Schritt für Schritt

VonKlaus Bingler

Der erste Triumphschrei in einer Krabbelgruppe darf erwartet werden, wenn die Babys zwischen neun und zehn Monate  alt sind. Entweder posaunt die stolze Mutter die gute Nachricht morgens direkt zu Beginn der Stunde in die Gruppe oder sie konnte es nicht abwarten und hat schon am Abend vorher -aufgeregt in der WhatsApp-Gruppe gepostet: Stellt Euch -vor, Max, Tim, Jonas oder wie auch immer KANN LAUFEN!!!

Während die anderen Eltern lautstark ihre Glückwünsche äußern, fragen sich viele von ihnen im Stillen, wann es denn bei ihrem Kind so weit sein wird. Gemein wird es, wenn sich die Triumphschreie zwischen dem 12. und dem 14. Lebensmonat der Kinder häufen, während das eigene Kind sich gerade mal mühsam irgendwo hochziehen kann. Und wäre es nicht schon schlimm genug, Woche für Woche in die glücklichen Gesichter der Lauf-Mamis und -Papis zu blicken, muss man sich als Nichtlauf-Eltern auch noch ständig gut gemeinte Ratschläge anhören à la: „Das wird schon!“, „Jedes Kind hat sein eigenes Tempo“ oder „Ich kann dir einen suuuper Osteopathen empfehlen, der hat es bei Luise echt gebracht“. 

Jedes Kind ist anders

Doch ab wann sollten Eltern wirklich anfangen, sich Sorgen zu machen? Wann sollte ein Kind anfangen zu laufen? Diese Frage lässt sich tatsächlich nicht pauschal beantworten, denn das mit dem eigenen Tempo stimmt wirklich. Dennoch findet man in der Literatur relativ einheitliche Angaben zu diesem Thema. In der Regel sollten alle gesunden Kinder hierzulande bis zum 20. Monat frei gehen, heißt es im Konsens. Das Zeitfenster ist also relativ groß. Im Prinzip kommt es nicht ausschließlich auf das Laufen an sich an, sondern auch auf den Weg dorthin. Manche Kinder sind einfach etwas lang-samer oder zeigen ihre Fort-Schritte erst, wenn sie sie perfekt beherrschen, während man andere regelrecht üben sieht. Es gibt Kinder, die machen jede motorische Entwicklungsstufe vom -ersten Greifen übers Drehen, Robben, Krabbeln und schließlich Laufen lehrbuchmäßig nacheinander durch, während andere einige Schritte überspringen und wie aus dem Nichts plötzlich mobil werden. Deshalb sollten Eltern auch die bisherige Entwicklung des Kindes im Hinterkopf haben, wenn sie sich die Frage stellen, ob alles in Ordnung ist oder nicht.

Realistische Einschätzung

Außerdem kann es hilfreich sein, die eigenen Eltern zu fragen, wann man selbst mit dem Laufen angefangen hat. Vielleicht stellt sich ja heraus, dass man als Baby ebenfalls ein Spätzünder war. Auch Frühchen brauchen in der Regel länger, um wichtige Meilensteine wie das Laufen zu erreichen. In diesem Fall sollten sich die Eltern das eigentliche Alter des Kindes vor Augen halten, also wie alt es wäre, wenn es zum errechneten Termin geboren wäre. Auf der anderen Seite ist es wenig hilfreich, sich tatsächliche Verzögerungen schön zu reden. Denn je früher ein Defizit erkannt wird, desto eher kann das Kind unterstützend begleitet werden und desto größer ist die Chance, die Altersgenossen einzuholen.

Die richtige Unterstützung

Besorgte Eltern können sich jederzeit an den behandelnden Kinderarzt wenden. In der Regel stellt dieser mögliche Entwicklungsverzögerungen bereits im Rahmen der Untersuchungen zur Früherkennung (U1 bis U9) fest. Doch auch unter den Kinderärzten gibt es übervorsich-tige, die Eltern und Kind direkt zur Physiotherapie schicken, wenn das Kind -mit 18 bis 20 Monaten noch nicht läuft, und solche, die dem Kind immer noch ein paar Wochen geben, sofern keine -offensichtliche Erkrankung als Ursache erkennbar ist. In der Regel prüft der -Kinderarzt die Reflexe, die Muskelspannung sowie die allgemeine motorische und kognitive Entwicklung des Kindes. Wenn es mit dem Laufen tatsächlich nicht klappt, kann in seltenen Fällen eine ernsthafte Erkrankung dahinterstecken wie zum Beispiel:

