Körpereigener Wirkstoff lässt Bandscheibenvorfall schrumpfen

Mit Interleukin-Antagonisten den Druck vom Nerv nehmen

Die menschliche Wirbelsäule hat als zentrale Achse des Körpers nicht nur statische Aufgaben. Sie dient auch als Schutzhülle für das Rückenmark und die daraus abgehenden Nerven. Diese empfindlichen Strukturen liegen – eingehüllt in die Rückenmarkshaut – im Wirbelkanal, der aus den Wirbelkörpern und den Wirbelbögen gebildet wird. In jedem Wirbelkörpersegment treten Nervenwurzeln aus dem Rückenmark aus, um Arme, Beine und Rumpf mit Nerven und damit mit Gefühl und Kraft zu versorgen. Die Wirbelsäule ist aber kein starres Rohr, sondern die einzelnen Wirbelkörpern sind über die Bandscheiben und die kleinen Wirbelgelenke beweglich miteinander verbunden.

Durch die aufrechte Haltung des Menschen ist die Wirbelsäule nun nicht unerheblichen Belastungen ausgesetzt, die sich besonders gerne an den elastischen Bandscheiben bemerkbar machen. Das Gewebe der Bandscheiben kann verschleißen, d.h. der äußere Faserring wird rissig. Dadurch kann der gallertartige Kern der Bandscheibe nicht mehr an Ort und Stelle gehalten werden, er rutscht aus seinem Fach heraus in Richtung Rückenmarkskanal. Trifft er dort auf den an dieser Stelle austretenden Nerven, wird dieser gedrückt. Die Folge: Schmerzen und eventuell Gefühlsstörungen im Versorgungsgebiet des Nerven.

Früher galt beim Bandscheibenvorfall: Entweder Cortison oder Operation

Noch vor wenigen Jahren war man bei so einem Bandscheibenvorfall sehr schnell mit einer Operation bei der Hand. Die Erfolge waren aber nicht besonders ermutigend, viele Patienten hatten nach einer Operation genauso viel oder sogar noch mehr Schmerzen wie vor dem Eingriff. „Heute versucht man, verschiedene Therapiemöglichkeiten in geeigneten Kombinationen einzusetzen, um Wirbelsäulenerkrankungen zu heilen oder Beschwerden zu lindern“, erklärt der Stuttgarter Orthopäde Dr. Christian Mauch. „Die Behandlung zielt vorrangig darauf ab, den Bandscheibenvorfall zu verkleinern und den physiologischen Zustand der Wirbelsäule dauerhaft zu verbessern. Hierbei ist die operative Entfernung des Bandscheibenvorfalls erst die letzte Lösung, wenn andere Maßnahmen nicht greifen sollten.“

Früher setzte man beim Bandscheibenvorfall unspezifische schmerzstillende Mittel und vor allem Cortison ein. Cortison hat zwar eine hervorragende entzündungshemmende Wirkung, aber auch schwerwiegende Nebenwirkungen, so dass der Einsatz nicht unbegrenzt möglich ist.

Intensive Forschung erhellt die Vorgänge bei Entzündungen

In den letzten Jahren hat nun die Forschung auf dem Gebiet der Entzündungsforschung enorme Fortschritte gemacht. Inzwischen ist es gelungen, die Stoffe, die eine Entzündung im Körper verursachen und Schmerzen unterhalten, genau zu identifizieren. Dieses Schlüsselenzym für Entzündungen und Schwellungen, das Zytokin oder Interleukin-1, ist aber nicht nur bekannt, man kann inzwischen auch seinen natürlichen Gegenspieler, den so genannten Interleukin-1-Rezeptor-Antagonisten (z.B. Orthokin), herstellen und therapeutisch einsetzen. Normalerweise befinden sich die beiden Immunstoffe in unserem Körper in einem ausbalancierten Gleichgewicht. Bei einer Entzündung kann aber der Interleukin-1-Rezeptor-Antagonist das Zytokin nicht mehr in Schach halten und Schwellung und Schmerzen treten auf. Durch die neue Therapie ist es nun möglich geworden, die Zahl der Zytokin-Antagonisten wirksam für längere Zeit zu erhöhen. Der große Vorteil ist zudem, dass die Produktion aus dem Blut der Patienten erfolgt, so dass keinerlei allergische Nebenwirkungen zu erwarten sind.

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Dr. Mauch beschreibt das Vorgehen: „Dem Patienten wird mit einer Spezialspritze Blut aus einer Armvene entnommen. Das Innere dieser Spritze ist so beschichtet, dass die im Blut enthaltenen Immunzellen zur Produktion des Interleukin-1-Rezeptor-Antagonisten angeregt werden. In einem Speziallabor erfolgt dann die Aufarbeitung des Serums mit Anreicherung des benötigten Stoffes. In kleine Portionen aufgeteilt, wird es dann den Patienten gezielt an die erkrankten Gelenke oder die vorgefallenen Bandscheiben gespritzt.“

Die Injektion erfolgt CT-gesteuert

Die Einspritzung des Immunstoffes an die prolabierten Bandscheiben kann natürlich nicht so ohne weiteres erfolgen. Wegen der komplizierten Anatomie und der Nähe zum Rückenmark ist während der Injektion eine sorgfältige Kontrolle und Beobachtung über Computer-Tomographie erforderlich. Ganz klar lassen sich so Wirbelsäule, Rückenmark und Nervenwurzeln darstellen. Bei der gesunden Wirbelsäule sind diese Strukturen deutlich von der Bandscheibe getrennt. Beim Bandscheibenvorfall aber drückt der Gallertkern der Bandscheibe auf die Nervenwurzel; das umliegende Gewebe ist geschwollen und in Mitleidenschaft gezogen.

„Unter Computertomogramm-Kontrolle kann die haarfeine Nadel exakt in den Bandscheibenvorfall eingebracht werden. Das Orthokin wird injiziert und führt zum Abschwellen des Bandscheibenvorfalls von der Größe einer Traube auf etwa Rosinengröße. Gleichzeitig wird der Nerv vorübergehend betäubt und die vor Ort liegenden Schmerz- und Entzündungsstoffe werden weggespült. Weil die verwendete Nadel so fein ist, besteht keine Gefahr, empfindliche Strukturen in der Umgebung der Bandscheibe langfristig zu schädigen. Außerdem wird während der Injektion ständig die Lage der Nadel im CT kontrolliert, so dass ein Verletzungsrisiko so gut wie ausgeschlossen ist“, erklärt Dr. Mauch.

Die neue Therapie – erfolgreich und nebenwirkungsarm

Auch wenn die Patienten häufig schon nach der ersten Spritze eine deutliche Schmerzlinderung verspüren, sind für den vollen Therapieerfolg doch mehrere Anwendungen – in der Regel zwischen drei und fünf – erforderlich. Je nach Beschwerdebild, Ausmaß des Vorfalls und eintretendem Erfolg werden Zeitpunkt und Häufigkeit der Injektionen individuell angepasst.

Die Behandlung mit Orthokin ist ein neues therapeutisches Verfahren, das in den letzten Jahren bei immer mehr Patienten eingesetzt worden ist. Vor allem Patienten, die sich vor einem größeren Eingriff fürchten, profitieren von dieser nebenwirkungsarmen und sicheren Therapie. Die Erfolgsquote schwankt zwischen 70 und 80 Prozent und braucht damit den Vergleich mit anderen Behandlungen nicht zu scheuen.

 

aus ORTHOpress 04|2002
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