Extrakorporale Stoßwellentherapie

Mehr als die letzte Alternative vor der Operation bei Schulter- und Ellbogenerkrankungen

Stoßwellen — wer denkt da nicht zuerst an Überschallflugzeuge oder Silvesterknaller — werden seit vielen Jahren bei der Behandlung von Gallenblasen- und Nierensteinen eingesetzt. Seit nun auch schon fast zehn Jahren sind sie aus der Therapie orthopädischer Erkrankungen, besonders der von gelenknahen Weichteilveränderungen, nicht mehr weg zu denken.

Doch was sind eigentlich Stoßwellen? Stoßwellen sind Schallwellen, die gekennzeichnet sind durch kurze, druckstarke Impulse mit schnellem Druckanstieg und hoher Energie. Ausbreitung, Geschwindigkeit und Reichweite der Stoßwellen hängen von der Dichte der Materie ab, in der sie sich ausbreiten. Durch ihre Energie können sie Atome oder auch größere Materieteilchen in Schwingung versetzen. Energie wird besonders dann freigesetzt, wenn die Wellen an die Grenzen von unterschiedlich dichtem Gewebe stoßen, wie es z.B. zwischen Geweben mit hohem Flüssigkeitsanteil wie Muskeln, Fett- und Bindegewebe und eher festen Strukturen wie Knochen oder Kalk der Fall ist. Durch den Einfluss der Stoßwellen kommt es in den Geweben zu einer Strukturänderung, Verkalkungen werden gelöst und die Geweberegeneration wird angeregt.

Weil die Stoßwellen außerhalb des menschlichen Körpers erzeugt werden, nennt man das Verfahren auch Extrakorporale Stoßwellentherapie (ESWT). Für die Zertrümmerung von Nieren- oder Gallensteinen sind dabei relativ hohe Energiedosen erforderlich. Die Energiemengen, die für die typischen orthopädischen Indikationen verwendet werden, liegen bis zum Faktor 10 niedriger. Das spiegelt sich auch in der Gerätegröße wider. Während die Geräte zur Stoßwellenerzeugung für die Steinzertrümmerung fast Raumgröße haben, konnten die Geräte für die Stoßwellenerzeugung bei orthopädischen Indikationen auf ein handliches Maß reduziert werden.

Impingement und Tendinosis calcarea — typische Indikationen für Stoßwellen

Eine inzwischen schon klassische Anwendung für die ESWT sind schmerzhafte Schulterveränderungen. Beim Schulter-Enge-Syndrom, auch Impingement-Syndrom genannt, ist der Raum unter dem Schulterdach verengt. Dadurch sind die dort verlaufenden Sehnen einem erhöhten Verschleiß ausgesetzt. Zudem kommen oft noch entzündliche Veränderungen hinzu. Durch die damit einhergehende Schwellung werden die Enge in dem Sehnenkanal und damit die Schmerzen noch weiter verstärkt. Anfangs treten Schmerzen nur auf, wenn der Arm seitlich abgespreizt oder über den Kopf geführt wird. In weiter fortgeschrittenen Stadien besteht aber auch ein Ruheschmerz, der besonders nachts sehr quälend sein kann. Die Patienten wissen oft nicht, wie sie noch liegen sollen, zumindest auf der betroffenen Seite geht das meist gar nicht mehr.

Bei der Tendinosis calcarea oder kurz Kalkschulter liegen — röntgenologisch nachweisbar — Kalkdepots in den Ansätzen der Schultersehnen. Auch bei dieser Veränderung können Schmerzen den Betroffenen das Leben zur Qual machen. Die Gefahr bei schmerzhaften Schultererkrankungen ist immer, dass es durch die schmerzbedingte Schonhaltung zu einer Bewegungseinschränkung im Schultergelenk kommt, die bis zu einer Schultersteife führen kann. Es gibt vielerlei konservative Ansätze, den Betroffenen die Schmerzen zu nehmen. Leider führen die Bemühungen nicht immer zum gewünschten Ziel und eine Operation scheint unausweichlich zu sein.

