„Service“ für die Schulter

Schulterschmerzen im Tennissport

Tennis – der ehemals elitäre „weiße Sport“ – ist heute längst zum Volkssport geworden. Aus orthopädischer Sicht können mit dieser Sportart und ihren spezifischen Bewegungsabläufen eine Reihe von Schulterbeschwerden verbunden sein. Orthopress sprach mit dem Kölner Schulterspezialisten Dr. Stefan Preis über die Erkrankungen und Therapiemöglichkeiten der „Tennisschulter“.

Herr Dr. Preis, inwiefern kann Tennisspielen zu Schulterbeschwerden führen?

Zunächst müssen diese Beschwerden selbst unterschieden werden in einerseits Überlastungsschäden und andererseits Verletzungen. Im Falle der Überlastung kann der Schleimbeutel oder die Sehne durch eine Reizung bzw. Entzündung reagieren. So muss bei zahlreichen Bewegungsabläufen im Tennis der Ball über Kopf gespielt werden: beim sog. „Service“, dem Aufschlag, oder etwa beim Schmetterschlag bzw. Volley, wo der Ball aus der Luft angenommen wird. Bei diesen dynamischen Schwungbewegungen muss sich der Oberarmkopf unter dem Schulterdach durchdrehen und wird dabei – in bestimmten Schwungphasen – unter das Schulterdach gedrückt, was bei häufiger oder heftiger bzw. falscher Beanspruchung zum Impingement, der beschriebenen Reizung, führen kann. Zu Überlastungsbeschwerden kann es aber auch dadurch kommen, dass die Schulter kein ausgeprägtes Muskelrelief aufweist und in Folge dieser sog. funktionellen Instabilität die Gelenkkapsel überlastet wird.

Bei Verletzungen wiederum differenzieren wir zwischen Muskelverletzungen (z.B. Zerrungen, Muskelfaserriss) und Sehnenverletzungen. So können vor allem beim reiferen Sportler – auf Grund bereits durch Druck vorgeschädigter bzw. degenerierter Sehnen – entsprechende dynamische Bewegungen ausreichend sein, um die Sehne zum Reißen zu bringen.

Wie werden diese unterschiedlichen Beschwerden und Erkrankungen diagnostiziert?

Einen ersten Aufschluss gibt das klinische Bild. Bei der Ermittlung der Krankengeschichte liefern u.a. gezielte, auf das Tennisspiel bezogene Fragestellungen wichtige Hinweise. Ausgehend von dieser Verdachtsdiagnose werden dann ggf. apparative Untersuchungen eingeleitet – je nach Stärke des Befundes Ultraschall, Kernspintomografie oder auch Röntgen.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es für die unterschiedlichen Schulterbeschwerden?

Klingen klassische Überlastungsbeschwerden durch eine gewisse Schonung und Kühlung (Salbe) nicht von selbst ab, dann sollte sich der Patient ärztlich untersuchen lassen.

Eine funktionelle Instabilität erfordert als Therapie die Kräftigung der Muskulatur und damit Entlastung der Gelenkkapsel. In vielen Fällen lassen sich Überlastungsprobleme im Rahmen einer medikamentösen Therapie bessern bzw. konservativ beheben, d.h. ggf. unterstützt durch physiotherapeutische sowie physikalische Maßnahmen. Wichtig ist es hierbei auch, die Spielgewohnheiten des Patienten (u.a. Technik, Materialprobleme) als mögliche Ursachen der Beschwerden zu hinterfragen.

Ein Sehnenriss aber bedeutet doch das „Aus“ für den Spieler?

Ja und nein. Eine gerissene Sehne heilt von alleine bzw. nur mit Hilfe sanfter Maßnahmen nicht aus. Je nach Beschaffenheit des Sehnenmaterials, letztlich in Abhängigkeit vom Alter des Patienten, lassen sich gerissene Sehnen aber im Rahmen eines minimalinvasiven, d.h. arthroskopischen Eingriffs rekonstruieren. Die Ziele hierbei sind natürlich hoch gesteckt: Denn mit einem solchen Eingriff soll ja nicht nur die „alltagstaugliche“ Funktion wiederhergestellt, sondern der Patient wieder tennisfähig gemacht werden, damit ihm ein für seine Lebensqualität wesentlicher Bereich erhalten bleibt. Bis dahin allerdings muss der derart versorgte Patient noch mit einer Ausfallzeit von ca. vier Monaten rechnen, damit die Sehne an den Knochen anheilen und sich regenerieren kann.

Herr Dr. Preis, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

 

Ein Archivbeitrag* aus ORTHOpress 3 | 2001
*Archivbeiträge spiegeln den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wieder. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen.