Unkontrolliertes Muskelzucken – Faszikulationssyndrom oder Tic?

VonUlrike Pickert

Unkontrolliertes Muskelzucken – Faszikulationssyndrom oder Tic?

Von einem Faszikulationssyndrom spricht man, wenn sich kleine Muskelgruppen unter der Haut unwillkürlich bewegen, ohne dass dadurch eine Bewegung ausgelöst wird. 

Unsere Muskeln bestehen aus zahlreichen Muskelbündeln, sogenannten Muskelfaszikeln. Wenn sich ein Muskel zusammenzieht, sind daran normalerweise alle seine Faszikel in ihrer Gesamtheit beteiligt. Bei der Faszikulation ist dieser Mechanismus gestört. Statt gemeinsam zu kontrahieren, ziehen sich einzelne Faszikel unabhängig voneinander zusammen. Eine zielgerichtete Bewegung kann auf diese Weise nicht entstehen. Möglich sind solche Zuckungen z. B. an Armen und Beinen, aber auch im Gesicht, etwa an Augenlidern oder Zungenmuskeln. Eine spezielle Form des Muskelzuckens, die von der Faszikulation zu unterscheiden ist, ist der sogenannte Tic. Dabei kommt es aufgrund der Kontraktion ganzer Muskeln zu unwillkürlichen Bewegungen wie z. B. dem Schulterzucken, ruckartigen Kopfbewegungen, aber auch Zungenschnalzen. Manchmal wiederholen die Betroffenen auch ständig dieselben Laute oder Wörter. Als Grund für die unkontrollierte Kontraktion der Muskulatur wird eine erhöhte Erregbarkeit der Nerven vermutet, welche die betroffenen Muskeln versorgen.

Meist handelt es sich um harmlose Phänomene

In den meisten Fällen sind die Zuckungen harmloser Natur und kein Zeichen für eine neurologische oder muskuläre Erkrankung. Man spricht dann auch von einem gutartigen oder benignen Faszikulationssyndrom. Deutlich seltener stecken ernsthafte Krankheiten hinter den Beschwerden, wie z. B. Parkinson, Kinderlähmung, Epilepsie oder Amyotrophe Lateralsklerose. Auch hohes Fieber oder eine massive Unterzuckerung bei Diabetes kann eine Rolle spielen. Weitere mögliche Ursachen sind Elektrolytstörungen, Medikamentengebrauch, Missbrauch von Drogen, insbesondere von anregenden Substanzen wie Kokain und Amphetaminen, oder Kaffee- und Alkoholkonsum.

Genauere Auskunft liefern Tests

Bereits durch eine ausführliche Befragung des Patienten kann der Arzt erste Hinweise auf die Ursache der Beschwerden gewinnen. Im Rahmen der daran anschließenden körperlichen Untersuchung führen Tests der Reflexe, der Reizübertragung, des Gleichgewichtssinns, der Koordinationsfähigkeit und der Muskelkraft möglicherweise zu wichtigen Erkenntnissen. Um Nervenschädigungen zu erfassen, bedient man sich der Elektroneurografie, der Messung der Nervenleitgeschwindigkeit, und der Elektromyografie, der Messung der elektrischen Muskelaktivität. Durch eine Blutuntersuchung im Labor lässt sich feststellen, ob eine Stoffwechselerkrankung, ein Mangelzustand oder eine zu hohe Konzentration bestimmter Substanzen im Körper vorliegt. Darüber hinaus können sich Hinweise auf eine Entzündung oder eine Infektion ergeben. Je nachdem, welcher Krankheitsverdacht besteht, kommen weitere spezielle Untersuchungsmethoden zur Anwendung. Dazu zählt z. B. der sogenannte L-Dopa-Test, mit dem sich die Parkinsonerkrankung bestimmen lässt. 

Manchmal helfen Entspannungsübungen

Wenn die Beschwerden auf einen Mineralmangel zurückzuführen sind, lassen sich die Muskelzuckungen möglicherweise durch eine erhöhte Zufuhr der entsprechenden Mineralien zum Abklingen bringen. Liegt eine zu hohe Konzentration eines Mineralstoffs wie z. B. Kalium vor, besteht die Möglichkeit, die betroffenen Blutwerte medikamentös zu senken und zugleich die Zufuhr der jeweiligen Substanz über die Nahrung zu senken. Bei bakteriellen Infekten kann man durch die Einnahme von Antibiotika gegensteuern. Generell ist es bei einem gutartigen Faszikulationssyndrom ratsam, Risikofaktoren zu senken, also z. B. auf Nikotin oder Alkohol zu verzichten. Lediglich abmildern lassen sich die Beschwerden, wenn ihnen eine andere Erkrankung zugrunde liegt. Sind Muskelzuckungen psychisch bedingt, bieten Verhaltens- oder Entspannungstherapien wie z. B. die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobsen häufig einen Ausweg. 

von Klaus Bingler

aus ORTHOpress 1/18

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