Adipositas und Folgeerkrankungen wie Diabetes 

VonUlrike Pickert

Übergewicht ernst nehmen und gezielt gegensteuern

Nur in vergleichbar wenigen Fällen liegt die Ursache von starkem Übergewicht in einer Erkrankung. Jedoch wird ein Übermaß an Körpergewicht unter bestimmten Kriterien als „krankhaft“ bezeichnet, medizinisch ist dann die Rede von Adipositas. Dies kann vor allem weitere Erkrankungen nach sich ziehen.

Adipositas galt lange als Zivilisationskrankheit in den Industrieländern, in denen ein Überfluss an Nahrung zur Verfügung steht. Mittlerweile findet sich die Problematik ebenso in manchen Schwellenländern. Auch hier sind Nahrungsmittel, die Übergewicht fördern, oftmals kostengünstiger und einfacher verfügbar als gesundes und weniger belastendes Essen. In einigen der Industriestaaten wird mittlerweile sogar von staatlicher Seite her versucht, gegen die in der Bevölkerung stark verbreitete Übergewichtigkeit vorzugehen. Ähnlich wie bei erhöhten Abgaben an den Staat für die Tabakproduzenten, sollen spezielle Zuckersteuern den Konsum entsprechender Produkte reduzieren. In Großbritannien werden seit Anfang April dieses Jahres mehr Steuern auf Lebensmittel mit einem erhöhten Gehalt an Zucker, wie z. B. Softdrinks, erhoben. Zum Teil haben Hersteller daraufhin bereits die Zuckermenge reduziert. Ob diese Maßnahme wirklich eine positive Wirkung auf Ernährungsgewohnheiten haben wird, ist aber umstritten. 

Neben dem nahezu unerschöpflichen Angebot an Lebensmitteln und dem Umstand, dass dadurch häufig viel mehr Nahrung aufgenommen wird, als für die Energiegewinnung des Körpers nötig, spielen zwei weitere Faktoren bei der Entwicklung von Übergewicht eine wichtige Rolle: Wie die Nahrung zusammengesetzt ist und wie viel sich der Betroffene bewegt. Aufgrund des vermeintlichen Fortschrittes sind stark verarbeitete Speisen, die viel Zucker und (gesättigtes) Fett beinhalten, breit verfügbar. Gleichzeitig bewegen sich viele Menschen nur sehr wenig. Das heißt, ihr Energieumsatz liegt unter der Aufnahme von Energie tragenden Nahrungsmitteln. Dadurch sammelt der Körper Reserven an. Was früher ein wichtiger Mechanismus war, um Zeiten mit knappem Nahrungsangebot zu überstehen, führt heute – ohne solche Zeiten – zu ungesundem Übergewicht.

Wenn das Zuviel zur Krankheit wird

Bei sehr starkem Übergewicht ist medizinisch die Rede von Adipositas. Meist wird es nicht durch eine andere Erkrankung ausgelöst. Ausnahmen bilden Essstörungen oder Erkrankungen, bei denen kein Sättigungsgefühl vorhanden ist, sowie Schilddrüsenfehlfunktionen. Als Maß zur Beurteilung von Übergewicht wird meist der sogenannte Bodymassindex (BMI) verwendet. Hierbei werden durch die Formel Gewicht (in Kilo) geteilt durch Größe (in Meter) im Quadrat die Körpergröße und -masse aufeinander bezogen. Liegt der damit berechnete Wert über 30, gilt die betroffene Person als adipös. Zusätzlich zu diesem Wert müssen jedoch andere Faktoren berücksichtigt werden. Die Frage nach der konkreten Verteilung der Fetteinlagerungen spielt beispielsweise eine wichtige Rolle. Der sogenannte Apfeltyp, bei dem sich das Körperfett verstärkt am Bauch und in der Taillenregion befindet, gilt gesundheitlich bedenklicher als der Birnentyp. Dabei konzentriert sich die Fettverteilung eher auf Oberschenkel, Gesäß und Hüften. Natürlich gilt es auch hier, das Übergewicht im Blick zu halten. Empfehlungen zufolge sollte der Bauchumfang bei Männern nicht mehr als 102 cm und bei Frauen nicht mehr als 88 cm betragen. Auch in Bezug auf das Verteilungsmuster gibt es eine mathematische Formel, mit deren Hilfe eine Risikoeinschätzung vorgenommen werden kann: Bei dem sogenannten Taille-Hüft-Quotienten wird der Taillenumfang durch den Hüftumfang geteilt, beide Werte sollen dabei in Zenti-metern gemessen werden. Je höher der Wert, desto krankhafter ist das Übergewicht. Bei Frauen liegt die Grenze ungefähr bei 0,85 und bei Männern um 0,9.

