Unerwünschte Ablagerungen in den Gelenke – Kristallarthropathien

VonUlrike Pickert

Unerwünschte Ablagerungen in den Gelenke – Kristallarthropathien

Als Kristallarthropathien bezeichnet man Gelenkerkrankungen, welche durch die Ablagerung von Kristallen hervorgerufen werden. Je nachdem, um welche Art von Substanzen es sich dabei handelt, unterscheidet man zwischen Gicht (Hyperurikämie), Pseudogicht (Chondrokalzinose), Hydroxylapatit-krankheit und Ochronose (Ockerfarbenkrankheit).

Gicht. Die bekannteste Form der Kristall-arthropathie ist die Gicht. Dabei handelt es sich um eine Stoffwechselstörung, die mit einer erhöhten Harnsäurekonzen-tration im Blut (Hyperurikämie) einhergeht. Dies führt zur Bildung sogenannter Uratkristalle, die sich in Gelenken, Schleimbeuteln und Sehnen, aber auch in der Haut und im Ohrknorpel ablagern. Manchmal bilden sich sichtbare Knötchen, sogenannte Gicht-Tophi, welche aus größeren Verklumpungen von Harnsäurekristallen bestehen. Harnsäure wird gebildet, wenn Purine abgebaut werden. Diese befinden sich zum einen in der Nahrung, vor allem in Innereien, Fleisch und Wurst. Zum anderen sind Purine ein normaler Bestandteil der Zellen, welcher beim Stoffwechsel von Zellen freigesetzt wird. Normalerweise wird Harnsäure über die Nieren ausgeschieden. Manchmal jedoch funktioniert dieser Vorgang nicht in dem Maße, wie es der Fall sein sollte. Grundsätzlich muss eine erhöhte Harnsäurekonzentration nicht automatisch zu Gicht führen. Wie Studien belegen, trifft dies nur in etwa zehn Prozent der Fälle zu. Damit es tatsächlich zum Ausbruch der Erkrankung kommt, bedarf es in der Regel bestimmter auslösender Faktoren wie vor allem einer purinreichen Ernährung, Übergewicht und Alkoholmissbrauch. Da sich in vergangenen Jahrhunderten fast ausschließlich Adlige und Reiche eine solche gesundheitsschädigende Kost leisten konnten und somit unter den damit verbundenen Folgen litten, hat man die Gicht früher auch als Krankheit der Könige bezeichnet.

Die Gelenke schwellen an und werden heiß

Akute Gichtanfälle erstrecken sich meist auf ein einzelnes Gelenk. Meist ist das Grundgelenk der großen Zehe betroffen. Man bezeichnet dieses Krankheitsbild auch als Podagra. Häufig befallen werden auch die Mittelfuß-, Sprung- und Kniegelenke sowie die Daumengrundgelenke. Ein akuter Gichtanfall tritt in den allermeisten Fällen ohne Vorwarnung auf, häufig geschieht dies nachts oder in den frühen Morgenstunden. Typischerweise reagiert das erkrankte Gelenk äußerst empfindlich auf Berührung und schmerzt bei Bewegung. Zudem ist es meist geschwollen, heiß sowie rötlich oder bläulich verfärbt. Die Betroffenen leiden zudem häufig an Fieber. Falls keine geeigneten therapeutischen Maßnahmen getroffen werden, halten akute Gichtattacken manchmal mehrere Stunden oder sogar Tage an. Findet keine Behandlung statt, besteht die Gefahr, dass die Erkrankung chronisch wird und auch auf andere Gelenke und Körperregionen übergeht, z. B. auf die Nieren.

Langfristig sollte der Harnsäurespiegel gesenkt werden

Es gibt verschiedene Verfahren, um zu bestimmen, ob ein Patient tatsächlich unter Gicht leidet. Standardmäßig geschieht dies, indem man mithilfe eines Polarisationsmikroskops Harnsäurekristalle im Gelenkpunktat nachweist. Im Röntgenbild zeigen sich typische Veränderungen wie Lochdefekte oder Tophi in den Weichteilen, während sich mithilfe der Gelenksonografie Uratkristalle in der Gelenkschleimhaut nachweisen lassen. Bei einem akuten Gichtanfall werden nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) eingesetzt, in gewissen Fällen auch Colchicin, ein Wirkstoff, der die Zellkernteilung hemmt, oder kortisonhaltige Präparate. Wichtig ist, das betroffene Gelenk hoch zu lagern und kühlende Umschläge anzuwenden. Bei der langfristigen Behandlung kommt es vor allem darauf an, den Harnsäurespiegel zu senken. Medikamentös lässt sich dies durch die Verwendung von Allopurinol erreichen. Dieser Wirkstoff ist allerdings mit zahlreichen Arzneimittelkontraindikationen verbunden. Alternativ lässt sich ein neu entwickelter Wirkstoff namens Febuxostat verwenden, bei dem es seltener zu Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten kommt. Sinnvoll kann auch der Einsatz von Medikamenten sein, welche die Ausscheidung von Harnsäure fördern. Der Patient sollte seinen Lebensstil zudem an die Erfordernisse der Erkrankung anpassen. Dazu gehört, auf purinreiche Kost und üppige Mahlzeiten zu verzichten und den Konsum von Alkohol, insbesondere von Bier, zu reduzieren. Außerdem sollte man nach Möglichkeit mindestens zwei Liter Flüssigkeit am Tag zu sich nehmen und auf ausreichende Bewegung achten. Empfehlenswert sind Heilgymnastik und physikalische Therapieanwendungen. 

