Applied Kinesiology Ein ganzheitlicher Diagnoseansatz

Der erfolgreichen Therapie einer Erkrankung geht heute im Allgemeinen vor allem eines voran: eine umfangreiche Diagnose. Sie dient nicht nur der genauen Feststellung der Beschwerden eines Patienten, sondern insbesondere der Abgrenzung verschiedenster Krankheitsbilder voneinander. Dabei ist nicht immer neueste Computertechnik und Apparatemedizin gefragt. – Es gibt auch manuelle Techniken, mit denen sich Erkrankungen richtiggehend „erspüren“ lassen. Und das nicht nur bei offensichtlichen Verspannungen und Brüchen.

Vor mehr als 30 Jahren entdeckte der amerikanische Chiropraktiker George J. Goodheart durch Zufall die Grundlagen der „Angewandten Kinesiologie“: Bei der Untersuchung eines Patienten stellte er fest, dass sich die Stärke eines Muskels verändert, wenn therapeutisch relevante Punkte am Körper behandelt oder auch nur berührt werden. Basierend auf diesen Erkenntnissen entwickelte Goodheart in den darauf folgenden Jahren einen standardisierten Muskeltest, mit dessen Hilfe sich die Reaktion des Körpers auf Reize, Substanzen und Emotionen jeglicher Art messen lässt. Da sich die Angewandte Kinesiologie aus der Chiropraktik entwickelt hat, eignet sie sich besonders zur Diagnose bei Beschwerden, die im weitesten Sinne mit dem Bewegungsapparat zusammenhängen. Doch auch Allergien, Unverträglichkeiten, toxische Belastungen und psychische Störungen können auf diese Art und Weise festgestellt werden. „Mit Handauflegen hat das nichts zu tun“, wehrt der Berliner Orthopäde Dr. Christian Rehak die Skepsis vieler Kollegen und Patienten ab. „Wir stellen mit der AK ja nicht die schulmedizinischen Diagnosemethoden in Frage, sondern sehen sie gewissermaßen als Ergänzung dazu.“ Dabei geht die Angewandte Kinesiologie von einer ganzheitlichen Betrachtung des Menschen aus. Schon ihr Begründer entdeckte, dass den meisten Muskeln bestimmte Organe und Leitbahnen (ganz ähnlich wie bei der Akupunktur) zugeordnet werden können. So steht etwa der Bizeps mit dem Magen in Verbindung und der Sartorius, ein Muskel auf der Vorderseite des Oberschenkels, mit der Nebenniere.

Heute weiß man, dass auch Bindegewebsstrukturen sowie bestimmte Zellen des Lymphsystems davon beeinflusst werden.

Bei der standardisierten Messung der Mus­kelstärke ergeben sich drei mögliche Resultate:

1) Hyporeaktiver Muskel: Der Patient kann den Muskel nicht stark genug anspannen.

2) Normoreaktiver Muskel: Der Muskel kann dem ansteigenden Druck des Untersuchers ausreichend Widerstand leisten, reagiert aber auf schwächende Maßnahmen mit einem vorübergehenden Leistungsabfall.

3) Hyperreaktiver Muskel: Der Muskel des Patienten ist stark und reagiert nicht auf schwächende Maßnahmen.

Mit diesen drei Reaktionstypen lässt sich die Angewandte Kinesiologie erklären: Im normoreaktiven Zustand sind die Muskeln in einer zufrieden stellenden Reaktionslage. Im hyperreaktiven Zustand besteht eine übergroße Anspannung des Organismus und der Muskulatur. Der hyporeaktive Zustand entspricht dem der Erschöpfung. Dr. Rehak: „Mit Hilfe der AK können so wesentliche Stressfaktoren ermittelt werden.“ So kann man zum Beispiel einen zahnärztlichen Werkstoff im Mund eines Patienten testen. Wird ein normoreaktiver Muskel beim Testreiz schwach oder hyperreaktiv, sollte das Material nicht verwendet werden.

Die Ergebnisse des Muskeltests sind für sich allein genommen jedoch nicht ausreichend: Dr. Rehak betont, dass die AK-Befunde stets mit klinischen Untersuchungsverfahren belegt werden sollten. So stehe mit der Angewandten Kinesiologie ein Verfahren zur Verfügung, welches sich hervorragend als Erstuntersuchung eigne, bevor andere, zum Teil wesentlich aufwändigere Diagnoseverfahren bemüht werden müssen.

von Lukas Grembermann

Ein Archivbeitrag* aus ORTHOpress 3 | 2000
*Archivbeiträge spiegeln den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wieder. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen.