Schmerzatlas Füße

VonKlaus Bingler

Schmerzatlas Füße

Schmerzende Füße sind vermutlich eine Zivilisationskrankheit – im Prinzip erst bekannt, seit die Menschen nicht mehr barfuß, sondern in Schuhen laufen. Interessanterweise hat die Erfindung des schützenden Schuhwerks dabei nicht dazu geführt, dass eine größere Wegstrecke zurückgelegt wurde – im Gegenteil. Legte der Steinzeitmensch im Schnitt noch gut 17 Kilometer am Tag zurück, so ist es heute mit Ach und Krach noch ein einziger. Parallel zu dieser Entwicklung haben sich Vor- und Rückfußerkrankungen entwickelt, die nach Expertenmeinung nicht sein müssten.

Die mangelnde Bewegung ist dabei ursächlich für die beiden Hauptverursacher von Fußproblemen: Zum einen wird die so wichtige Fußmuskulatur nicht mehr trainiert, zum anderen führt ein steigendes Körpergewicht zu einer erhöhten Belastung der empfindlichen Fußgewölbe. Es kommt zu Schmerzen, Fehlstellungen und oft auch Verschleißerscheinungen, die unter Umständen jeden Schritt zur Qual werden lassen können.

Vorfußschmerzen

Am häufigsten von Erkrankungen und Schmerzen betroffen ist der Vorfuß, so wird der Teil des Fußes genannt, der durch die Zehenknochen und ihre Gelenke gebildet wird. Der Vorfuß ist besonders beweglich; seine Stabilität erhält er durch die gewölbeartige Aufspannung eines Weichteilmantels aus Muskeln, Sehnen und Faszien. Wird dieser überlastet, so entstehen funktionelle Beeinträchtigungen, die schnell Schmerzen nach sich ziehen.

Senk- / Spreizfuß

Hierbei weichen die Knochen des Mittelfußes auseinander, was eine Verbreiterung des Vorfußes bewirkt. Gleichzeitig senkt sich das Fußgewölbe ab, sodass es zu Schmerzen an den mittleren Zehen und der Fußunterseite kommt. Betroffene stellen oft als Erstes fest, dass aufgrund des breiter werdenden Vorfußes die Schuhe nicht mehr passen und es zu Schwielen und Druckstellen kommt. Der Spreizfuß ist die häufigste Indikation für orthopädische Schuheinlagen, welche das verloren gegangene Fußgewölbe nachbilden und so für eine Druckentlastung und statische Verbesserung sorgen.

Hallux valgus

Besonders bei Frauen kommt es oft zur Verlagerung der Großzehe, wodurch sich das erste Mittelfußköpfchen unschön aus seiner Position herausdreht und den sich im Schuh abzeichnenden und häufig sichtbar gereizten Ballen bildet. Schuld daran sind neben einer genetischen Veranlagung oft zu enge, spitze und hohe Schuhe, die den Fuß regelrecht in die unphysiologische Form pressen. Durch die Fehlstellung der Großzehe kommt es darüber hinaus zu einer Überlastung der benachbarten Mittelfußköpfchen, die sehr schmerzhaft sein kann. Je nach Ausprägung der Fehlstellung können Halluxschienen und weichbettende Sohlen helfen, im fortgeschrittenen Stadium führt jedoch meist kein Weg an einer Operation vorbei, bei der in einem Knochen- und Weichteileingriff die natürliche Abrollfunktion wiederhergestellt wird. 

Großzehengrundgelenksarthrose

Bei der Großzehengrundgelenksarthrose steift die Großzehe durch eine überschießende Knochenwucherung ein. Der Begriff für die starr zur Seite abstehende Zehe (Hallux rigidus) wird daher synonym für die Erkrankung verwendet. Ein Hallux rigidus kann z. B. aus einem Hallux valgus entstehen. Betroffene leiden meist darunter, kein normales Schuhwerk mehr tragen zu können. Die Operation mit Wegnahme des zerstörten Gelenks und anschließender Versteifung in einer optimierten Position ist daher heute die häufigste Behandlungsmethode. Umstritten ist nach wie vor der prothetische Ersatz des eingesteiften Gelenks, dessen Ergebnisse in der Vergangenheit nicht immer überzeugen konnten.

Morton-Neuralgie

Kommt es zu einer Kompression der Interdigitalnerven zwischen den Mittelfußköpfchen, so kann daraus eine Morton-Neuralgie resultieren. Durch die ständige Reizung entstehen Verdickungen an den Nervenenden und eine chronische Schleimbeutelentzündung zwischen den Mittelfußknochen. Abhilfe können Spezialeinlagen und Anspritzungen mit Lokalanästhetika schaffen; in therapieresistenten Fällen können die schmerzenden Nervveränderungen chirurgisch entfernt werden. 

Rückfußbeschwerden

Als besonders unangenehm gelten auch Rückfußbeschwerden, da sie im Alltag der Betroffenen oft als noch belastender empfunden werden als Vorfußerkrankungen. Wenn Weichbettungen und Einlagen nicht den gewünschten Erfolg bringen, kann versucht werden, mit einer Operation die Verhältnisse zu verbessern und die Schmerzen zu beseitigen.

Der Fersensporn

Als Fersensporn bezeichnet man eine Verknöcherung des Ansatzes der Plantarfaszie, des Gewebes unter dem Fuß, welches das Fußgewölbe aufspannt. Die Verknöcherung entsteht durch eine Kalkeinlagerung, welche eigentlich eine Reaktion des Körpers auf eine andauernde Überbelastung darstellt. Der Schmerz entsteht dann häufig durch die von selbst nicht mehr vollständig abklingende entzündliche Reizung des Sehnenstrangs. Typisch ist ein stechender Schmerz im hinteren Sohlenbereich, der besonders morgens früh nach dem Aufstehen die ersten Schritte begleitet. Meist sind die Betroffenen Frauen oder Männer im mittleren Alter. Das liegt daran, dass die stoßdämpfend wirkenden Fettkammern unter der Plantarfaszie mit den Jahren schrumpfen und so Stöße und Belastungen nicht mehr so gut abgefedert werden können. Auch Fußfehlstellungen und falsches Schuhwerk können Fersenschmerz begünstigen. Typischerweise wird man zunächst versuchen, die Beschwerden mithilfe von Schmerzmitteln und besonders gepolsterten Einlagen zu lindern. Nur in schweren Fällen operiert man einen Fersensporn. Dies hängt damit zusammen, dass es sich um einen relativ komplizierten und nicht unbedingt immer erfolgversprechenden Eingriff handelt, bei dem die Plantaraponeurose durchtrennt und die Verknöcherung abgetragen wird. Auch mit der Stoßwellentherapie wurden teils gute Erfahrungen gemacht.

Die Haglund-Ferse

Finden sich am oberen, meistens seitlichen Bereich des Fersenbeins Rötungen und Schwielenbildung, handelt es sich vermutlich nicht um einen Fersensporn, sondern um eine sogenannte Haglund-Ferse. Dabei ist nicht eine knöcherne Ausziehung schmerzhaft, sondern eine Verdickung der Achillessehne selbst. Ursachen sind neben genetischer Veranlagung falsches Schuhwerk und Leistungssport – meist sind es Ballsportarten, die durch viel Beinarbeit und die hohe Belastung durch das plötzliche Abstoppen zu schlecht heilenden Mikrotraumen führen. Die Behandlung erfolgt ähnlich wie beim Fersensporn. Kann eine Linderung nicht auf konservativem Weg erzielt werden, so wird die Sehne längs gespalten und das überschüssige Gewebe ausgeräumt. Nur selten muss die Sehne ganz vom Fersenansatz gelöst werden. 

Morbus Ledderhose

Bei der seltenen Erkrankung entstehen aus ungeklärter Ursache narbige Knötchen in der Plantaraponeurose, welche die Elastizität der Fußsohle einschränken und zu erheblichen Beschwerden (meist am Fußinnenrand) führen. Verwandte Krankheiten sind der Morbus Dupuytren an der Hand sowie die Peyronie-Krankheit (auch Induratio Penis plastica, IPP). Eine ursächliche Behandlung ist nicht möglich, jedoch können die belastungsabhängigen Schmerzen durch geeignetes Schuhwerk minimiert werden. Eine komplette operative Entfernung der Aponeurose wird am Fuß meist nicht vorgenommen, da die stoßdämpfende Wirkung des Fettkörpers hier von großer Wichtigkeit ist und der Eingriff durch das enge Beieinanderliegen von Muskeln, Sehnen und Nerven ein hohes Operationsrisiko bedeutet. Meist werden nur einzelne verhärtete Knoten entfernt, daher treten allerdings häufig (bis zu 85 Prozent) Rezidive auf.

von Arne Wondracek

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