An Vitamin D denken

VonKlaus Bingler

An Vitamin D denken

Wenn die Tage kürzer und die Unterhosen länger werden, wie der Volksmund scherzhaft formuliert, ist es Zeit, an das Auffüllen der Speicher mit dem lebensnotwendigen Vitamin D zu denken. Denn das Vitamin, welches eigentlich ein Hormon ist, bestimmt zahlreiche Stoffwechselprozesse und ist nicht etwa nur für den Knochenaufbau wichtig. Inzwischen nimmt man sogar an, dass ein Zusammenhang zwischen dem Vitamin-D-Spiegel und bestimmten Krebserkrankungen besteht.

Die Bezeichnung „Vitamine“ steht für eine ganze Reihe von gesunden und lebenswichtigen Stoffen, welche – so dachte man ursprünglich – unser Körper nicht selbst herstellen kann. Sie geht auf den Biochemiker Casimir Funk zurück, der ein Kunstwort aus „Vita“ (Leben) und „amin“ (stickstoffhaltig) schuf – er ging davon aus, dass alle diese Stoffe ähnlich aufgebaut seien. Inzwischen weiß man natürlich, dass die Stoffe zum Teil höchst unterschiedlich sind und sich nicht nur Eiweißverbindungen, sondern auch Säuren und Fette darunter befinden. 

Ohne Sonne geht gar nichts

Das Vitamin D ist dabei die einzige dieser Substanzen, die nicht hauptsächlich über die Nahrung aufgenommen wird, aber nur bei Vorliegen der notwendigen Voraussetzungen vom Körper gebildet werden kann. Dabei gilt: Ohne Sonne geht gar nichts. Nur bei ausreichender Sonneneinstrahlung auf die Haut kann unser Körper Vitamin D herstellen. Was dabei als ausreichend angesehen werden kann, war in der Vergangenheit Gegenstand hitziger Diskussionen. Heute geht man aber davon aus, dass mindestens 18 mJ UV-B-Strahlung auf einen Quadratzentimeter Haut treffen müssen, um die Produktion anzukurbeln. Dazu ist jedoch ein Einfallswinkel der Sonnenstrahlen nötig, der steiler als 35 ° ist. Im Klartext: Auch an einem wolkenlosen, warmen Oktobertag reicht in Deutschland ein Sonnenbad praktisch kaum aus, um die Bildung einer nennenswerten Menge von Vitamin D zu ermöglichen. Mit der Folge, dass in den Wintermonaten zwischen November und April 68 Prozent der Männer und 61 Prozent der Frauen unter den als Minimum angesehenen Vitamin-D-Spiegel von 20 ng / ml rutschen; gut 20 Prozent zeigen mit weniger als 10 ng / ml sogar einen schweren Mangel.

Vitamin-D-Mangel: Was sind die Folgen?

Besonders bei osteoporosegefährdeten Menschen ist eine Versorgung mit Vitamin D wichtig: Ohne das Hormon kann das dem Körper zugeführte Kalzium nicht zum Aufbau neuen Knochens verwendet werden – es droht ein immer weiter fortschreitender Abbau der vorhandenen Knochenmasse. Die Auswirkungen eines Vitamin-D-Mangels zeigen sich dabei schleichend: Sind die körpereigenen Speicher leer, so kommt es meist zu Müdigkeit und Konzentrationsstörungen, aber auch zu depressiver Verstimmung, höherer Infektanfälligkeit und Gelenkschmerzen. Besonders letztere werden heute darauf zurückgeführt, dass der Knochenstoffwechsel durch das fehlende Vitamin D gestört wird und der Knochen regelrecht „erweicht“. Bereits 2013 wies der Bund Deutscher Nuklearmediziner (BDN) darauf hin, dass häufig nicht Rheuma oder Verschleißerkrankungen, sondern ein Vitamin-D-Mangel die Ursache für Schmerzen und Bewegungseinschränkungen sei. „Treten nach einem langen und sonnenlosen Winter unklare Knochenschmerzen auf, sollten Betroffene und behandelnde Ärzte immer auch an einen Vitamin-D-Mangel denken und dies abklären lassen“, so der BDN-Vorsitzende Prof. Dr. Detlef Moka: „Durch den Bluttest stoßen wir häufig auf einen ausgeprägten Vitamin-D-Mangel.“ Dabei wird im Blut die Serumkonzen-tration des 25-Hydroxyvitamin D gemessen. Sie sollte bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen 20 ng / ml (50 nmol / l) nicht unterschreiten. 

Die Speicher auffüllen – aber wie?

Liegt nur ein leichter Mangel vor, so kann dieser mit frei verkäuflichen Nahrungsergänzungsmitteln ausgeglichen werden, welche mit einer Dosis zwischen 800 und 1.000 I.E. ungefähr den Tagesbedarf liefern. Bei ausgeprägtem Mangel kann eine Stoßbehandlung mit 20.000 I.E. pro Tag angezeigt sein, die dann mit einem entsprechenden rezeptpflichtigen Medikament durchgeführt wird. Nicht in Betracht ziehen sollte man den Besuch eines Solariums, auch wenn man dort durch eine Bestrahlung problemlos die zur körpereigenen Vitamin-D-Synthese nötige UV-B-Dosis erhielte: „Im Solarium kann die UV-Strahlung so stark sein wie im Sommer zur Mittagszeit am Äquator“, so Thomas Jung vom Bundesamt für Strahlenschutz. Neuere Studien zeigen, dass Solarienbesucher ein um 20 Prozent höheres Risiko haben, am schwarzen Hautkrebs zu erkranken. Die gesundheitlichen Nachteile eines Solariumbesuchs überwiegen die Vorteile durch die bessere Versorgung mit Vitamin D daher bei Weitem, weshalb inzwischen auch der Besuch von Solarien für Kinder und Jugendliche gesetzlich verboten ist.

Vitamin-D-Überdosis – geht das?

Durch die natürliche Sonnen-einstrahlung kann der Körper keinesfalls so viel Vitamin D bilden, dass es zu einer Überdosis kommt. Auch frei verkäufliche Nahrungsergänzungsmittel enthalten kaum genug, um mit ein paar versehentlich zu viel eingenommenen Kapseln in den toxischen Bereich vorzudringen: Dazu wären schon etwa 50 mg (2.000.000 I.E.) nötig, was dem Wirkstoffgehalt von rund 2.000 Kapseln eines handelsüblichen, in der Apotheke erhältlichen Vitamin-D-Nahrungsergänzungsmittels entspräche.

Vitamin D – neue Waffe gegen Brust- und Prostatakrebs?

Neuere Studien zeigen, dass sich die Gabe von Vitamin D offenbar günstig auf die Entwicklung mehrerer Krebsarten auswirkt, wodurch sich möglicherweise neue Behandlungsansätze ergeben. So konnte Bruce Hollis, Professor an der Medizinischen Universität von South Carolina in Charleston zeigen, dass Vitamin D Entzündungen im Gewebe verringert, die als Triggerfaktoren für die Entwicklung von Prostatatumoren gelten. Besonders bei Tumoren im sogenannten Low-grade-Stadium könnte daraus vielleicht schon in naher Zukunft eine gut verträgliche Behandlungsoption entwickelt werden. Für die Entstehung von Brustkrebs legen bereits mehrere Studien eine protektive Wirkung nahe, darunter eine 2011 durchgeführte französische Kohortenstudie an über 67.000 Frauen, die für Frauen, welche hochdosierte Vitamin-D-Präparate einnahmen, ein signifikant niedrigeres Brustkrebsrisiko zeigte.

 

von Arne Wondracek

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