthopäde Dr. Krause: „Mit Beginn der Arthrose verliert das Gelenk jedoch diese Fähigkeit. Die Folgen sind eine ständige Entzündung durch eine Unterversorgung mit Nährstoffen sowie größere Reibung im Gelenk.“ 

Zwar kann man die Schmerzen und die Entzündung eine Zeit lang mit den so genannten nicht-steroidalen Antirheumatika zurückdrängen. Viele Patienten vertragen diese jedoch nicht und bekommen Magenprobleme, oft sogar ein Magengeschwür. Ist die Arthrose noch nicht soweit fortgeschritten, so steht mit der Orthokin-Methode, d.h. dem gezielten Einspritzen körpereigener Immunstoffe (sog. Antizytokine), heute eine molekularbiologische Methode zur Ursachenbekämpfung des frühen und mittleren Verschleißes zur Verfügung. Bei starkem Verschleiß war jedoch bisher regelmäßig das Ersatzgelenk, die Totalendoprothese, notwendig. Dabei kann man heute den Zeitpunkt, zu dem ein künstliches Kniegelenk eingesetzt werden muss, durchaus noch um Jahre hinauszögern: Hyaluronsäure heißt die Substanz, welche die Arthrosetherapie förmlich revolutioniert hat. Das ursprünglich aus Hahnenkämmen gewonnene Mittel ist dabei der natürlichen Gelenkflüssigkeit nachempfunden und hat sich – man höre und staune – zunächst bei Rennpferden zur Leistungsverbesserung bewährt, bevor man schließlich mit klinischen Versuchen am Menschen begann. Es zeigte sich, dass mit der Injektion von Hyaluronsäure (z.B. Synvisc) für einen Zeitraum von 8 bis 12 Monaten eine Schmerzfreiheit und Verbesserung der Beweglichkeit wie mit keinem anderen Medikament erreicht werden konnte. Einer kanadischen Studie zufolge konnte die durchschnittliche Dauer der Verbesserung einer arthroskopischen Gelenkspülung mit der Gabe von Synvisc von drei auf sechs Monate erhöht werden.

Prinzipiell sind zwei Klassen von Hyaluronsäurepräparaten (HA) erhältlich: solche mit geringem Molekulargewicht (Low molecular weight HA: 0,5–1,2 Mio. MW) und solche mit hohem Molekulargewicht (High molecular weight HA: > 6 Mio. MW). Da die gesunde Synovialflüssigkeit ein durchschnittliches Molekulargewicht (MW) von 4,5 Mio. im Gegensatz zur arthrotischen von 2 Mio. aufweist, sind Hyalane mit einem möglichst hohen Molekülgewicht wahrscheinlich am besten geeignet, die natürliche Gelenkflüssigkeit zu ersetzen. Dr. Krause: „Das Präparat wird mittels Injektion in das Kniegelenk eingebracht. Ein Behandlungszyklus beinhaltet drei Injektionen, jeweils in wöchentlichem Abstand. Im Vergleich zur Kortison-Spritze oder Schmerz-Tablette besteht bei der modernen Hyaluronsäure-Therapie keine chemische Belastung für den Patienten, bei oft deutlicher oder vollständiger Schmerz- oder Symptomverminderung. Die so durchgeführte Therapiemaßnahme führt aber zu einer deutlichen Besserung der Kniebeschwerden.“ Eine Besonderheit dabei mag auch die lange Verfügbarkeit der Substanz im Gelenk sein. Ursprünglich ist Hyaluronsäure ein Feuchthaltemittel – schon Lösungen in einer Konzentration von wenigen Prozent bilden ein viskoelastisches Netzwerk, welches Wasser außerordentlich fest bindet. Hyaluronsäure selbst ist ein wesentlicher Bestandteil des Bindegewebes.

„Diese Substanz per Injektion zu geben ist daher ein sinnvoller therapeutischer und vorbeugender Ansatz“, erläutert Dr. Krause weiter. Wie lange der Effekt einer solchen Injektion tatsächlich anhält, hängt dabei natürlich stark vom Zeitpunkt ab, zu dem mit einer Hyaluronsäure-Therapie begonnen wird. Sie kann jedoch, und das ist einer der großen Vorteile gegenüber anderen medikamentösen Therapien (z.B. Kortison), beliebig oft wiederholt werden. Nebenwirkungen sind in der Regel bei korrekter und streng intraartikulärer Injektion nach sorgfältiger Desinfektion des Gelenkes nicht zu befürchten, da heute eine hohe Reinheit und große Verträglichkeit der Präparate gegeben ist. Wichtig sei, so Dr. Krause, dass man auch ohne Eingriff vielen Menschen noch einmal für wertvolle Monate oder Jahre ein künstliches Kniegelenk ersparen könne: Dies sei ein erheblicher und nicht zu unterschätzender Gewinn an Lebensqualität.

Leider zahlen die gesetzlichen Krankenkassen eine Behandlung mit Synvisc nicht; bei den privaten gehört die Leistung zum Standard.

 

ORTHOpress 4 | 2001

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