Chondrokalzinose. Bei der Chondrokalzinose lagern sich Kristalle aus Kalziumpyrophosphat in den Gelenken ab. Da die Symptomatik derjenigen der Gicht in mancherlei Hinsicht ähnelt, spricht man auch von Pseudogicht. Häufig betroffen sind vor allem einzelne große Gelenke, insbesondere die Knie- und Handgelenke. Man unterscheidet zwischen einer primären Chondrokalzinose, die ohne erkennbare Ursache (idiopathisch) auftritt, und einer sekundären Krankheitsform, die mit einer bestimmten Grunderkrankung in Zusammenhang steht. Dazu gehören Gicht, Eisenspeicherkrankheit (Hämochromatose), Nebenschilddrüsen–Überfunkion (Hyper-parathyreoidismus) oder Kupferspeicherkrankheit (Morbus Wilson). Eine Chondrokalzinose führt häufig erst dann zu Beschwerden, wenn es durch die in den Gelenken abgelagerten Kristalle bereits zu Zerstörungen gekommen ist. Akut auftretende Entzündungen führen zu ähnlichen Symptomen wie bei Gicht, allerdings sind diese in der Regel weniger stark ausgeprägt. Auch hier kommt es zu Gelenkschwellungen und Bewegungseinschränkungen. Nimmt die Erkrankung eine chronische Verlaufsform an, werden die Gelenke dauerhaft geschädigt. Die Diagnose findet mittels Röntgenuntersuchung statt. Um die Kristallablagerungen nachzuweisen, wird Flüssigkeit aus dem betroffenen Gelenk mikroskopisch untersucht. Die Therapie ähnelt in manchem der Gichtbehandlung. So helfen im akuten Stadium nichtsteroidale Antirheumatika oder auch Kälteanwendungen weiter. Liegt eine Chronifizierung vor, können neben NSAR auch Colchicin, Methotrexat und Hydroxylchloroquin verabreicht werden. Hilfreich sind Wärmebehandlung oder andere physikalische Therapiemaßnahmen.

Hydroxylapatitkrankheit. Eine seltenere Spielart der Kristallarthropathie ist die Hydroxylapatitkrankheit. Dabei wird Hydroxylapatit im gelenkumgebenden Weichteilmantel sowie in Sehnen und Schleimbeuteln, aber auch im Gelenk selbst abgelagert. Häufig ist die Schulter betroffen. Diagnostisch erfassen lässt sich die Erkrankung durch den Nachweis von kalkdichten Depots in den Sehnen und Weichteilen. Häufig geschieht dies über einen radiologischen Zufallsbefund. Zur Behandlung werden neben NSAR auch Steroide sowie kryotherapeutische Maßnahmen angewendet.

Ochronose. Bei der Ochronose (Ockerfarbenkrankheit)  kommt es zu einer bläulich-schwärzlichen Verfärbung von Geweben, z. B. der Haut, der Sklera (äußere Augenhaut) oder dem Gelenkknorpel. Ist die Erkrankung angeboren, handelt es sich um eine Folge der erblichen Stoffwechselerkrankung Alkaptonurie. Dabei kommt es zu einer Anhäufung von Homogentisinsäure, welche normalerweise mit dem Urin ausgeschieden wird und nach einiger Stehzeit zu dessen bläulich-dunkler Verfärbung führt. Betroffen sein können Augenlider, Sehnen, Ohrmuschel, Fingernägel oder Nasenspitze. Kausal therapieren lassen sich diese Symptome nicht. Erworbene oder exogene Ochronosen können durch Kontakt mit toxischen Agenzien wie Hydroxychin, Phenolen oder Benzen entstehen. Früher kam es infolge der längerfristigen Einnahme von hydroxychinhaltigen Malariamitteln häufiger zu einer Ochronose. Wichtig ist, die Auslöser zu meiden, die zu der Erkrankung führen können.

von Klaus Bingler

aus ORTHOpress 2/16

Über den Autor

Ulrike Pickert administrator