Risiken und Folgeerkrankungen

Bei mehreren Erkrankungen gilt Adipositas als deutlicher Risikofaktor. Neben Diabetes vom Typ 2 und Gelenkschäden gehören Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufgrund eines gestörten Fettstoffwechsels dazu. Ein Typ-2-Diabetes bei Übergewichtigen entsteht dadurch, dass nach und nach die Wirkung des ausgeschütteten Insulins abnimmt. Die Bauspeicheldrüse produziert dieses Hormon, um Zucker in Körperenergie umzuwandeln. Bei einem Übermaß an Zucker und herabgesetzter Wirkung des Hormons wird immer mehr Insulin ausgeschüttet und die Drüse damit im Grunde überfordert. Es kommt so zu einem Mangel an Insulin. Später kann es sogar zum völligen Versagen der Bauchspeicheldrüse kommen. Für die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Adipositas gelten Bluthochdruck und eine sogenannte Plaque-Bildung in den -Arterien als verantwortlich. Zu hoher Blutdruck entsteht bei Personen mit übermäßigem Körpergewicht durch verschiedene Mechanismen, die zusammenkommen: Es muss mehr Gewebe mit Blut versorgt werden, wodurch das Herz mehr pumpt und die Adern belastet werden. Die Menge an Blut ist dabei höher als bei Normalgewichtigen. Des Weiteren entstehen durch starkes Übergewicht mit viel Bauchfett (Apfeltyp) Entzündungen im Körper, die Ablagerungen an den Wänden der Gefäße zur Folge haben. Auch der Salzkonsum, der Bluthochdruck begünstigt, scheint bei Übergewicht eine größere Rolle zu spielen, da Adipöse salzempfindlicher sind. Es wird außerdem davon ausgegangen, dass zusätzliche Plaque-Ablagerungen in den Adern durch erhöhte LDL-Cholesterinwerte entstehen, was bei starkem Übergewicht vermehrt auftreten kann. 

Adipositas kann sich auch negativ auf bestimmte Organe wie die Leber (Fettleber) auswirken. Des Weiteren scheint auch das Risiko, an bestimmten Krebsarten wie Brust- und Darmkrebs zu erkranken, für stark Übergewichtige erhöht zu sein. Psychosoziale Beeinträchtigungen sind bei Adipösen ebenso weit verbreitet. Sie können zum Teil jedoch gleichzeitig als Ursache und als Folge betrachtet werden. Minderwertigkeitsgefühle, die auch durch Ausgrenzung in der Gesellschaft ausgelöst werden können, verursachen häufig, dass die Betroffenen (noch) weniger aktiv werden und (noch) mehr Nahrung zu sich nehmen. In manchen Fällen kann eine Adipositas aufgrund der damit einhergehenden Einschränkungen und Erkrankungen auch zur dauerhaften Arbeitsunfähigkeit führen und somit einen sozialen Rückzug noch weiter begünstigen.

Gewicht reduzieren, gesünder leben

Adipositas muss kein Damoklesschwert sein. Selbst wenn es bereits zu Folge-erkrankungen gekommen ist, können diese gelindert oder geheilt werden, wenn es gelingt, das Übergewicht ausreichend zu reduzieren. Dies ist z. B. bei einem Diabetes der Fall, wenn die Bauchspeicheldrüse noch funktionstüchtig ist. Idealerweise sollte die Gewichtsreduzierung mit medizinischer Begleitung, z. B. in Schulungen oder in speziellen Programmen, durchgeführt werden. Immer sollten dabei auch die individuell verschiedenen Ursachen der Adipositas bei den jeweiligen Betroffenen mitberücksichtigt werden. Das Abnehmen, das durchaus eine hohe und häufig lebenslange Herausforderung für die Betroffenen ist, sollte moderat und mit einer gezielten Strategie erfolgen. Eine dauerhaft gesunde Ernährung mit viel Bewegung steht dabei im Vordergrund. Hinsichtlich der Ernährungsweise mit dem Ziel der Gewichtsreduktion gibt es immer wieder neue Diäten. Beispielsweise traten in den letzten Jahren Ernährungsweisen in den Fokus, bei denen mehr Eiweiß konsumiert werden sollte, bei gleichzeitiger Reduktion der Kohlenhydratmenge. Gesicherte Empfehlungen diesbezüglich gibt es derzeit aber nicht. In der Regel ist es wichtig, möglichst auf Lebensmittel mit gesättigten Fettsäuren zu verzichten und sich ballaststoffreich zu ernähren.

Führen eine angepasste Ernährung und Sport nicht zu dem gewünschten Ziel, kann es für manche Betroffene infrage kommen, sich einer sogenannten bariatrischen Operation zu unterziehen. Darunter werden chirurgische Eingriffe verstanden, durch welche die Nahrungsaufnahme bzw. -verwertung im Körper verändert wird. Dazu zählen Magenband, Magenbypass oder eine Magenverkleinerung. Insbesondere letztere zwei Maßnahmen stellen unumkehrbare Eingriffe dar, deren Konsequenzen gut durchdacht werden müssen. 

von Stefanie Zerres

aus ORTHOpress 3/18

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