Füße zum Verlieben

VonMalte van den Berg

Füße zum Verlieben

Wir leben auf freiem Fuß, doch sperren wir unsere Füße meistens ein. Verstecken sie in der Dunkelheit, in Socken, Nylonstrümpfen und engen Schuhen, trampeln mit dem bis zu siebenfachem Gewicht des Körpers auf ihnen herum und wundern uns, wenn sie schwitzen, schmerzen und uns mit Hornhäuten, Hühneraugen und eingewachsenen Nägeln quälen. Doch das haben unsere Füße nicht verdient. Denn sie sind eine technische Meisterleistung der Natur: Ein Fuß besteht aus 26 Knochen, 31 Gelenken, 29 Muskeln, 50 Bändern und rund 500 Venen, Adern, Kapillaren und noch einmal so vielen Nervenenden.

Ein Leben lang müssen sie uns tragen: die Füße. Das ganze Körpergewicht lastet tagtäglich auf ihnen, sie federn die Erschütterungen beim Gehen ab, halten uns im Gleichgewicht, gleichen Unebenheiten des Untergrunds aus und können Gegenstände fassen, wenn wir sie ins Freie lassen. Von den insgesamt 208 Knochen des menschlichen Skeletts befinden sich 56 Knochen an den Füßen, also gut ein Drittel der menschlichen Knochen. Die Füße sind so gebaut, dass zwei Drittel des Körpergewichts auf den Ballen lasten und nur ein Drittel auf der Ferse.

Doch es gibt die verschiedensten Fußformen. Ist die große Zehe die längste Zehe, spricht man in der Medizin von der Fußform „Égyptien“. Der „ägyptische Fuß“ gilt als die häufigste Form, rund 60 Prozent der Menschen haben diese schräg abfallende Linie im Bereich der Zehenspitzen. Als „Carré“ wird der Fuß bezeichnet, dessen große Zehe und die danebenliebende zweite Zehe, die „Zeigezehe“, gleich lang sind – als wären die Zehenspitzen auf gleicher Höhe abgeschnitten. Rund ein Viertel der Menschen besitzt diese Fußform. Und wer kennt sie nicht, die freche zweite Zehe, die einfach ein Stück länger ist als die große Zehe. Wenn die zweite Zehe dominant ist, spricht man von einem „Grec“-Fuß. Die „griechische Fußform“ ist bei rund 15 Prozent der Menschen zu finden.

Soweit die Füße sagen

Als Spiegel des Körpers gelten die Füße auch in der Fußreflexzonenmassage. Naturheilkundler stützen sich darauf, dass nicht nur mehr als 1000 Nerven im Fuß enden, sondern dass alle Organe im menschlichen Körper über die Fußsohlen beeinflusst werden können. In China seit Jahrtausenden praktiziert, nahm die Idee im Western der amerikanische HNO-Arzt William Fitzgerald auf, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts angeblich alte indianische Massagetechniken aufgriff und weiterentwickelte. Demnach entspricht jedem Teil des Organismus eine Hautzone am Fuß. Das heißt: Der Fuß ist eine Landkarte des Körpers, ein Spiegel des Körpers. Der Druckpunkt für das Gehirn liegt beispielsweise am großen Zeh, Druck am Ballen beeinflusst Schilddrüse und Herz und an der Ferse befindet sich das Areal für Steißbein und Ischias. Ist die Funktion eines Organs im menschlichen Körper gestört, spiegelt sich dies in der entsprechenden Zone am Fuß wieder. Gezielte Massage am Fuß kann nach Auffassung von Reflextherapeuten Schmerzen lindern, das Immunsystem stärken oder auch Schwitzen auslösen. Als sanfte Heilmethode ohne Nebenwirkungen ist die Fußreflexzonenmassage in den vergangenen Jahren in Mode gekommen.

Athlete`s Foot

Von der alternativen Medizin zurück zur Schulmedizin, der die Füße sehr viel Kummer bereiten. Nach Schätzungen der Bundesärztekammer in Köln hat jeder zweite Bürger Probleme mit seinen Füßen, die Deutschen seien ein Volk von Fußkranken klagen die Mediziner. Knick-, Hohl-, Platt-, oder Spreizfuß lauten die häufigsten Fußerkrankungen. Die Folgen heißen Hallux rigidus, Abnützung oder Deformierung im Großzehengrundgelenk, das oft bei ausgeprägtem „ägyptischen Fuß“ (der mit der wahrhaft großen Zehe) vorkommt. Oder Hallux valgus, häufig Folge eines Spreizfußes; zu erkennen an dem wie ein Überbein herausstehendem Grundgelenk der großen Zehe.