„Diesen Patienten kann häufig mit der ESWT geholfen werden“, weiß der Hamburger Orthopäde Dr. Georg Dahmen, der seit vielen Jahren Patienten mit Stoßwellen behandelt. „Auch wenn die Wirkungsweise noch nicht bis ins Letzte geklärt ist — verschiedene Theorien werden diskutiert — haben wissenschaftliche Studien ergeben, dass 60 bis 80 Prozent der Behandelten deutlich von der Stoßwellentherapie profitieren. Damit liegt die Erfolgsquote etwa so hoch wie bei der Operation, aber ohne deren Nachteile und Risiken. Die außerordentlich guten Ergebnisse der ESWT sind umso erstaunlicher, als von den Gesetzlichen und einigen Privaten Krankenkassen vor einer Kostenübernahme eine mindestens über drei Monate gehende erfolglose Vorbehandlung mit anderen Therapien gefordert wird.“

Tennis und Golf — nicht nur auf dem Rasenplatz

Aus seiner täglichen Praxis weiß Dr. Dahmen, dass schmerzhafte Veränderungen im Bereich der Sehnenansätze am Ellbogen besonders häufig sind. „Schmerzen die Sehnen an der Außenseite des Ellbogen, spricht man von einem Tennisarm. Das auf der Innenseite des Ellbogen auftretende Schmerzbild bezeichnet man als Golferarm. Dabei standen für die Namensgebung zwar die bekannten Sportarten Pate, doch können die in den Ober- und Unterarm ausstrahlenden Schmerzen am Ellbogen jede und jeden befallen. Ursache ist meist eine starke und einseitige Beanspruchung der Finger- und Handmuskeln. Aber auch ohne ersichtlichen Grund — sozusagen aus heiterem Himmel — können die Schmerzen und das typischerweise damit verbundene Schwächegefühl in der Hand auftreten. Betroffenen wird fast jeder Handgriff zur Qual, oft können sie nicht einmal mehr eine Tasse Kaffee zum Mund führen.“

Nicht in allen Fällen kann mit Schonung und schmerzstillenden Medikamenten eine Chronifizierung verhindert werden, so dass auch in diesen Fällen den Patienten nach einer gewissen Leidenszeit oftmals eine Operation empfohlen wird. Bevor man sich allerdings zu dieser radikalen Maßnahme entscheidet — deren positiver Ausgang ja auch nicht garantiert werden kann — sollte man alle konservativen Behandlungsmöglichkeiten ausschöpfen – dazu gehört auch eine Therapie mit Stoßwellen.

Wie erfolgt eine Stoßwellenbehandlung?

„Nach einer genauen Diagnostik, zu der neben der Untersuchung auch ein Röntgenbild gehört, um eventuelle andere Erkrankungen auszuschließen, wird die erkrankte Stelle mit einem im Stoßwellengerät befindlichen Ultraschallkopf genau lokalisiert. Der Stoßwellenkopf wird unmittelbar darüber aufgesetzt, so dass der Krankheitsherd im Brennpunkt der Wellen liegt. Über den Ultraschallmonitor kann die genaue Position der Stoßwelle verfolgt werden“, erklärt Dr. Dahmen. „Ausgelöst werden die Stoßwellen von den Patienten selber, die über das fortlaufende Drücken des Auslösers am Stoßwellengenerator die Impulse steuern können. Pro Sitzung werden so — je nach Indikation und Dauer der Erkrankung — etwa 1.500 bis 3.000 Impulse ausgelöst. Die Therapien erfolgen meistens in wöchentlichen Abständen. In der Regel ist spätestens nach fünf Behandlungen ein deutlicher Schmerzrückgang zu verzeichnen.“

Manchmal kommt es nach der ersten Sitzung zu einer vorübergehenden gesteigerten Schmerzhaftigkeit, der dann aber in den allermeisten Fällen eine deutliche Verringerung folgt. Langzeitschäden sind bisher in zwanzig Jahren Stoßwellentherapie nicht bekannt geworden. Nebenwirkungen sind außer einer kurzfristigen Hautrötung und – bei empfindlicher Haut — manchmal kleinen punktförmigen Blutergüssen trotz der inzwischen millionenfachen Anwendung keine bekannt. Ausschlusskriterien für eine Stoßwellentherapie sind akute, eitrige Entzündungen im Behandlungsgebiet und — aus reiner Vorsicht — eine Schwangerschaft. Dr. Dahmen: „Die ESWT hat sich als vorzügliche Methode zur risikoarmen Behandlung von punktförmigen Weichteilschmerzen des Bewegungs- und Haltungsapparates bewiesen, die auch bei Zusatzerkrankungen wie Herz- Kreislauferkrankungen oder Diabetes ohne Probleme zum Wohle der Patienten eingesetzt werden kann.“

 

aus ORTHOpress 03|2002

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