Diabetes

VonStefanie Zerres

Diabetes

Seit Jahren wird bereits die Alarmglocke geläutet: Diabetes Typ 2 gilt vielen als neue „Geißel der Menschheit“, mindestens aber als die „Zivilisationskrankheit des 21. Jahrhunderts“, deren weitere Ausbreitung es unbedingt zu verhindern gilt. Die Zahlen sind in der Tat beängstigend: Schätzungsweise jeder 13. in Deutschland ist an Diabetes erkrankt, was einen enormen Zuwachs bedeutet – bereits 2009 registrierte die AOK eine Steigerung um 49 Prozent gegenüber dem Jahr 2000. 

Es mehren sich daher die Stimmen derjenigen, die eine Bekämpfung der Erkrankung als eine der wichtigsten Gesundheitsaufgaben überhaupt ansehen – und damit ist nicht nur eine bessere Prävention gemeint. Dabei schien lange Zeit die Heilung eines bereits bestehenden Diabetes für so gut wie ausgeschlossen. Wenn es einmal zu der unheilvollen Kombination aus Insulinresistenz und Hyperinsulinismus gekommen sei, so die Lesart bis vor relativ kurzer Zeit, könne nichts und niemand diesen Zustand wieder beseitigen. Dass dies nicht immer stimmt, ist eine gute Nachricht. Aber wie kann ein Diabetes gestoppt oder gar geheilt werden?

Diabetes „weghungern“ – nicht mehr als 600 Kilokalorien am Tag

Dass man in nur acht Wochen völlig ohne Eingriff und ohne Medikamente den Dia-betes „weghungern“ kann, zeigten der britische Ernährungswissenschaftler Roy Taylor von der Universität Newcastle und sein Team im Jahr 2011. Sie setzten eine Gruppe von 14 adipösen Typ-2-Diabetikern mit einem mittleren Körpergewicht von 103 kg (entsprechend einem BMI von 33) auf eine hauptsächlich flüssige Diät mit einem Brennwert von nur 600 Kcal am Tag. Dass nicht alle Probanden „bei der Stange“ bleiben würden, war den Forschern von vornherein klar – schließlich erfordert eine so starke Reduktion der Nahrungszufuhr eine große Disziplin. Dennoch hielten elf der Teilnehmer bis zum Ende durch – mit nahezu unglaublichem Ergebnis: Sieben Teilnehmer (64 Prozent) waren von ihrem Diabetes geheilt. Innerhalb kurzer Zeit sank der HbA1c-Wert im Schnitt von 7,4 auf beachtliche 6,0 Prozent. Bei den meisten Probanden normalisierten sich der Blutzucker und die Insulinwirkung auf die Leber  schon nach wenigen Tagen, und die Verfettung von Leber und Bauchspeicheldrüse bildete sich zurück. Obwohl eine solche Extrem-Diät zunächst als nicht massentauglich angesehen wurde, haben sich in der Zwischenzeit Konzepte etabliert, welche im Rahmen eines Fitnessprogramms eine sehr schnelle Gewichtsabnahme als erfolgreichen Schlüssel zur Generalprävention propagieren. Gegen das oft eingewandte Argument des zu erwartenden Jo-Jo-Effektes führen Forscher ins Feld, dass die gesundheitlichen Verbesserungen durch eine solche Radikal-Diät dennoch langanhaltender Natur seien – tatsächlich zeigte die britische Studie, dass bei den meisten Probanden auch nach dem Ende der Crash-Diät der Diabetes nicht zurückkehrte. 

Diabetes „wegoperieren“ – erste Hinweise schon in den 1990er-Jahren

Bereits vor gut 20 Jahren deutete sich an, dass drastische Maßnahmen zur Gewichtsreduktion möglicherweise die Erkrankung aufhalten könnten, nachdem bei verschiedenen Patienten, die sich einer Magenverkleinerung unterzogen hatten, erhebliche Verbesserungen beobachtet werden konnten. Der Beweis konnte dann vom Cleveland Clinic Bariatric and Metabolic Institute erbracht werden: Eine Studie, welche an über 20.000 Patienten durchgeführt wurde, die einen Roux-en-Y Magenbypass (RYGB) erhalten hatten, ergab, dass es bei 84 Prozent zu einer kompletten Rückbildung des Typ-2-Diabetes kam. Dabei trat die Normalisierung des Blutzuckers in vielen Fällen bereits unmittelbar nach der Operation ein – noch bevor es zu einer signifikanten Gewichtsabnahme gekommen war. Bei Abschluss der Studie hatte sich der Anteil der insulinpflichtigen Patienten von 90 Prozent auf acht Prozent verringert. 

