Bandscheibe – Stoßdämpfer unserer Wirbelsäule

VonStefanie Zerres

Bandscheibe – Stoßdämpfer unserer Wirbelsäule

Ohne die flexible Verbindung zwischen unseren Wirbeln wäre unser Rückgrat nicht mehr als der sprichwörtlich verschluckte Besenstiel. Erst die Bandscheiben führen dazu, dass wir uns beugen, zur Seite neigen und den Oberkörper drehen können. Zusätzlich dienen die knorpeligen Scheiben als Puffer, der unser Körpergewicht auf Schritt und Tritt abfedert. 

Doch das ist noch längst nicht alles: Solange sie gesund sind, sorgen die Bandscheiben dafür, dass sich unsere Wirbel in optimaler Entfernung zueinander befinden und die Spannung der Bänder aufrechterhalten wird. So entsteht die bewegliche, aber gleichzeitig federnd-elastische Wirbelsäule als tragendes Element unseres Körpers. 

Ernährung durch Diffusion

Wie der Gelenkknorpel in Hüfte oder Knie müssen auch die Bandscheiben ernährt werden, damit sie ihre Aufgaben ein Leben lang wahrnehmen können. Die Nährstoffe erhalten sie aber nicht wie unsere Organe durch das Blut, sondern durch Diffusion extrazellulärer Flüssigkeit in den äußeren Faserring, der nur in seinen Randbereichen über kleine Blutgefäße verfügt. Im Prinzip funktioniert das wie bei einem Schwamm: In der Nacht saugen sich die Bandscheiben voll und werden prall-elastisch, sodass sie ihre stoßdämpfende Funktion bestmöglich erfüllen können. Zusätzlich nehmen sie aus der sie umgebenden Flüssigkeit Sauerstoff und Mikronährstoffe auf. Dabei verfügen die Bandscheiben allerdings nur über eine geringe Stoffwechselaktivität, sodass Regenerationsprozesse im Vergleich zu durchblutetem Gewebe vergleichsweise lange dauern. 

Abends sind wir bis zu 2,5 cm kleiner

Über Tag wird dann die Bandscheibe durch den auf ihr lastenden Druck regelrecht ausgewrungen. Am Abend hat so jede einzelne Bandscheibe bis zu 1 mm an Höhe eingebüßt, was auf die gesamte Wirbelsäule gesehen einen Größenverlust von gut 2,5 cm ausmacht. Eine regelmäßige Entlastung der Wirbelsäule sorgt dafür, dass dieser Größenverlust wieder ausgeglichen wird. Das kann nicht nur der Nachtschlaf in der Horizontalen sein, sondern auch eine gezielte Streckung der Wirbelsäule, etwa durch eine sogenannte Inversionsbank, mit welcher der Körper in fixierter Haltung kopfüber gekippt werden kann, sodass die Last des Oberkörpers die Wirbel richtiggehend auseinanderzieht.

Dehydrierung und Verschleiß

Im Laufe des Lebens kommt es bei fast jedem Menschen zu einer nachlassenden Funktion der Bandscheiben. Mit den Jahren gelingt es diesen immer weniger, den aufgetretenen Flüssigkeitsverlust während der Nacht auszugleichen – der Kern verliert immer mehr Wasser und damit seine Funktion. In diesem Stadium kann bei einer Kernspinuntersuchung die Degeneration bereits beobachtet werden: Der Bandscheibenkern stellt sich dunkel dar; der Arzt spricht von einer „schwarzen“ Bandscheibe. Nicht selten ist dieser Zustand schon von mehr oder weniger häufig auftretenden Rückenschmerzen begleitet. Dies liegt daran, dass der den Bandscheibenkern umgebende Faserring schlaffer wird und an Höhe und Spannung verliert: Häufig werden seine schräg überkreuzt verlaufenden Fasern so zusammengedrückt, dass sich der Kern an einer Stelle vorwölben kann und auf dahinterliegendes Nervengewebe drückt. Im schlimmsten Fall reißt schließlich an einer Stelle der Faserring – dann treten Teile des Bandscheibenkerns beinahe explosionsartig aus und bedrängen die Nerven. Das ist der Zustand, der als Bandscheibenvorfall bezeichnet wird.

Hilfe zur Selbsthilfe

Viele Menschen werden in dieser Situation sicherlich sofort an eine Operation denken, um eine Linderung der Beschwerden so schnell wie möglich herbeizuführen. Doch das ist nur in den wenigsten Fällen nötig, denn trotz starker Schmerzen bilden sich die meisten Bandscheibenvorfälle innerhalb von Wochen oder Monaten von selbst zurück. Der Körper baut das vorgefallene Bandscheibengewebe ab, und der Faserring vernarbt an der gerissenen Stelle. Obwohl die Bandscheibe durch das ausgetretene Gewebe einen Teil ihrer Funktion für immer verloren hat, kann sie ihre Aufgabe im günstigen Fall noch viele Jahre lang oder sogar bis zum Lebensende erfolgreich weiter wahrnehmen. Gegen die Schmerzen können oft kurzzeitig Injektionen mit Cortison oder Lokalanästhetika helfen. 

Bandscheiben-OP – wann ist sie sinnvoll?

Nur wenn als Folge des Bandscheibenvorfalls neurologische Ausfälle wie Blasen- oder Mastdarmstörungen oder auch eine Fußheberschwäche auftreten, sollte operiert werden. Auch diese Eingriffe haben heute aber kaum noch etwas mit den früher üblichen Operationen gemein, bei denen das komplette Bandscheibenfach ausgeräumt und die Bandscheibe damit ihrer Funktion quasi komplett beraubt wurde: Heute wird in aller Regel nur der vorgefallene Teil der Bandscheibe schonend entfernt, sodass sich der bedrängte Nerv wieder erholen kann.

„Neue Bandscheiben“ – gibt es das?

Dennoch kann es vorkommen, dass die Bandscheibe so stark degeneriert ist, dass ein Erhalt der Wirbelsäulengeometrie und -statik mit einer einfachen entlastenden Operation nicht zu erreichen ist. Dies ist besonders an der Halswirbelsäule häufig der Fall, denn von den knapp fingernagelgroßen Bandscheiben bleibt nach einem Vorfall und der operativen Entfernung kaum etwas übrig. In einem solchen Fall ist es heute möglich, die Bandscheibe durch eine Prothese zu ersetzen. Sie besteht aus einem Kunststoffkissen, welches zwischen zwei Deckplatten aus Titan sitzt. In einem kleinen von vorn durchgeführten Eingriff wird diese Prothese an die Stelle der früheren Bandscheibe gesetzt. So wird nicht nur die Beweglichkeit erhalten, sondern auch die Höhe des Bandscheibenfaches gewährleistet, damit es nicht zu einer Instabilität kommt. Bandscheibenprothesen werden aber natürlich nicht nur an der Halswirbelsäule eingesetzt, sondern auch an der Lendenwirbelsäule – jedoch sind dort aufgrund der höheren Belastung die Ergebnisse deutlich schlechter.

Diskogener Schmerz

Nicht alle Bandscheibenschmerzen sind dadurch bedingt, dass sich die Bandscheibe vorwölbt bzw. Teile des Bandscheibenkerns austreten und auf eine Nervenwurzel oder das Rückenmark drücken. Wahrscheinlich gehen über ein Drittel aller Bandscheibenschmerzen von den Bandscheiben selbst aus, man spricht dann vom diskogenen Schmerz. Ursächlich hierfür sind meist Risse im äußeren Faserring, sogenannte in-tradiskale Rupturen. Man nimmt an, dass sie eine direkte Folge des Flüssigkeitsverlustes der Bandscheibe sind, welche den Faserring anfällig für Beschädigungen durch auftretende Scherbewegungen macht. Es kommt zum Einwachsen kleinster Gefäße und Nerven in die Bandscheibe, sodass diese selbst schmerzempfindlich wird – bei einer gesunden Bandscheibe ist dies nicht möglich. Betroffene klagen über einen ständig vorhandenen tiefen Rückenschmerz, der sich aber je nach Lage oder Bewegung in seiner Intensität ändern kann. Auch körperliche Anspannungen wie das Heben von Lasten oder Vornüberbeugen können den Schmerz verstärken. Das Vorliegen eines solchen rein diskogenen Schmerzes lässt sich durch bestimmte Untersuchungsverfahren diagnostisch sichern, etwa durch das Ausüben von Druck auf die betroffene Bandscheibe oder auch durch eine Provokations-Diskografie. Dabei werden ein Kontrastmittel und ein lokal wirkendes Betäubungsmittel in die Bandscheibe injiziert. Wird durch die Druckerhöhung im Innern der Bandscheibe der typische Schmerz hervorgerufen, so kann eine diskogene Ursache angenommen werden. Das Ausmaß der Degeneration wird dann durch bildgebende Verfahren bestimmt. So kann der disko-gene Schmerz recht sicher von einem Bandscheibenvorfall oder einem Hexenschuss abgegrenzt werden. 

Begrenzung des Bewegungsumfangs

Die Bandscheiben sind zwar flexibel, sie begrenzen jedoch auch den möglichen Bewegungsumfang. So verhindern sie im gesunden Zustand durch ihre großflächige Fixierung an den Wirbeldeckplatten wirkungsvoll eine Rotation und eine Längsverschiebung der Wirbel, sodass es nicht zu einem Wirbelgleiten kommt. Kommt es zu Bewegungen der Wirbelsäule zur Seite, nach vorn oder nach hinten, so verschiebt sich der Bandscheibenkern entsprechend und fängt auftretende Kräfte ab. 

Die Wirbelsäule

Die menschliche Wirbelsäule umfasst sieben Halswirbel, zwölf Brustwirbel, fünf Lendenwirbel, fünf miteinander verschmolzene Wirbel am Kreuzbein und vier bis fünf verkümmerte Wirbel am Steißbein. Die Wirbel sind untereinander mit Bandscheiben verbunden, welche der doppelt s-förmigen Konstruktion ihre Flexibilität geben. Durch die Lastverteilung kann es jedoch in bestimmten Bereichen zu einer besonderen Beanspruchung der Bandscheiben kommen: Meist sind es die Bandscheiben der Hals- oder Lendenwirbelsäule, die kollabieren: An der Brustwirbelsäule kommt es sehr viel seltener zu Bandscheibenvorfällen. 

von Arne Wondracek aus ORTHOpress 3/18

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