Wie der Schmerz „kalt gemacht“ wird

Die heilsame Wirkung von Kälte ist seit Jahrhunderten hinlänglich bekannt und der Laie macht sie sich auch im Alltag nur allzu oft zu Nutze: Schmerzende Stellen werden unter fließendes kaltes Wasser gehalten, mit eiskalten Messerklingen oder Eisbeuteln bedeckt. Diese „Erfahrungswissenschaft“ ist in den letzten Jahren zunehmend auf eine wissenschaftlich fundierte Ebene gebracht worden. Seither wird Kälte sogar im Rahmen von minimalinvasiven chirurgischen Maßnahmen zur neurologischen Schmerzbehandlung eingesetzt. Eine nicht-invasive Kältetherapie der neuen Generation ist die Cryonic-Therapie, die bei einer Vielzahl von Verletzungen und Erkrankungen Anwendung findet. Orthopress sprach hierüber mit dem Münchner Sportmediziner und Chirotherapeuten Dr. med. Ernst-Ulrich Bieder.

Herr Dr. Bieder, was unterscheidet das „Cryonic“ genannte Verfahren von der „konventionellen“ Kältebehandlung?

Nach ersten Forschungsarbeiten durch deutsche und japanische Forscher in den vergangenen zwei Jahrzehnten zur kryotherapeutischen Anwendung auf Stickstoffbasis, ist es einer Gruppe französischer Ärzte und Experten aus Forschung und Industrie gelungen, ein neuartiges Verfahren zu entwickeln, welches die damit verbundenen Nachteile, neben hohen Kosten insbesondere die Gefahren beim Umgang mit flüssigem Stickstoff (seine Siedetemperatur liegt bei –140 °C!), vermeidet. Das Ergebnis: Ein Kälteapparat (Cryotron), der auf kontrollierte und vollständig sichere Weise mit Hilfe von flüssigem Kohlendioxid als Kältemittel arbeitet. Dieses wird durch ein Druckreduzierventil in eine Applikationspistole geleitet. Dabei tritt es durch ein Kapillarrohr mit so geringem Durchmesser aus, dass das flüssige Kohlendioxid augenblicklich zu Kohlensäureschnee wird. Die zu behandelnde Stelle wird derart punktgenau und mittels eines gleichmäßigen Strahls winziger Trockeneiskristalle abgekühlt, was in weniger als einer Minute die gleiche Wirkung hervorruft wie Eiskühlung in drei Stunden, darüber hinaus aber noch zahlreiche andere Vorzüge besitzt.

Welches sind genau die Effekte der neuen Kälte-Therapie?

Zunächst ist vor allem die analgesierende Wirkung zu nennen: Die von den Nozizeptoren in den Nervenzellen erzeugten Aktionspotenziale werden durch Kälte deutlich gedämpft, wodurch die Schmerz­empfindung abnimmt. Darüber hinaus wird durch die Kälte auch die Ausschüttung spezieller Gewebshormone reduziert, die – bei Verletzungen oder rheumatischen Erkrankungen – entzündliche Reaktionen hervorrufen. Die Cryotron-Anwendung hat zudem einen vasomotorischen, d.h. die Durchblutung anregenden Effekt. Auf den durch die Kälte hervorgerufenen Kälteschock (–78 °C) reagieren die Blutgefäße derart, dass das Abfließen von Flüssigkeit aus den Gewebezwischenräumen und von für die Heilung negativen Substanzen (Toxine, suspendierte Proteine oder sonstige Zerfallsprodukte des Gewebes) gefördert wird. Auf diese Weise ergibt sich ein Rückgang der Schwellung. Diese Abfuhr von schädlichen Stoffen durch Anregung der Durchblutung fördert die Heilungsvorgänge. Die Verletzung oder der schmerzhafte Bereich heilt schneller und kann früher belastet werden. So wird das Gerät etwa auch bei der französischen Nationalelf sehr geschätzt.

In welchen Fällen eignet sich das Verfahren insbesondere?

Gerade bei frischen Verletzungen, wie Prellungen, Zerrungen, Rissen u.Ä., und nach operativen Eingriffen wird von den Patienten eine deutliche schmerzlindernde Wirkung durch die Cryonic-Anwendung bestätigt. Da es sich um eine trockene Kälte handelt, wird diese Therapie als sehr angenehm empfunden, ohne ein Gefühl der Auskühlung zu entwickeln, obwohl ja eine sehr rasche Abkühlung im Gewebe erzielt wird.

Beim Einsatz zur postoperativen Behandlung lassen sich vor allem die auftretenden Schwellungen und Reizungen deutlich reduzieren, so dass sich der Heilverlauf verkürzt und – was besonders wichtig im Rahmen der allermeisten rehabilitativen Maßnahmen ist – eine schnellere Belastbarkeit erreicht wird. Zudem wird die Wundheilung beschleunigt und erfolgt dabei mit einer geringeren Narbenbildung.

Was leistet die Methode für die Behandlung des orthopädischen Kardinalproblems Rückenschmerz?

Der Kältereiz wirkt auf die Muskelfasern ein und bewirkt eine reflektorische Muskelentspannung mit Tiefenwirkung. Dadurch lässt sich bei akuten, aber auch bei chronischen Schmerzen im Bereich der Wirbelsäule eine Besserung der Beschwerden und der Beweglichkeit erzielen. Man bricht damit gewissermaßen den Teufelskreis von in vielen Fällen durch Muskelverspannungen hervorgerufenem Schmerz, daraus entstehender Bewegungseinschränkung und darauf wiederum folgendem Schmerzgeschehen auf. Die sofortige Schmerzreduktion stellt die Basis für die – neuerliche – Bewegung des Schmerzpatienten dar, erlaubt also eine leichtere Mobilisierbarkeit. Dadurch verkürzt sich die Behandlungsdauer insgesamt entscheidend.

Herr Dr. Bieder, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

 

Ein Archivbeitrag* aus ORTHOpress 3 | 2001
*Archivbeiträge spiegeln den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wieder. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen.