Zu viel Druck ist schädlich – Bruxismus und seine Folgen

VonUlrike Pickert

Wenn wir unsere Zähne zusammenpressen, kann ein Gewicht von mehreren Hundert Kilogramm entstehen. Der gewaltige Druck, der auf diese Weise zustande kommt, hilft uns dabei, feste Speisen zu kauen und im Mund zu zermahlen. Viele Menschen jedoch pressen ihre Zähne auch außerhalb der Nahrungsaufnahme aufeinander oder knirschen mit ihnen. Dieses Phänomen, das Mediziner als Bruxismus bezeichnen, hat beträchtliche Auswirkungen auf Zähne, Kiefergelenke und die gesamte Körperstatik.  

Je nach Schätzung leiden etwa zehn bis dreißig Prozent der Bundesbürger in mehr oder weniger stark ausgeprägter Form unter Bruxismus. Zahnärzte behaupten zuweilen, diese Menschen bereits auf den ersten Blick an ihren ausgeprägten, hervorstechenden Kaumuskeln erkennen zu können. Aus kieferorthopädischer Sicht ist das Pressen und Knirschen ein Anzeichen dafür, dass die Kiefergelenke nicht richtig funktionieren. Dies hängt mit einem fehlerhaften Zusammenbiss (Okklusion) der Kiefer zusammen, der z. B. durch einen vorstehenden Zahn ausgelöst werden kann und dazu führt, dass die obere und untere Zahnreihe gegeneinander reiben. Dadurch entsteht ein erhöhter Muskeltonus im Kiefergelenk, welcher unter Umständen auf andere Muskeln z. B. an Schulter und Nacken übertragen wird und Dysbalancen im ganzen Körper hervorrufen kann. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einer cranio-mandibulären (cranium = Schädel, mandibulum = Unterkiefer) Dysfunktion. Verantwortlich für den Bruxismus sind darüber hinaus in vielen Fällen psychische Ursachen, insbesondere Depressionen, Stress, Ärger oder Anspannungen, die nicht ausreichend verarbeitet werden und die der Körper durch Druck auf die Zähne versucht abzubauen. Die Betroffenen haben im wahrsten Sinne des Wortes an ihren Problemen zu kauen. Oft geschieht dies nachts, ohne Kontrolle, und es ist vielfach erst der Partner, der auf das störende Verhalten aufmerksam macht. Außerdem dürften auch Kaffee, Nikotin oder Alkohol eine Rolle spielen, da diese einen Einfluss auf die Botenstoffe Dopamin, Serotonin und Adrenalin ausüben. Das Gleiche gilt für bestimmte Medikamente. So legt eine kürzlich veröffentliche Studie nahe, dass die Einnahme von Antidepressiva wie Fluoxetin, Sertralin und Venlafaxin eine gewisse Rolle bei der Entstehung des Bruxismus spielen kann.

Die Folgen sind am Gebiss erkennbar

Dauert der Bruxismus längere Zeit an, sind die Folgen häufig am Gebiss sichtbar. Für den Zahnarzt ist dann bei der Untersuchung deutlich erkennbar, dass der Patient mit den Zähnen knirscht. Die Schädigungen reichen von abgeriebenem Zahnschmelz und abgewetzten Zahnkronen über Risse in den Zähnen bis zum Zahnbruch. Typisch ist auch eine stark ausgebildete Kaumuskulatur. Ein charakteristisches, aber nicht eindeutiges Zeichen sind keilförmige Defekte. Neben diesen unmittelbaren Auswirkungen treten weitere Symptome auf, die von den Betroffenen selbst unter Umständen gar nicht mit dem Zähnepressen in Verbindung gebracht werden. Dazu gehören Zahnschmerzen, Kieferschmerzen und -knacken oder eine eingeschränkte Kieferöffnung. Darüber hinaus kann es zu Nackenverspannungen, Kopf- und Rückenschmerzen, Tinnitus und Ohrenschmerzen, aber auch zu Verstimmungen, Niedergeschlagenheit und Schlafstörungen kommen.

Gehen Sie auch gegen die Ursachen vor

Die gängige Methode zur Therapie des Bruxismus ist die Verwendung einer Aufbissschiene. Diese dient als Schutzbarriere zwischen Ober- und Unterkiefer. So wird ein weiterer Abrieb der Zähne verhindert. Allerdings werden dadurch in der Regel nur die Beschwerden gelindert, ohne dass die eigentliche Ursache beseitigt würde. Um eine weiterreichende therapeutische Korrektur zu erzielen, lässt sich eine sogenannte Okklusionsschiene verwenden. Damit ist es möglich, eine Kieferposition einzustellen, die den Unterkiefer stabilisiert und den Kaumuskel entlastet. Es ist darüber hinaus sinnvoll, auch den seelischen Ursachen für den Bruxismus zu Leibe zu rücken und zu lernen, emotionale Belastungen besser zu bewältigen. Hilfreiche Methoden, die dabei helfen können, sind Yoga, Pilates und die Progressive Muskelrelation.

Zum Abschluss sollen zwei einfache Entspannungsübungen angeführt werden, die Sie selbstständig zu Hause durchführen können:

• Halten Sie Zeige- und Mittelfinger eng zusammen und massieren Sie damit in elliptisch kreisenden Bewegungen Ihre Kaumuskulatur. Diese befindet sich an der Stelle, wo Ober- und Unterkiefer aufeinandertreffen.

• Holen Sie tief Luft mit der Nase und halten Sie eine „Luftkugel“ fest. Bewegen Sie diese langsam im Mund umher. Auf diese Weise können Sie die sensiblen Zonen des Kiefers stimulieren und entspannen.

Bruxismus – eine Form der Parasomnie

Schlafmediziner zählen den Bruxismus zu den sogenannten Parasomnien. Darunter versteht man Verhaltensauffälligkeiten im Schlaf wie Schlafwandeln, Bettnässen oder nächtliches Sprechen, an die sich die Betroffenen nach dem Aufwachen in der Regel nicht mehr erinnern können. Manche Forscher vermuten, dass das Hirnareal, welches für das Zähneknirschen verantwortlich ist, in der Nähe des sogenannten Traumzentrums liegt. Allerdings ist es umstritten, ob ein solches Traumzentrum überhaupt existiert.

Auch kleine Kinder knirschen mit den Zähnen

Sobald die ersten Zähne sprießen, knirschen Babys mit den Zähnen. Es handelt sich dabei bis zum dritten Lebensjahr um ein ganz normales Phänomen, das in der Regel nicht mit schädlichen Folgen verbunden ist. Da sich die Milchzähne ihren Platz innerhalb des Gebisses noch suchen müssen, werden die Kauflächen gegeneinander abgeschliffen, damit ein korrekter Zusammenbiss zwischen Ober- und Unterkiefer entsteht. Die Zähne werden auf diese Weise gewissermaßen „eingebissen“. Das Reiben und Pressen ist auch dann ganz normal, wenn die Milchzähne ausfallen und die zweiten Zähne nachwachsen. Hält der Bruxismus über diese frühen Phasen hinaus an und wird chronisch, handelt es sich sehr oft um ein Zeichen für innere Unruhe, Unsicherheit oder Überforderung. In diesem Fall sollte man das Problem gezielt angehen. So kann eine Psychotherapie des betroffenen Kindes und gegebenenfalls auch der Eltern hilfreich sein. 

von Klaus Bingler

aus ORTHOpress 3/18

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