Schmerzen? – Bloß nicht schonen!

VonStefanie Zerres

Schmerzen? – Bloß nicht schonen!

Bewegung ist die beste Medizin

 „Schlaf ist die beste Medizin“ – dieser Rat ist nicht auf alle Krankheiten zu übertragen: Aktivität ist besonders bei Erkrankungen des Bewegungsapparates angezeigt. Sie kann helfen, einen gefährlichen Teufelskreis zu durchbrechen.

Schmerzen werden von uns negativ bewertet. Und natürlich sind sie das vom Empfinden her auch. Nicht ohne Grund werden sie als Bestrafung und Folter eingesetzt. Doch sie haben eine wichtige Funktion: Als Warnsignal weisen sie auf einen Missstand hin. Es gibt eine äußerst seltene, auf einem Gendefekt beruhende Erkrankung (hereditäre sensorische und autonome Neuropathie Typ IV), bei der kein Schmerz verspürt wird. Das ist für die Betroffenen ein schwerwiegendes Problem, da die warnende Funktion des Schmerzes nicht vorhanden ist. 

In Bewegung bleiben

Aber wie soll man mit dem Schmerz umgehen, wenn er nun einmal da ist und uns einschränkt? – Wir lassen uns nicht von ihm einschränken! Bewegung ist gut – das auch, oder vielleicht sogar besonders – bei Rückenschmerzen. Immer mehr kommt man davon ab, den Patienten Schonung anzuraten. Diese Maßnahme ist höchstens notwendig, wenn eine Verletzung vorliegt oder unmittelbar nach einer Operation. Dann gilt die Schonung meist aber auch nur für einen eingegrenzten Zeitraum und auch nicht für den ganzen Körper. So wird beispielsweise nach einer Hüftoperation der Körper gezielt wieder mobilisiert, Rotationsbewegungen an der operierten Hüfte aber anfangs unterlassen. 

Teufelskreis durchbrechen

Jede Funktion im Körper hat ihren Sinn. Wird sie nicht ausgeführt, z. B. durch Fehlhaltungen, Übergewicht, Bewegungsmangel oder einseitige Bewegungen, können Schmerzen entstehen. Als Reaktion darauf erfolgt oft eine Schonhaltung, die wiederum Funktionen blockiert. Diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen. Nicht nur der Schmerzen halber, sondern auch, um zu verhindern, dass schlimmere Schäden, wie z. B. ein Bandscheibenprolaps, daraus folgen. Oder eben eine Chronifizierung der Schmerzen, wodurch Schmerz als eigene Erkrankung entsteht, auftritt. Häufig muss man bei Rückenschmerzen zunächst einmal dafür sorgen, dass der Schmerz gelindert wird, damit dann mit Bewegung „behandelt“ werden kann. Das erfolgt in aller Regel mit einer entsprechenden Medikation, die Schmerzen, Entzündungen und Verspannungen behandelt und/oder anderen konservativen Maßnahmen, wie z. B. Wärmeanwendungen. Diese Maßnahmen oder auch eine Operation sollen den Patienten soweit wieder „fit“ machen, dass er Bewegungsmaßnahmen angehen kann. Sie sollen nicht, wie es bei manchen Patienten der Fall ist, das Gefühl des „Krankseins“ und damit Schonverhalten verstärken. Die passive Rolle des „Kranken“ sollte möglichst schnell aufgegeben werden. In sogenannten Rückenschulen oder bei Krankengymnastik können Patienten erfahren, wie sie ihre Muskulatur am besten bezüglich ihrer Problematik stärken und/oder dehnen. Es ist nämlich wichtig, nicht in den Schmerz hineinzutrainieren, schließlich soll er als Warnsignal nach wie vor ernst genommen werden. Zusätzlich bietet es sich an, den Alltag mehr auf Bewegung einzurichten: einfach mal mehr zu Fuß gehen oder die Treppe statt den Aufzug zu nutzen. Wichtig ist es, einen gesunden Mittelweg zwischen Überbelastung und Bewegungsmangel zu finden. Und nicht zu schnell aufzugeben: Es ist normal, dass ungewohnte Bewegungen erst einmal einen Muskelkater mit sich bringen können. 

Bewegung vor und nach der Operation

Das Prinzip der Bewegung als Therapie gilt auch (z. B. in der Endoprothetik) prä- und postoperativ. Das heißt, dass z. B. ein Patient, bei dem eine Hüftprothese geplant ist, seine Muskulatur – soweit wie es für ihn aufgrund der Erkrankung möglich ist – vor der Operation trainieren und seinen Kreislauf stabilisieren kann. Ersteres gibt dem neuen Gelenk gleich mehr Halt und dem Körper Kraft, um die Zeit auf Unterarmstützen gut zu bewältigen. Zweitens stärkt es Herz und Lunge, was ein guter Umstand für jede Operation ist. Beides ist aber auch postoperativ wichtig. Die Muskulatur muss gezielt nach der Operation aufgebaut werden, um schnell wieder „auf die Beine“ zu kommen und das neue Gelenk zukünftig gut zu stabilisieren. Auch psychische bzw. psychosoziale Vorteile gehen mit Bewegung einher. Wer körperlich fit ist, der fühlt sich auch seelisch besser und nimmt – ob beim Sport oder allgemeinen sozialen Umgang – auch wieder mehr am Geschehen um sich herum teil.

Vorteile von Bewegung: 

  • Anregung des Stoffwechsels und allem, was dazugehört (Nervensystem, Gehirn, Herz, Lunge …)
  • Muskelaufbau
  • Gelenkmobilisation
  • Dehnung von Sehnen, Gelenken, Muskeln
  • Lösung von Verspannungen
  • Abbau von Stress
  • Reduzierung von Übergewicht
  • Stärkung des Immunsystems
  • Verbesserung der motorischen Fähigkeiten (z. B. Reaktionsfähigkeit)
  • Verbesserung der Körperhaltung

von Stefanie Zerres

aus ORTHOpress 2/2012

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Stefanie Zerres administrator