Aufgrund der hohen Erfolge bezeichnet die IDF (International Diabetes Foundation) die Operationen inzwischen als „metabolic surgery“ („Stoffwechselchirurgie“). Sie regt sogar an, bei übergewichtigen Diabetikern bariatrische Eingriffe bereits bei Typ-2-Diabetikern mit einem BMI von 30 (S3-Leitlinie in Deutschland: BMI > 35) als reguläre Therapieempfehlung auszusprechen. 

Neue Medikamente gegen Komplikationen

Doch auch die medikamentöse Behandlung des Diabetes Typ 2 hat deutliche Fortschritte gemacht. So stehen heute Präparate zur Verfügung, welche den Diabetes zwar nicht heilen können, aber die Sterblichkeit aufgrund der durch die Erkrankung zu erwartenden Herz-Kreislauf-Komplikationen deutlich senken. Besonders eindrucksvoll gelingt das dem neuen Blutzuckersenker Empagliflozin, welcher nach Ansicht der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und der Deutschen Hochdruckliga die Diabetesbehandlung maßgeblich verändern wird. Professor Dr. med. Baptist Gallwitz, Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft aus Tübingen: „Der 2014 zugelassene Wirkstoff Empagliflozin aus der neuen Wirkstoffklasse der SGLT2-Hemmer zeigt nicht nur Sicherheit, sondern senkt  sogar die relative Rate an Herz-Kreislauf-Todesfällen  um 38 Prozent und auch die Gesamtsterblichkeit um 32 Prozent bei Patienten mit Typ-2-Diabetes und bereits bestehender kardiovaskulärer Erkrankung.“ Dabei tritt die Schutzwirkung bereits nach wenigen Monaten Therapie ein. Durch den multimodalen Wirkmechanismus von Empagliflozin ergibt sich offenbar ein besonders günstiger Effekt: So führt das Medikament sowohl zu einer Blutdrucksenkung als auch zur Gewichtsreduktion, einer Senkung des Harnsäurewertes sowie einer Entwässerung. Davon profitieren auch Menschen mit einer Herzmuskelschwäche, einer bedrohlichen Komplikation bei Diabetes mellitus. Wie eine Studie zeigte, mussten Betroffene zu 35 Prozent seltener im Krankenhaus behandelt werden, wenn sie Empagliflozin einnahmen. Besonders die Gewichtsreduktion ist es auch, die eine Behandlung mit dem neuen Präparat als vorteilhaft erscheinen lässt – schließlich kommt es unter Insulingabe häufig zu einer Gewichtszunahme.

Weltweite Zunahme der Erkrankungen

Beinahe überall auf der Welt nehmen Diabetes-Erkrankungen stark zu – gegenüber den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg sind heute beinahe zehnmal so viele Menschen betroffen. Etwa vier Millionen Menschen sterben jährlich unmittelbar an der Krankheit oder ihren Folgeerscheinungen, womit Diabetes zur fünfthäufigsten Todesursache überhaupt wird. 

Magenbypass – Ausweg für adipöse Diabetiker

Beim Roux-Magenbypass wird eine operative Teilung des Magens vorgenommen. Der obere Teil wird dabei direkt in den Dünndarm abgeleitet, sodass -neben dem schneller erreichten Sättigungsgefühl auch noch eine Verringerung der Nahrungsaufnahme durch den Magen-Darm-Trakt erreicht wird. Es handelt sich bei dieser Methode daher um eine Kombination aus einem restriktiven Verfahren, welches eine rein physische Begrenzung der aufnehmbaren Nahrungsmenge erreichen würde (wie z. B. ein Magenband), und bewusst herbeigeführter Malabsorption, bei der die Verstoffwechselung bestimmter Nahrungsanteile durch eine beschleunigte Passage des Nahrungsbreis erschwert wird. Der Vorteil eines Roux-Magenbypasses liegt in der starken Gewichtsreduktion von bis zu 60 Prozent oder mehr. Das Risiko des Eingriffs ist dabei in der Regel kleiner als die immensen Gesundheitsrisiken, die von einem BMI > 40 ausgehen. Die Nachteile des Verfahrens liegen in den Problemen, die durch die mit dem Eingriff verbundene Entfernung des Magenpförtners auftreten – wie häufiges Aufstoßen oder Dumping-Syndrom (von Krämpfen begleitete plötzliche Entleerung des nicht vorverdauten Speisebreis in den Dünndarm). Bedingt durch die Malabsorption müssen nach einem Roux-Magenbypass allerdings lebenslang bestimmte Spurenelemente durch Nahrungsergänzungsmittel zugeführt werden.

von Arne Wondracek 

aus ORTHOpress 1/16   

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