Doch damit nicht genug der Fußleiden. Ein vernachlässigter Fuß kann sich noch so einiges an Bösartigkeiten einfallen lassen: Hornhaut, Hühneraugen, eingewachsene Nägel, Fußpilz  und Nagelpilz. Fuß- und Nagelpilze gelten als besonders lästige Eindringlinge, sie lauern in öffentlichen Bädern, Saunen, Duschen, Umkleiden und Hotelzimmern. Schätzungen von Dermatologen gehen davon aus, dass bis zu 75 Prozent der Bevölkerung irgendwann im Leben von Fuß- oder Nagelpilz befallen werden. Viele Sportler kennen die Gefahr von Pilzsporen, im amerikanischen Sprachraum spricht man gar vom „Athlete`s Foot“ – Fußpilzinfektion. Dringen die Pilzsporen oder Pilzfäden in verletztes Gewebe ein, nisten sie sich in der obersten Hautschicht ein, meist in den kleinen feuchten Höhlen in den Zehenzwischenräumen, breiten sich schnell in alle Richtungen aus. Nun heißt es schnell eine Lokaltherapie machen, mit so genannten Antimykotika, pilztötenden Mitteln wie Cremes oder Lösungen.

Denn wenn der lästige Pilz auf Zehennägel überspringt, dann wird die Behandlung schwieriger und langwieriger: Oftmals muss neben der Lokaltherapie auch ein orales Mittel eingenommen oder antimykotischer Nagellack aufgetragen werden. Deshalb lieber vorbeugen: Füße täglich waschen, Zehenzwischenräume gut trocknen und auch in öffentlichen Duschen und Bädern Badeschlappen tragen.

Zeigt her eure Füße

Aber eigentlich wollten wir unsere Füße ja nicht dauernd in irgendeiner Art von  Bekleidung verstecken. Ihnen auch einmal „Frei-Zeit“ geben. Barfuß laufen, die Zehen genussvoll im Sand graben lassen oder in die Sonne strecken. Das macht natürlich nur Spaß mit gesunden und gepflegten Füßen. Nicht nur die Fetisch-Welt lasst sich von der Attraktivität gepflegter Füße faszinieren, sondern auch die Welt der Mode. Füße sind Schmuckstücke: Lederbänder, Schmuckbänder und Fußkettchen zieren nicht nur die Fußgelenke von Frauen. Auch Tattoos, egal ob permanente Tattoos oder temporäre Abziehtattos schmücken Fesseln, Knöchel, Fußoberflächen und Zehen. Wie auch Nagellacke: Die Farbpalette reicht heutzutage von Dunkel- und Himmelblau über Nougatbraun bis hin zu Weiß, Gold, Silber und allen erdenklichen Glitzertönen. Manche Frauen machen sich sogar die Mühe und tupfen mit der Spitze der Nagelfeile feine, bunte Muster auf ihre Zehennägel.

Und je höher die Absätze der Sandalen werden, desto mehr Blick ziehen die Frauenfüße auf sich. Und wer weiß schon genau, was unter deutschen Tischen passiert. Verliebte streifen heimlich ihren Schuh ab, streichen sanft mit den Zehen am Bein des Partners entlang – knisternde Erotik. Zärtliche Zuwendungen, Streicheln und Massieren der Füße, empfinden alle Menschen als angenehm – auch wenn sie kitzelig sind. Der Mediziner Professor Ramachandran geht davon aus, dass diejenigen Bereiche der Großhirnrinde, die die sensorische Information von unseren Füßen entgegennehmen und verarbeiten, in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Bereichen liegen, die für unsere Genitalien zuständig sind. Durch Stimulierung einer der beiden Bereiche könnten auch Empfindungen im benachbarten Bereich wahrgenommen werden – je nach Empfindsamkeit. Füße sind also doch nicht nur Gehwerkzeuge, sondern auch Reizübermittler, wovon auch die Fußreflexzonenmassage ausgeht. Also: Fuß fassen! Füße massieren, Verspannungen lösen, Durchblutung verbessern. Das funktioniert auch mit einem Igelball, den unter dem Fuß hin- und hergerollt wird. Oder mit einem Duftöl Zehen, Ballen und Ferse durchkneten. Die natürlichste Massage ist jedoch das Barfuß laufen auf federndem Untergrund wie im Gras oder im Sand – soweit die Füße tragen.

 

aus ORTHOpress 2/2002

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