• Probleme mit dem Gleichgewichtssinn

• Diverse Muskelerkrankungen

• Fehlstellungen der Beine oder Füße

• Diverse neurologische Erkrankungen

Stellt der Kinderarzt eine Erkrankung als Ursache für die Verzögerung fest, gilt es, diese so weit wie möglich zu behandeln. Dazu sind häufig weitere Untersuchungen, zum Teil durch Fachärzte, notwendig. Liegen keine organischen Ursachen zugrunde, verordnen die Ärzte zum Beispiel Physiotherapie. Der Therapeut gibt den Eltern in der Regel zusätzlich zu bestimmten Übungen auch Anregungen und Tipps an die Hand, wie sie Ihr Kind zum Laufen ermuntern können.

Der Weg ist das Ziel

Der Weg von der Geburt bis hin zum Laufen ist lang. Im Grunde genommen beginnt das Lauftraining bereits im Mutterleib. Eltern können Kinder bei ihrer motorischen Entwicklung am besten unterstützen, indem sie den Kindern immer wieder Anregungen und genügend Bewegungsspielraum, aber möglichst wenig Hilfestellung geben. So sollten die Kleinen zum Beispiel nicht hingesetzt oder hingestellt werden, bevor sie dies von alleine beherrschen. Die Umgebung sollte auf jeden Fall kindersicher sein.

Der Unterschied

Kann ein Kind mit 18 Monaten bereits zügig krabbeln, frei sitzen, sich selbst hinstellen und an Möbeln entlanghangeln, müssen sich die Eltern höchstwahrscheinlich keine Sorgen machen. Die ersten freien Schritte lassen sicher nicht mehr lange auf sich warten. Ist das Kind in diesem Alter jedoch insgesamt eher träge und kommt kaum von der Stelle, sollte die Motorik ärztlich überprüft werden.

GUT ZU WISSEN… GUT ZU WISSEN… GUT ZU WISSEN

Sogenannte Gehfrei-Wagen sind seit Jahren heftig umstritten. Einerseits werden sie in vielen Fachgeschäften angeboten, an-dererseits warnen zahlreiche -Institutionen wie etwa der Be-rufs-verband der Kinder- und Jugendärzte e.  V. eindringlich vor dem Gebrauch dieser „Lauflernhilfen“. Neben der immensen Unfallgefahr, zum Beispiel durch das Herabstürzen einer Treppe, könnten die Wägelchen zudem zu Fehlhaltungen führen, so die Warnung. – Die Babys würden in eine nicht altersgemäße aufrechte Position gedrängt, der die Wirbelsäule und Muskulatur noch nicht gewachsen sind. Zudem sei ein natürliches Gehen kaum möglich. Weiterhin würden sie dem Laufenlernen eher entgegenwirken als es zu fördern.

von Ulrike Pickert

aus ORTHOpress 2-20

 

Fragen und Antworten

Wie lernen Kinder gehen?

Wie und wann Kinder laufen lernen, ist individuell sehr unterschiedlich. Die meisten Babys machen ihre ersten Schritte im Alter von 12 bis 14 Monaten. Während die einen bereits mit acht bis zehn Monaten zu laufen beginnen, lassen sich andere damit 18 bis 20 Monate Zeit.

Wie kann man ein Baby beim Laufen Lernen unterstützen?

Viele Kinder lernen das Gehen ungefähr ab dem 11. Monat mit Unterstützung durch ein Spielzeug wie zum Beispiel einen Lauflernwagen oder an den Händen eines Erwachsenen. Es gibt auch Babys, die äußerst vorsichtig sind und erst fleißig üben, ehe sie es wagen, die ersten Schritte alleine zu tun.

Soll man Kindern beim Laufen lernen helfen?

Eltern sollten von Anfang an dafür sorgen, dass ihr Kind genügend Möglichkeiten hat, sich zu bewegen und ihm dabei spielerisch helfen. Falls das Kleine nach dem 18. Lebensmonat noch keinerlei Anstalten macht, eigenständig zu laufen, sollte man einen Kinderarzt zu Rate ziehen.

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